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Safety

Lawinenmanagement mit Kindern

Erste Schritte ins Gelände

20.11.2021

Wer schon länger auf Tourenski im Gelände unterwegs ist, kann eine erfreuliche Entwicklung beobachten: Immer mehr Kinder und Jugendliche sind mit den Eltern am Berg und begeistern sich für diesen Sport. Sei es, weil immer weniger Familien die hohen Liftpreise zu zahlen bereit sind, oder weil lange Liftschlangen sie zum gemeinsamen Aufstieg mit eigener Muskelkraft bewegen.

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Simon Pfandler
Manuela, Leander (7), Peter (11)
terrainSchindeltal

Wer schon länger auf Tourenski im Gelände unterwegs ist, kann eine erfreuliche Entwicklung beobachten: Immer mehr Kinder und Jugendliche sind mit den Eltern am Berg und begeistern sich für diesen Sport. Sei es, weil immer weniger Familien die hohen Liftpreise zu zahlen bereit sind, oder weil lange Liftschlangen sie zum gemeinsamen Aufstieg mit eigener Muskelkraft bewegen.

Auch die breiteren Ski, mit denen erste Schritte im Tiefschnee viel leichter gelingen, mögen ihren Anteil an dieser Entwicklung haben. Aus dem Corona-Winter mit eingeschränktem Liftbetrieb sind ebenfalls viele neue, junge Skitourengeher*innen hervor gegangen.

Ist die Einstiegshürde des passenden Materials (Überblick Skitourenbindungen für Kinder) überwunden, stehen wir schnell vor der nächsten Herausforderung: Sobald wir den gesicherten Skiraum verlassen, müssen wir uns der Gefahr von Lawinen bewusst sein. Das gilt mit Kindern natürlich umso mehr, da Eltern oder andere erwachsene Bezugspersonen die Verantwortung für ihre Kinder tragen. Doch wie sieht diese Verantwortung  in der Praxis aus? Und welche Kompetenzen geben wir unseren Kindern wie und wann mit?

Risikominimierung

Natürlich ist es empfehlenswert, zunächst das eigene Risikobewusstsein kritisch zu hinterfragen: Bin ich oft an der Grenze zwischen „Ja und Nein“ unterwegs? Dann sollte ich mit Kindern und Jugendlichen mein Risikolevel auf jeden Fall reduzieren. Ein defensives Verhalten ist unbedingt geboten. Die gängigen Entscheidungsstrategien bieten Anpassungsmöglichkeiten, die uns beim systematischen Risikomanagement unterstützen können. Ob wir die „3x3 Methode“, „Stop or go“, „Snowcard“ oder eine andere Methode anwenden, ist weniger relevant. Es geht vielmehr darum, wie wir in diese Strategie den Faktor Kinder bzw. Jugendliche integrieren. In der Praxis kann das z.B. den Ausschluss von Grenzbereichen in der Entscheidungsstrategie bedeuten, etwa Reduktionsmethode deutlich unter 1, Snow Card grüner Bereich,…

Wenn wir in Lawinengelände die Verantwortung für unsere Kinder tragen, ist es umso wichtiger, dass wir unsere Entscheidungen begründen können. Ein Vorgehen anhand der Strategie der Wahl, mit klaren Ja/Nein Kriterien außerhalb des Grenzbereichs ist empfehlenswert. Risikominimierung muss immer vorrangig sein, aber wir wollen unserem Nachwuchs auch die schönen Seiten des Skitouren-Sportes ermöglichen, was ohne ein gewisses Restrisiko kaum möglich ist.

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Simon Pfandler
Peter (7)
terrainKühtai

Gruppenorganisation

Das geringere Körpergewicht von Heranwachsenden belastet die Schneedecke weniger als bei Erwachsenen, aber natürlich werden wir unterwegs auch mit Kindern die Standardmaßnahmen im Gelände wie „Abstand halten“ oder „einzeln abfahren“ einhalten. Hier sollte bedacht werden, dass Kinder und Anfänger öfter Hilfestellungen brauchen. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, Spitzkehren und ähnliche Hürden zunächst in nicht lawinengefährdetem Gelände zu üben. Mit Anfängern sollte die erfahrenste Person an erster Stelle gereiht werden und die Spuranlage übernehmen. Auch den Abschluss der Gruppe muss eine erwachsene Person bilden, die den Kindern und Jugendlichen in Notsituationen helfen kann. Kinder sind keine vollwertigen Bergpartner! Da wir nicht alleine ins Gelände gehen, sollten bei einer Gruppe mit Kindern zumindest zwei Erwachsene vorhanden sein.

Es spricht natürlich nichts dagegen, erfahrenen Kindern und Jugendlichen auch einmal die Führungsrolle zu übergeben. So lernen sie, Verantwortung zu übernehmen und zum Beispiel auch das Gefühl für verschiedene Schneearten sowie deren Einfluss auf die Abfahrtsfreuden. Gerade Kinder besitzen oft ein sehr feines Gespür für Gefahrensituation. Daher gilt: ein „Stop!“ von Kindern immer ernst nehmen! Ob die Ursache nun Müdigkeit, Hunger, Angst oder ein unbestimmtes Unwohlsein ist - wir versuchen in der Gruppe dieses ungute Gefühl zu minimieren.

Notfallmanagement

Wir haben nun die Maßnahmen behandelt, die einen Lawinenunfall möglichst verhindern sollten. Doch wie wir alle wissen, kann ein Lawinenunglück nie ganz ausgeschlossen werden. Somit erscheint es sinnvoll, schon mit Kindern das spielerische Erlernen des Notfallszenarios zu üben. Hier gibt es natürlich unzählige Möglichkeiten und der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Exemplarisch möchte ich kurz zwei Spiele vorstellen:

LVS Schatzsuche: Ein eingeschaltetes (!) LVS wird in einer Kunststoffbox mit ein paar kleinen Schatzstückchen im Schnee vergraben. Unter Anleitung eines Erwachsenen beginnt das erste Kind mit der Suche. Sobald der Schatz geborgen ist, wird ein Stück entnommen und dann vom Kind wieder versteckt. Nun darf das nächste Kind weitersuchen. Eine winterliche Feier kann damit super aufgepeppt werden. Für die Kids ist das ein tolles Erlebnis, gewissermaßen Topfklopfen in Hightech.

Schneehöhle graben: Mithilfe der Schaufelmethode „V-Schneeförderband“ wird ein Loch bis zum Boden gegraben. Älteren Kindern und Jugendlichen können hierbei gleich erste Erkenntnisse über Schneekunde vermittelt werden. Das hiesige Schneegestöber ist als Wissensgrundlage sehr empfehlenswert! Je nach Schneelage kann das geschaufelte Loch zu einer Schneehöhle erweitert werden oder der entstandene Kanal dient als Basis eines „Panzerknackeriglus“.

Mit dieser „Grundausbildung“ ist der erste Schritt zu einem verantwortungsbewussten Lawinenmanagement bereits gesetzt, da die Kinder spielerisch mit der Materie vertraut werden und von Anfang an mitbekommen, dass es am Berg gewisse Risiken gibt.

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Simon Pfandler
Peter (11)
terrainTaschachferner
Auf Tour

Die Theorie ist geschafft, nun beschäftigen wir und mit der Umsetzung: Was können Kinder tragen, was brauchen Kinder und was müssen Kinder können?

Eines ist ganz unbestritten: Ohne LVS geht man niemals ins Gelände. Da Kinder sehr gerne auch mal spontan sind, empfiehlt es sich, schon früh auch mit LVS ins Skigebiet zu gehen, so dass kurze Abstecher neben die Piste spontan möglich sind. Der Einsatz von älteren 1 Antennen Geräten, die den Kindern gegeben werden, weil sie “eh nicht suchen können”, ist nicht anzuraten. Ältere Geräte können eine Verschiebung der Sendefrequenz aufweisen, das kann im besten Fall mit einer verminderten Reichweite und im schlimmsten Fall mit gar keinem Empfang einhergehen. Inzwischen bieten mehrere Hersteller verkleinerte Versionen der neuesten LVS-Geräte mit manchmal leicht vermindertem Funktionsumfang an. Das ist für Kinder eine deutlich bessere Option als ein altes Gerät!

Sonde und Schaufel gehören auch bei Kindern zur Standardausrüstung und wie im vorhergehenden Kapitel beschrieben will der Umgang damit früh geübt werden. Auch hier sollte auf möglichst leichte Ausführungen geachtet werden. Doch auch wenn die alte Plastikschaufel dieses Kriterium erfüllt, im harten Einsatz sind Plastikschaufeln nicht einmal bei Kindern, geschweige denn bei Jugendlichen zu empfehlen.

Glücklicherweise gehören Lawinenrucksäcke bei einem großen Teil der Tourengänger inzwischen zur Standardausrüstung. Leider gibt es derzeit praktisch keine Lawinenrucksäcke für kurze Kinderrücken. Tipp des Autors: die aktuell nicht mehr produzierte ABS Powder Base Unit ist sehr kompakt und kann manchmal günstig im Abverkauf erstanden werden.

Sehr kleinen Kindern könnte bereits das Zusatzgewicht eines Rucksacks die Tour verleiden. Ob hier ganz darauf verzichtet wird, oder ob man statt Schaufel und Sonde einen leeren Lawinenrucksack verwendet, ist eine Entscheidung, die wohl überlegt sein will. Hier eine generelle Empfehlung auszusprechen ist sehr schwierig. Mobiltelefon und ein kleines Erste-Hilfe-Paket sind nicht sehr schwer und sollten auch auf Tour immer dabei sein, hier kommt es auf die Gruppe und das Alter der Kinder an. Ob der Biwaksack und sonstige in der Gruppe gebrauchten Gegenstände auch vom Nachwuchs transportiert werden muss, hängt natürlich von der Leistungsfähigkeit ab. Es spricht aber nichts dagegen, wenn konditionell stärkere Begleitpersonen den Jüngeren hier ein wenig Gewicht abnehmen. Wenn wir das Rucksackgewicht in % des Körpergewichtes berechnen, wird schnell klar, dass leichte Rucksäcke für Kinder ein Muss sind. Welcher Erwachsene geht schon gerne mit einem 25kg Rucksack auf Skitour?

Egal ob Skipiste oder Tiefschnee, ein Helm muss immer dabei sein!

Richtig ausgerüstet können wir uns nun langsam ans Gelände herantasten. Erste Ausflüge in den Tiefschnee neben der Piste helfen, die Fahrtechnik zu verbessern. Im Aufstieg ist es sinnvoll, zuerst flache Touren ohne Spitzkehren auszuwählen.

Ab welchem Alter Kinder erste Schritte im Gelände wagen können, ist natürlich individuell verschieden. Wenn die Skitechnik auf der Piste richtig sitzt, schaffen sie ab ca. 5 Jahren durchaus erste Abstecher neben die Piste. Mit 6 Jahren sind kürzere Aufstiege dann schon recht gut möglich, hier ist das derzeit beschränkte Skitourenschuhangebot eher der limitierende Faktor. Aufstiegstaugliche Ski und Bindungskombis gibt es auch schon für die jüngeren (Überblick Skitourenbindungen für Kinder). Ab einem Alter von ungefähr 9 Jahren bzw. einer Schuhgröße von 36 passen die ersten Damentourenschuhe und damit dürfen auch längere, etwas anspruchsvollere Touren am Programm stehen.

Abschluss

Schon relativ kleine Kinder spüren, wenn etwas gefährlich ist, doch wissen sie selbst oft noch nicht, wie sie diesem Gefühl Ausdruck verleihen können. Diese Reaktionen der Kinder zu beobachten und interpretieren zu lernen ist auch für uns Erwachsene eine spannende Herausforderung. Nehmen wir sie an!

Ja, Lawinen sind gefährlich. Niemand sollte Kinder und Jugendliche unnötigen Gefahren aussetzen. Andererseits geht es für uns Eltern auch darum, Kindern den Spaß im Gelände und in der Natur näher zu bringen. Bewegung in der Natur ist sicher eine der gesündesten Freizeitbeschäftigungen und auch der Spaß kommt beim Skitourengehen nicht zu kurz. Wenn wir Kindern schon früh ein sinnvolles Gefahrenbewusstsein mitgeben, fällt es ihnen später leichter, Gefahren zu erkennen und selbst verantwortungsvoll damit umzugehen.

 

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