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Materialtest | Dynafit Khion Carbon

... oder die Suche nach der Eier legenden Wollmilchsau unter den Freerideboots

05.04.2016

Auch die traditionell aufstiegsorientierte Marke Dynafit hat sich dem Trend des Freetouring verschrieben und bietet seit der Saison 15/16 neben Freeride Outfits und Ski auch den auf Abfahrtsperformance getrimmten Tourenskischuh Khion an. Wir haben die Carbon Version des Boot im Laufe einer Saison in allen Spielarten des Freeridens und Skitourengehens getestet. Ob die Zeit der Kompromisse zwischen Aufstiegs- und Abfahrtsperformance mit dem Khion nun endgültig der Geschichte angehört, erfahrt ihr in unserem Testbericht.

Erster Eindruck

Der Khion Carbon erfüllt beim ersten Kennenlernen die Erwartungen, die man an ein Topmodell aus dem Hause Dynafit und einen Preis von 700 Euro stellt. Die verwendeten Materialien sind hochwertig und sehr gut verarbeitet. Die Haptik der Schnallen, des Innenschuhs und der Sohle ist sehr ansprechend. Optisch erkennt man bereits die angestrebte Mischung aus abfahrtsorientiertem Freerideboot und aufstiegsorientiertem Skitourenstiefel. Vier Schnallen, ein markanter Magnesium Spoiler auf der Rückseite und das BOA System unterstreichen die Abfahrtsausrichtung. Leichtbauschnallen, die Form der Schale und die stark profilierte Tourensohle erinnern an Tourenstiefel. Die Schale ist aus Pebax Kunststoff gearbeitet und durch ein so genanntes „External Exoskeleton" verstärkt. Die dadurch erreichte Härte wird optisch noch einmal durch viele, zur Verstärkung verarbeite, Teile aus Carbon unterstrichen. Gut erkennbar ist der in der Schale integrierte grüne Magnesium Spoiler, der den hinteren Teil des Khion zusätzlich verstärkt. Die Schnallen sind aus Aluminium gefertigt und teilweise mit Drähten mit dem Schuh verbunden. Diese Konstruktion mag auf den ersten Blick etwas filigran wirken, hat sich aber in der Praxis als robust erwiesen. Die zweite Schnalle kann über eine Micro-Schraube verstellt werden. Die beiden oberen Schnallen kann man an drei Positionen an der Schale montieren, wodurch die Weite des Boots an die Wade angepasst werden kann. Eine alternative Montage der beiden unteren Schnallen ist durch den Hersteller nicht vorgesehen.

 

Der Khion hat laut Herstellerangabe einen Vorlagewinkel von 16°. Dieser kann genauso wie das Canting des Boots nicht verstellt werden. In die Oberfläche der Schale wurde ein „Schnee-Dynamisches Konzept" integriert. Simpel formuliert: die Oberfläche weist eine eigens konzipierte Struktur auf, die den Reibungwiederstand des Boots beim Spuren im tiefen Schnee verringern soll. Beim Anblick der, vom Fellspezialisten Pomoca (der wie Dynafit zur italienischen Oberalp Gruppe gehört) stammenden, Sohle des Khion, möchte man fast schon Vergleiche mit Bergschuhen ziehen. Die komplett aus Gummi gefertigte Sohle hat ein grobes Profil, wodurch guter Halt und Rutschfestigkeit gegeben sein sollten. Der Gehmechanismus wurde über einen Hebel am Magnesium Spoiler realisiert, der die Schale entlang des Spoilers nach vorne fixiert. Öffnet man den Mechanismus, wird eine Bewegung nach hinten durch das unabhängige Bewegen von Schale und Spoiler ermöglicht. Die Beweglichkeit nach vorne wird über das Öffnen der Schnallen erreicht. Da diese aber über Kunststoffbügel weiterhin eingehängt bleiben, ist die Bewegung nach vorne geführt, aber dadurch auch beschränkt. Ob durch diese Lösung, die vom Hersteller versprochene Schaftrotation im Gehmodus von 90° erreicht werden kann, wird sich im Praxistest zeigen. Die Abdichtung der Schale zum Innenschuh erfolgt über eine Gummi Lamelle, die fast über die gesamte Oberseite des Khion verbaut ist.

Beim eigens für den Khion entwickelten Innenschuh wurde besonders Wert auf den Fersenhalt gelegt. Zusätzlich wurde ein Boa-Verschlusssystem verbaut, mit dem die Schnürung über ein Drehrad in sehr kleinen Schnitten verändert werden kann. Der Innenschuh kann thermoangepasst werden und wiegt alleine ca. 300 g je Schuh. Auffällig ist, dass die Zunge nicht sehr weit in den Rest des Innenschuhs überlappt. Dadurch springt die Zuge oft nach oben heraus und Schaumstoffteile des Innenlebens sind zu sehen, was gar nicht zur sonst tadellosen Verarbeitung des Khion passt. Das, in der Version des Khion aus der Saison 15/16 verbaute, Boa System (von vielen FreeriderInnen schon beim alten Black Diamond Factor heiß geliebt) ist bei der Version 16/17 leider einem Strap zum Opfer gefallen. Schade, dass hier keine Lösung gefunden wurde, die beide Features ermöglicht hätte.

 

Die Passform des Khion könnte man, vergleichbar mit vielen Tourenstiefeln, als eher eng bezeichnen (eine Leistenbreite wird vom Hersteller nicht angegeben). Daher kann das Einsteigen in den Boot in manchen Situationen etwas schwerer fallen und es empfiehlt sich dafür die Gehfunktion zu öffnen. Der Khion Carbon ist durch die verwendeten Materialien und die eingebauten Carbon Verstärkungen ein sehr steifer Boot. Die Bewegung des oberen Teils des Boots wird durch Bauteile an der Schale des unteren Teils beschränkt. Nach vorne ist zusätzlich auf einer Seite ein, vom Hersteller als „Side Bumper" bezeichneter, Stopper verbaut. Der Anschlag wird durch ein Kunststoffteil etwas gedämpft wodurch der Flex des Boot verbessert werden soll. Der gesamte Schuh wiegt 1810 g (Größe 29, gemessen; Herstellerangabe: 1530 g) und liegt somit zwischen Tourenstiefeln (rund 1500 g und weniger je Schuh) und Freerideboots (je Schuh gut 2000 g).

Praxistest

Der Khion Carbon wurde in der Saison 2015/16 vom Frühwinter bis zum Frühling in verschiedensten Schneebedingungen getestet. Sowohl bei langen Touren als auch bei reinen Pistentagen kam der Khion auf 188 cm Atomic Automatic 102 und 193 cm Line Mordecai mit ION G3 12 und Dynafit Beast 14 Bindungen zum Einsatz. Getestet wurde von einem 182 cm großen und 82 kg schweren Mann, den man als abfahrtsorientiert bezeichnen könnte.

Aufstieg:
Auf dem Weg zur Tour werden viele FreeriderInnen oft schon ein erstes „aha-Erlebnis" mit dem Khion (Modell 15/16) erleben, da kein Strap verbaut ist. Will man seine gesamte Ausrüstung inklusive Ski und Stöcke auf einmal zum Auto schleppen, wird das dadurch schnell zur Herausforderung: Boots einfach über die Straps verbunden und über die Schulter geschmissen ist leider nicht drin. Bewährt hat sich hier ein Karabiner am Rucksack, in den die beiden Boots für den Transport an den Laschen der Innenschuhe gehängt werden können. Auf dem Schnee angekommen, spielt der Khion dann voll seine Stärken gegenüber klassischen Freeridboots aus: er ist leichter und weist mehr Schaftrotation auf als die meisten etablierten Freerideboots. Diese Vorteile in Kombination mit den Vorteilen der obligatorischen Pin-Bindung machen Aufstiege auch jenseits der 1000 hm möglich, ohne dabei den Großteil seiner Energie für das Heben der Boots aufzuwenden. Im Vergleich zu anderen Dynafit Modellen fällt die Bewegung des Schafts beim Touren leider nicht ganz so rund aus. Die vielen Laschen im Innenleben des Khion scheinen nicht immer ganz reibungsfrei ineinander zu gleiten und verhindern dadurch manchmal eine flüssige Bewegung. Auch die beiden mittleren Schnallen kommen sich schon einmal in die Quere. In der Praxis zeigt sich auch, dass die vom Hersteller angegebene Bewegungsfreiheit von 90 Grad leider nicht erreicht werden kann. In diesem Zusammenhang funktionieren die Kunststoffbügel, in denen die Schnallen beim Touren eingehängt werden, zwar gut (diese Funktion ist auch beim Öffnen der Schnallen am Lift hilfreich), jedoch verkleinert sich die Bewegungsfreiheit nach vorne, wenn man die Schnallen so an der Schale montiert, dass die Boots an den Waden enger sitzen. In kurzen Kletterpassagen funktioniert der Khion hervorragend. Die Pomoca Sohle ist griffig und man hat immer das Gefühl einen guten Stand zu haben. Beim Spuren in tieferen Schnee verhält sich der Khion vergleichbar zu anderen Freerideboots. Der Vorteil der speziellen Oberfläche (Schnee-Dynamisches Konzept) war hier nicht wirklich spürbar (hier stellt sich die Frage, wie viel Schnee für einen Skischuh mit knapp unter 100 mm Leistenbreite für Widerstand noch übrig bleibt, wenn ein 100mm plus Freerideski diesen bereits großteils zur Seite geschoben hat).

Abfahrt:
Ist man am Gipfel angekommen und hat die Schnallen geschlossen, zeigt der Khion, dass er deutlich mehr ist als nur ein bissig aussehender Tourenschuh. Im Abfahrtsmodus ist er ein extrem harter Boot, der Vergleiche mit reinen Freerideboots nicht scheuen muss. Die Kraftübertragung ist sehr direkt und man hat auch mit breiten, langen Ski nie das Gefühl, dass der Boot wegknickt. Der Flex des Boots ist ebenfalls äußerst hart und die Bewegung nach vorne wird durch den „Side Bumper" ab einem gewissen Punkt komplett gestoppt, wodurch viele Schläge direkt auf die Beine übergehen. Daher kommt oft das Gefühl auf, zwischen den Schlägen die Kontrolle über den Ski zu verlieren (vergleichbar mit einer zu harten oder nicht vorhandenen Dämpfung auf einem Mountainbike). Der Innenschuh steht im Bereich der Zunge und der Wade deutlich über den Rand der Schale hinaus. Dadurch entsteht seitlich eine Lücke, so dass das Gefühl des Kontrollverlusts bei seitlichen Schlägen besonders auffällt. Je nach Vorliebe kann einem die Abfahrtsposition im Khion schon etwas zu gerade vorkommen. In unserem Kurztest und der dazugehörigen Diskussion wird genauer auf diesen Punkt eingegangen. Die Passform des Innenschuhs stimmt auch in der Abfahrt und der Fersenhalt ist, wie vom Hersteller beabsichtigt, sehr gut ausgeprägt. Leider hat sich der Gehmechanismus während des Tests mehrmals in der Abfahrt geöffnet. Vorwiegend ist das bei kraftvollen Turns nach schnelleren Passagen aufgetreten. Öffnet man beim Variantenfahren gerne die Schnallen des Skischuhs bei der Liftfahrt, ist die Anordnung der mittleren Schnallen am Khion etwas gewöhnungsbedürftig. Beim Öffnen und Schließen kommen sich diese durch ihre enge Anordnung zueinander gerne einmal in die Quere.


Insgesamt kann es der Khion Carbon bei der Abfahrt in Sachen Härte leicht mit reinrassigen Freerideboots aufnehmen. Die gesamte Abstimmung von Härte und Flex ist aber noch nicht so rund gelungen, wie bei vielen Alpin- oder abfahrtsorientierten Freerideboots.

Fazit

Der Khion ist ein weiterer Schritt in Richtung eines kompletten Freerideboots ohne Kompromisse zwischen Aufstiegs- und Abfahrtsperformance. In beiden Bereichen gibt es zu den etablierten Boots jedoch immer noch Nachholbedarf (Aufstieg: Gewicht, Bewegung; Abfahrt: Flexverhalten). Bei vielen Details geht Dynafit den richtigen Weg. Bei anderen Punkten könnte man sich auf vergangene Entwicklungen aus dem eigenen Haus zurückbesinnen (TLT6, Vulcan), die bereits hervorragend funktioniert haben. Wer aber einen sehr harten Freerideboot mit guten Aufstiegseigenschaften sucht, für den ist der Khion Carbon jetzt schon eine sehr interessante Option.

Vor- /Nachteile:
+ Verarbeitung / Material
+ gute Aufstiegsperformance für einen so harten Boot
+ Sohle
- „unrunder" Flex
- „unrundes" Bewegungsmuster im Aufstieg
- Preis

Hard Facts:
UVP: 700 €
Gewicht: 1810 g (ein Schuh, gemessen, Größe 29), 1530g (ein Schuh, Herstellerangabe)
Schale: Pebax, Carbon Fiber, eine Schnalle mit Micro Verstellung
Vorlagewinkel: 16°
Rotation im Gehmodus: 90° (Herstellerangabe)
Sohle: Formula Pomoca
Innenschuh: Anpassbar, Ultron Foam, Boa-Verschlusssystem, Asymetrische Zunge
Verfügbare Größen: 23 - 31.5

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