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SpotCheck | Freeride Ankogel

48 Stunden hoch droben im Kärntner Powder

07.11.2018

Unscheinbar versteckt sich das kleine Skigebiet Mallnitz/Ankogel im nordwestlichsten Zipfel Kärntens. Für Verstecken gibt es aber überhaupt keinen Grund: mit nur wenigen Aufstiegsmetern erreicht man hier gewaltige Abfahrten von knapp 1.800 Höhenmetern, die auf der To-Ski-Liste eines jeden Freeriders nicht fehlen dürfen. Hüttenübernachtung in Poleposition inklusive.

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Tobias Hipp

Unscheinbar versteckt sich das kleine Skigebiet Mallnitz/Ankogel im nordwestlichsten Zipfel Kärntens. Für Verstecken gibt es aber überhaupt keinen Grund: mit nur wenigen Aufstiegsmetern erreicht man hier gewaltige Abfahrten von knapp 1.800 Höhenmetern, die auf der To-Ski-Liste eines jeden Freeriders nicht fehlen dürfen. Hüttenübernachtung in Poleposition inklusive.

Ein Freeride-Wochenende mit Hüttenübernachtung in einem uns unbekannten Gebiet sollte es für einen Ausflug im letzten Frühjahr sein; und wenig Aufstiegsmeter für viel Abfahrtsspaß. Nach schneearmen Wintern in den Ostalpen hatte es dieses Jahr endlich überall Unmengen an Schnee, eben auch in Nordkärnten auf der Südseite der Hohen Tauern. Hier steht in Mitten eines kleinen Skigebiets das Hannoverhaus des Deutschen Alpenvereins: auf 2.500 m, hoch droben über Mallnitz, ist man am ersten Tag der Letzte der den Powder ruhen lässt und am nächsten Tag der Erste auf dem Weg zum Ankogel.

Etwas ungewöhnlich startet unsere Tour: Von der schattigen Nordseite der Hohen Tauern unweit des mondänen Skiorts Bad Gastein rauschen wir per Zug durch einen dunklen Tunnel („die Tauernschleuse“) von Böckstein einmal quer unter dem Alpenhauptkamm hindurch auf die Südseite – vom Salzburger Land nach Kärnten. Im Personenabteil des Autozugs schwirrt schon die Vorfreude auf einen Powdertag in der Luft. „An super Pulver hat’s nordseitig, wird a feines Dagerl heit“ stimmt eine junge Bad Gasteiner Freeriderin ihre Gruppe auf halber Strecke im Tunnel ein. Hellhörig lauschen wir ihrer Erlebniserzählung ihres gestrigen Ausflugs. Etwas bange wird uns aber beim Anblick der gut 20 Paar Freeridelatten und dazugehörigen Piloten dann doch.

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Tobias Hipp
Christian Neulinger, Gerhard Haas, Johannes Hoyos

Mit etwas besorgten Gesichtern schauen wir uns an, und müssen nicht viel sagen. „Ob wir da als Gebietsneulinge heut überhaupt a Chance auf was Unverspurtes haben?“. Es knistert im Lautsprecher und eine freundliche Stimme holt uns aus den Gedanken: „In wenigen Minuten erreichen wir Mallnitz-Obervellach“. Es ist soweit. Jetzt heißt es schnell sein, rein in den Skibus, Tickets kaufen, alles parat haben und ja nicht abhängen lassen.

Wenige Augenblicke später stehen wir mutterseelenallein an der Bushaltestelle. Die anderen drängen sich um bereits vorbestellte Großraumtaxis, laden die Ski auf und sind weg aus Mallnitz. Mit einem Lächeln begrüßt uns der Busfahrer in tiefstem Kärntner Dialekt „Ankogel-Seilbahn? Ja dann steigt’s ein in Euer Privat-Shuttle“. Tatsächlich, der Bus ist fast leer. Zum Glück lüftet unser Kärntner Chauffeur das „Geheimnis“ und vertreibt unsere Sorge, dass wir dank Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel nun die Letzten sein werden. „Die anderen fahren weiter zum Mölltaler Gletscher. Ihr habt’s es richtig gemacht. Willkommen am Ankogel, is eh viel schöner bei uns!“

Eine Gondel mit großem Effekt

Das etwas in die Jahre gekommene und in Neonfarben dekorierte Gondel-Dreiergespann weckt unweigerlich Erinnerungen an den legendären Freeride-Ort La Grave in Frankreich. Ähnlich wie sein großer Bruder erschließt auch hier in Kärnten nur diese eine einzige Gondelbahn ein riesiges Freeride-Gelände. Auch hier kommen mit nur wenigen Aufstiegsmetern lange Abfahrten von bis zu 1.800 Höhenmetern zusammen.

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Tobias Hipp
Christian Neulinger, Gerhard Haas, Johannes Hoyos

Bei der Auffahrt fällt nicht nur das grandiose Panorama zur Hochalmspitze auf, sondern auch die noch freien Südhänge in dem großen Geländekessel. Stress haben wir ja keinen, also erstmal ab ins Hannoverhaus und die Rucksäcke erleichtern. „Zum Aufwärmen gibt’s unsere Hüttenruns gleich unterhalb der Sonnenterasse“ verrät uns der Hüttenwirt Chris beim Espresso. Gesagt getan: wir fahren den Grat nach Süden am Alten Hannoverhaus vorbei – eine kleine Holzhütte direkt auf dem Grat – und finden an mehreren Stellen kleine Rinnen und freie Hänge, die über 300 Höhenmeter zurück zur Mittelstation ziehen.

Längere Runs warten in der „Hinteren Lucke“: direkt oberhalb der Bergstation queren wir nach Westen unter den Südwänden hindurch in Richtung Bergstation des Schlepplifts und unter der Ebeneckscharte hindurch. Ab hier eröffnen sich uns 500 feine Abfahrtsmeter über einen breiten Südhang: viel Platz und viel verspieltes Gelände mit Drops, Wechten und breiten Hängen. Trotz Kaiserwetter und Samstag sind wir fast die einzigen Freerider und setzen in mehreren Runs jedes Mal eine eigene neue Spur neben die vom vorherigen Run. Wir fühlen uns jetzt schon wie kleine Kärntner Könige!

Von Süd nach Nord – Grenzüberschreitung im Pulver

Platz für eigene Lines gäb es zwar noch zu Genüge, aber uns zieht es am Nachmittag in die schattigen Hänge. Schließlich hat die Sonne jetzt dann doch den Pulver etwas schwer werden lassen. Oberhalb der Bergstation des Schlepplifts fellen wir auf und ziehen die 150 Höhenmeter in die deutlich erkennbare Ebeneckscharte rauf. Etwas verwirrt sind wir schon darüber, dass noch niemand in die Scharte hoch gespurt hat und wir scheinbar die ersten sein sollen. Von der Scharte eröffnet sich vor unseren Augen das riesige „Knallkar“. Eingerahmt von vereisten Nordwänden ziehen von hier 1.000 Höhenmeter an unverspurten steilen Nordhängen nonstop bis runter ins Anlauftal. Die restlichen 400 Höhenmeter lassen wir es gemütlich auf einem Forstweg zurück nach Böckstein laufen. Hier hat mittlerweile die Sonne Einzug ins schattige Tal gehalten.

Beeindruckt und zufrieden nehmen wir nochmal den uns bekannten Zug durch den Berg, die Miniatur-La Grave-Gondel rauf und finden unseren Platz auf der Sonnenterasse am Hannoverhaus – dort wo heute früh alles mit einem „Hüttenrun“ begann.

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Tobias Hipp
Zurück bleibt ein leeres Skigebiet

So langsam kehrt dann auch die Ruhe ein auf’m Berg. Bis 17 Uhr war die Sonnenterasse noch mit Tagesskifahrern gefüllt. Aber die müssen ja irgendwann ins Tal, zurück in ihre Pensionen oder zum Auto. Wir wünschen den Damen und Herren viel Glück für die 1.200 Höhenmeter sulzige Pistenabfahrt, während wir recht träge auf unserer mittlerweile fast privaten Sonnenloge auf 2.565 m sitzen bleiben. Zum zweiten Mal fühlen wir uns wie kleine Kärntner Könige: niemand ist mehr im Gebiet unterwegs, die Pisten sind leer und die Gondel steht still. Die Sonne verschwindet langsam irgendwo hinter Dolomiten oder Tauernhauptkamm und wir betrachten unsere Spuren des Tages bis die netten Hüttenwirte Chris und Elisabeth uns zum wohlverdienten Abendessen rufen.

Die Letzten werden die Ersten sein

Eines ist klar: hier oben sitzt man auf einer Premium-Luxus-Poleposition. Noch bevor überhaupt andere Ankogel-Aspiranten im Tal ihre Skier aus dem Auto holen, hat man schon gefrühstückt und ist als Erster unterwegs zum Ankogel. In der Theorie ist das ganz sicher so. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man sich nicht – wie bei uns geschehen- vom Frühstücksbuffet mit Panorama-Blick vom eigentlichen Plan abbringen lässt.

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Tobias Hipp
Christian Neulinger

Es war eine klare Nacht und dementsprechend klirrend kalt ist es noch in der Früh. Da kommt uns die Querung in einer weiten Rechtsschleife ohne viel Höhengewinn als Aufwärmphase gerade recht. Ständige Begleiter sind die imposanten Granit-Nordwände der Hochalmspitze, die auf der anderen Talseite im Morgenlicht rüberblitzen. Mit der wärmenden Sonne steigen wir Höhenmeter um Höhenmeter auf bis zum Beginn des Westgrats des Kleinen Ankogel. Hier, von der Radeggscharte, lockt uns schon die erste Einfahrtsmöglichkeit in den großen Nordhang. Aber wir wollen an diesem Traumtag so viele Abfahrtsmeter wie möglich machen. Daher packen wir die Ski an den Rucksack und gehen noch die letzten 150 Höhenmeter den leichten Grat entlang bis zum Gipfel des Kleinen Ankogel.

Der Ausblick ist unschlagbar: von der Hochalmspitze direkt gegenüber schweift der Blick zu diversen Dolomiten-Türmen bis zum Großglockner. So schön die Aussicht auch ist, hinter uns kommen dann doch noch ein paar Tourengeher nach und schließlich sind wir ja auch für die Abfahrt da. Oben rein ist es noch etwas steinig und windgepresst. Nach ein paar Schwüngen öffnet sich der Hang und der Pulver ist da: 1.400 Höhenmeter ohne Hindernis rauschen wir erneut dem Anlauftal entgegen. Ohne Hindernisse auf dem Weg runter in den Talboden verzerrt sich die Perspektive: man glaubt, bald unten im Talboden ankommen zu müssen, aber die Abfahrt scheint  kein Ende nehmen zu wollen.

Ein letztes Mal schlendern wir bei Frühlingstemperaturen durch die kleine Siedlung. Es scheint fast so, als ob sich die Böcksteiner auf ihren Sonnenterassen noch vom Vortag an uns erinnern würden - sie grüßen freundlich und die spielenden Jungs fragen uns, wie der Schnee „droben“ noch ist.

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Tobias Hipp

Infos zum Freeridegebiet Ankogel

Das kleine Skigebiet bietet viel mehr als die eine Gondel und den Schlepplift: das Potential liegt abseits der Pisten. Es gibt einige lohnende Runs direkt im Skigebiet und mehrere große Abfahrten nach Norden ins Anlauftal. Mit der kurzen Zugverbindung (10 Minuten) und der direkten Skibusanbindung kommt man schnell wieder zurück ins Skigebiet.

Die Abfahrt vom Ankogel zählt ohne Zweifel zu den feinsten Freeride-Abfahrten in den Ostalpen. Wenig Höhenmeter im Aufstieg, 1.800 Höhenmeter Abfahrt, etwas alpinistische Herausforderung am Grat und eine wilde alpine Kulisse als ständiger Begleiter: ein selten perfektes Gesamtpaket für den gehfreudigen Freerider.

Anreise

Von Norden könnt ihr bequem mit dem Zug anreisen (direkt aus Salzburg, 1x umsteigen aus München). Oder alternativ das Auto in Böckstein parken und in den Zug umsteigen.

Etwas Timing ist wichtig: Züge von Böckstein nach Mallnitz fahren leider nur stündlich (immer um 20 nach). Daher die Abfahrt ins Anlauftal an die Fahrtzeiten anpassen um längere Wartezeit zu vermeiden.

Stützpunkt

Das gemütliche Hannoverhaus liegt nur 100 Höhenmeter unterhalb der Bergstation der Ankogel-Seilbahn. Ihr könnt also Material (Steigeisen, Harscheisen, Felle, Hüttenschlafsack etc.) am ersten Tag gleich deponieren und mit leichtem Rucksack weiter durchstarten. Das Geniale an der Hüttenübernachtung: am nächsten Morgen könnt ihr die Ersten sein, die in den Powder unterhalb der Hütten stechen oder in Richtung Ankogel losstarten.

Alle Infos zur Unterkunft und Reservierung unter www.hannoverhaus-ankogelgruppe.at

Tourentipps:

Abfahrt durch das Knallkar

Freeride-Tour auf den Ankogel

Karten und Führer:

Alpenvereinskarte 44 Ankogel-Hochalmspitze

Freeride Map Hohe Tauern

Panico Skitourenführer „Hohe Tauern“

 

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