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Test & Überblick | Skitourenbindungen für Kinder

Skitouren mit dem Nachwuchs

Es war Ende August 2020, ich kam gerade aus dem Sommerurlaub zurück, das Surfbrett war weggeräumt, die Skisaison stand vor der Tür. Wie jeder normale Skifahrer habe ich mir für die Zeit typische Fragen gestellt: Wann kommt der erste Schnee? Wie viele PowderAlarme erwarten uns? Passt mein Setup für die neue Saison?

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Baschi Bender
terrainSchwarzwald

Es war Ende August 2020, ich kam gerade aus dem Sommerurlaub zurück, das Surfbrett war weggeräumt, die Skisaison stand vor der Tür. Wie jeder normale Skifahrer habe ich mir für die Zeit typische Fragen gestellt: Wann kommt der erste Schnee? Wie viele PowderAlarme erwarten uns? Passt mein Setup für die neue Saison?

Da die Zeit damals aber doch nicht ganz typisch war und ein harter Corona-Winter befürchtet wurde, waren auch die Fragen etwas untypischer:

  • Machen die Skigebiete überhaupt auf?
  • Und wenn nein, wie kommt der Nachwuchs dann auf die Ski?
  • Braucht der Nachwuchs neue Ski? Braucht er gar ein Tourenset?

Normalerweise stellt die Recherche nach neuem Material für mich kein Problem dar. Die Auswahl ist riesig, Tests und Empfehlungen warten an jeder Ecke. Doch wie ist es bei Ski für Kinder? Und vor allem: was gibt es hier an Möglichkeiten bei Tourenbindungen?

Eine erste Suche im Netz bei frühwinterlichen 30 Grad waren ernüchternd. Auch das Gespräch beim sonst so kompetenten Fachhändler brachte mich nicht wirklich weiter. Also habe ich mich wieder virtuell auf den Weg gemacht und versucht, ein vernünftiges und dazu einigermaßen preisgünstiges Set für den Nachwuchs zusammen zu stellen. Viele Tage und Diskussionen mit der Frau später stand das Set.

Ohne es zu wissen, hatte sich knapp 30 km weiter nördlich ein weiterer skibegeisterter Vater ähnliche Fragen gestellt und sich auf die Suche gemacht. Zufällig hab ich ihn vor 3 Jahren beim Surfen getroffen und nun wieder zufällig beim Tourengehen am Belchen. Wir kamen ins Gespräch, auch zum Thema Tourenset für Kinder, und fassten den Beschluss, einen gemeinsamen Test über Tourenbindungen und Ski für Kinder zu schreiben.

Der (Kurz)Test

Da wir insgesamt 3 Kinder mit Material ausgestattet haben, können wir 3 verschiedene Modelle vorstellen. Ins Rennen gehen:

  • Hagan Z02 Junior mit Atomic Bent Chetler Junior 1,20m und Fellen vom Zweitmarkt. Gewicht des Set: Ski + Bindung = 3530g
  • Contour Startup Jr Touring Adapter mit Völkl Mantra JR 1,18m länge und 86mm unter der Bindung und mit alten Fellen von Papa. Gewicht des Set: Ski+Bindung+Adapter= 3946g
  • Marker Alpinist 8 mit Völkl RICE Above W 1,49m länge und 88mm unter der Bindung und Fellen von Marker/Kohla. Gewicht des Set: Ski+Bindung= 2686

Die Testpersonen

Kind 1: 6 Jahre, 122cm (zu Beginn der Saison) 128 cm ( gegen Ende der Saison), 24kg leicht und ausgestattet mit der Hagan Z02

Kind 2:  7 Jahre, 129cm, 24kg, ausgestattet mit dem Contour Adapter

Kind 3: 10 Jahre, 147cm, 35kg, ausgestattet mit der Marker Alpinist 8

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Baschi Bender
terrainSchwarzwald

Testbedingungen

Getestet wurde die ganze Saison, ausschließlich im Schwarzwald und ausschließlich abseits der Pisten. Die Gründe dafür wurden ja bereits beschrieben. Wer letzte Saison die Unzahl an ConditionsReports aus dem Schwarzwald hier auf PowderGuide gelesen hat, weiß, dass die Bedingungen vielfältig waren. Von frühlingshaft weich, über Wind gepresst bis Badisch Columbia Pow war alles dabei. Und so konnte der Nachwuchs die Bindungen in einem Wechselbad der Wettergefühle ausgiebig testen.

Das Material – Hard Facts

Die Bindungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Unterschiede gibt es beim Gewicht, Handling und natürlich beim Preis.

Hagan Z02 Junior
Die Hagan hat in der XS Ausführung einen Spielraum bei der Sohlenlänge zwischen 225 bis 280 mm. Das war einer der Hauptgründe für die Bindung, da die Skischuhlänge von Kind 1 genau am unteren Rand der Skala liegt. Der Z-Wert reicht von 2-7, was bei einem sechsjährigen Leichtgewicht auch einen Kaufgrund für die Bindung darstellt. Die meisten Bindungen am Markt lassen sich höchstens auf einen minimalen Z-Wert von 3 runterdrehen und sind für leichte Erwachsene konzipiert. Der Tourennachwuchs benötigt aber nicht selten einen den Einstellbereich zwischen 2 und 2,5. Das Gewicht wird mit 740g/Stk ohne Stopper und 940g/Stk inkl. Stopper angegeben. Im Aufstiegsmodus kann der Steighilfehebel kann mit 10° und 15° in zwei Positionen eingestellt werden. Die dritte Stellung (5°) ergibt sich, wenn der Steighilfehebel flach nach hinten gelegt wird und das Trittgestell auf dem Verriegelungshebel aufliegt.

Wichtig zu wissen ist, dass die Bindungen ausschließlich mit Alpinskischuhen gemäß ISO Standard 5355 Typ A und mit Tourenskischuhen gemäß ISO Standard 9523 benutzt werden dürfen! Kinderschuhe dürfen nicht verwendet werden!

Die Hagan Z02 Junior ist quasi eine Touren-Rahmenbindung wie man sie auch bei Erwachsenen findet, nur eben für Kids. Entsprechend funktioniert sie auch. Wer weiß, wie einen Rahmenbindung für Erwachsene funktioniert, kommt mit der Hagan schnell zurecht. Die Rahmenbindung ermöglicht auch für Kinder ein müheloses Einsteigen, da es ja im Prinzip wie bei klassischen Alpinbindungen funktioniert. Auch das Bedienen der Steighilfe ist schnell gelernt und funktioniert gut. Die Stopper haben wir weg gelassen, was eingangs beim unbeaufsichtigten Ein- und Austeigen doch zu dem ein oder anderen Rettungssprung geführt hat, damit die Ski nicht aus Versehen in streng geschützte Auerhahn Reviere davon schießen.

Die ersten Meter wurden auf einem Parkplatz gemacht, schnell ging es dann aber den ersten Hang hoch. Die relativ hohe Standhöhe sorgt dafür, dass der ungeübte Tourenneuling beim Aufstieg ungewohnt wacklig auf den Ski steht. Ohne die Skistecken als Stütze hätte es wahrscheinlich noch deutlich mehr Schneekontakt im Aufstieg gegeben als es ohnehin schon gab. Legt man die erste oder gar zweite Stufe der Steighilfe ein, destabilisiert sich das Kind-Ski-System noch mehr.

Der Umbau funktioniert einfach und ist auch durch Kinderhand schnell erledigt. Da sich wie bei den meisten Rahmenbindungen gerne mal Schnee in der Bindung festsetzt, ist aber ein letzter prüfender Blick nicht verkehrt. Ab und an muss man auch mal etwas kräftiger Klopfen, Schütteln oder mit dem Skistecken nachhelfen, damit alles richtig einrastet. Probleme mit Vereisung oder ähnliches gab es aber nicht und so war die Abfahrtsbereitschaft schnell hergestellt.

Die Abfahrtsperformance ist natürlich schwer zu beurteilen, wenn man nicht selber gefahren ist. Aufgefallen ist jedoch, dass die Eingewöhnungsphase Bergab deutlich kürzer war als beim eher wackeligen Aufstieg. Klar, es gab ja schon die Routine aus den Vorjahren, dennoch war ich überrascht, dass es bergab sowohl mit dem neuen Ski als auch mit der Bindung keine Probleme gab. Und dass, obwohl wir ja ausschließlich abseits der Pisten unterwegs waren. Das Feedback bei der Abfahrt war daher von der Testperson auch durchweg positiv.

Contour Adapter
Der Adapter ist leicht erklärt. Er macht aus jedem Alpinski Setup einen Tourenski. Der Adapter wird einfach in die Alpinbindung hinein geklickt und hat vorne ein bewegliches Gelenk, damit man die Ferse beim laufen heben kann. Den Skischuh klemmt man ein, wie bei einem Steigeisen. Die Sohlenlänge ist von 245mm - 305mm einstellbar und kann mit jedem Schuh verwendet werden. Es ist wohl die einfachste und günstigste Variante, um mit Kindern auf Skitour zu gehen. Als Fell wurde ein altes Fell zugeschnitten, das nicht mehr in Gebrauch war. Das Gewicht des Adapters allein liegt bei 900 g pro Paar. Der Adapter lässt sich problemlos ohne Werkzeug an die Sohlenlänge anpassen. Durch die ausklappbare Steighilfe kommt das Kind in steileren Hänge leichter zurecht. Kosten: 99,90 für den Adapter.

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Baschi Bender
terrainSchwarzwald

Der Contour Adapter funktioniert erstaunlich gut, wir haben damit Touren bis zu 600hm gemacht. Ich war anfangs eher skeptisch, ob das ganze Plastik zusammenhält, aber damit hatten wir nie Probleme. Aufgrund der hohen Standhöhe ist alles natürlich etwas wacklig, aber auch damit kam der Kleine mit 7 Jahren gut zurecht. Beim An- und Abschnallen hat er allerdings meist ein bisschen Hilfe gebraucht. Die Steighilfe konnte er dann mit etwas Übung selbst bedienen. Bei der Abfahrt muss halt Papa die Teile immer in den Rucksack nehmen. Angenehm ist, dass das Kind somit immer den gleichen Ski fahren kann und diesen dann in der Abfahrt schon gewohnt ist. Zudem wird in der Abfahrt eine normale Alpinbindung verwendet, die entsprechend niedrige Z-Werte liefert. Als Ski ist er immer den Völkl Mantra JR mit 86mm unter der Bindung gefahren. Der Ski ist vorne und hinten leicht gerockert und lässt die Kids extrem gut durch das Gelände pflügen.

Marker Alpinist 8
Marker ist bekannt für Bindungen sowohl im Alpin- und Tourenbereich. Die Alpinist 8 ist eine Pin-Bindung und kann entsprechend nur mit solchen Tourenskischuhen gefahren werden. Sie hat einen Z-Wert Bereich von 3-8. Mit einem Gewicht von 245g ist sie im Verhältnis zu den andren getesteten Sets extrem leicht. Leider hat sie nur 1,5 cm Verstelllänge um die Sohlenlänge anzupassen. Die Ferse bietet eine Aufstiegshilfe mit 0°, 5° und 9°-Winkeln und lässt sich schnell und bequem zwischen Aufstiegs- und Abfahrtsmodus verstellen. Man hat die Möglichkeit, Harscheisen zu montieren und kann sie mit oder ohne Stopper fahren. Kosten: 299,95€ für die Bindung.

Das Gewicht ist natürlich unschlagbar und lässt das Kind mühelos lange Touren laufen. In Verbindung mit dem leichten und leicht zu fahrenden RICE Above von Völkl ist dieses Setup super. Die anfängliche Sorge, dass mein Sohn nicht mit einer Pin-Bindung klar kommt, war völlig unnötig. Ein- und Aussteigen hat problemlos funktioniert. Den Fersenautomat zu drehen um in Auf- bzw. Abfahrtsmodus zu wechseln hat ihm anfangs etwas Schwierigkeiten gemacht, war aber nach der zweiten Tour auch kein Problem mehr. Mit dem Ski, der 88mm unter der Bindung hat, kam er in jedem Gelände super zurecht. Auch der Tip-Rocker war im Gelände sehr hilfreich. Wir haben uns beim Ski für die Damen Variante entschieden, da nur diese in so kurzen Längen angeboten wird. Als Schuh verwendet er einen Dynafit Mercury TF Damen Tourenschuh, der schmaler geschnitten ist und sehr gut zu den jungen Füßen passt. Er ist damit Touren bis ca. 900 hm problemlos gelaufen. Der limiterende Faktor bei dieser Variante ist vermutlich die Verfügbarkeit von Schuhen mit Inserts, die es nicht für allzu kleine Füße gibt.

Fazit

Es ist schwer zu sagen, welche Bindung die beste ist und welche man empfehlen soll. Für den Einstieg in die Tourenwelt eignen sich sowohl der Contour Adapter, als auch die Hagan Z02 Junior. Es kommt sehr darauf an, wie intensiv das Setup genutzt wird. Stellt sich heraus, dass der Nachwuchs keine Lust auf Touren hat, sondern eher klassisch alpin unterwegs sein will, hat man mit dem Contour Adapter nicht viel Geld verloren. Mit der Hagan besteht die Möglichkeit, einfach auf der Piste zu fahren. Merkt man, dass der Nachwuchs Blut geleckt hat, sollte man durchaus über eine Pin Bindung nachdenken, denn jeder. der einmal mit einer Pin-Bindung gelaufen ist, wechselt ungern zurück zu einer Rahmenbindung. Gerade im für Kinder schwierigen Aufstieg punktet hier die Pin-Bindung mit Komfort und geringem  Gewicht. Pin-Skitourenschuhe bekommt man meinst ab Schuhgröße 37. D.h. vorher muß man sich etwas anderes überlegen, aber dann wird es interessant. Praktisch bei allen drei Bindungen ist definitiv die Flexibilität bei der Größeneinstellung, die es erlaubt, die Setups auch die nächsten Winter weiter zu nutzen.

Das beste Setup ist auf jeden Fall das, das viel genutzt wird!

 

Nachträglicher Zusatz: Vielen Dank an BastiK, der in seinem Kommentar zum Artikel weitere Erfahrungen zum Thema teilt. Fotos der im Kommentar erwähnten Wechselsohlen (vorderes Sohlenteil zu lang, funktioniert aber trotzdem) findet ihr am Ende der Bildergalerie unter dem Artikel. 

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