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WetterBlog 2 2020/21 | Wetterdienste melden: Winter werden milder

Nicht neu, trotzdem eindrücklich

25.11.2020

Passend zur noch immer gar nicht winterlichen Wetterlage haben die Wetterdienste von Deutschland, Österreich und der Schweiz in einer gemeinsamen Aussendung dargelegt, dass die Winter milder werden und vor allem in tiefen Lagen immer weniger Schnee liegt. Steigende Temperaturen führen dazu, dass anteilig mehr Winterniederschlag als Regen fällt.

Sonnblick (A), Hohenpeißenberg (D) und Säntis (CH): Warme Winter wurden in den letzten Jahrzehnten häufiger, kalte seltener. Vergleich mit der Klimareferenzperiode 1961-1990. Die strichlierte Linie markiert den Anstieg der Erwärmung (linearer Trend). add_circle
DWD/ZAMG/MeteoSchweiz
Sonnblick (A), Hohenpeißenberg (D) und Säntis (CH): Warme Winter wurden in den letzten Jahrzehnten häufiger, kalte seltener. Vergleich mit der Klimareferenzperiode 1961-1990. Die strichlierte Linie markiert den Anstieg der Erwärmung (linearer Trend).

Passend zur noch immer gar nicht winterlichen Wetterlage haben die Wetterdienste von Deutschland, Österreich und der Schweiz in einer gemeinsamen Aussendung dargelegt, dass die Winter milder werden und vor allem in tiefen Lagen immer weniger Schnee liegt. Steigende Temperaturen führen dazu, dass anteilig mehr Winterniederschlag als Regen fällt.

Das sind nun keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse, aber die länderübergreifende Botschaft verdeutlicht nochmal, was wir im Grunde bereits wissen: Höhere Temperaturen bedeuten steigende Schneefallgrenzen, bedeutet besonders in tiefen Lagen weniger Schnee. Es schneit generell weniger (stattdessen regnet es) und Schnee, der gefallen ist, schmilzt schneller wieder. Phasen mit zusammenhängender Schneedecke in tiefen Lagen beginnen später und enden früher. Die Zahl der Tage mit Schneedecke in Wien, Innsbruck und Graz hat in den letzten ca. 90 Jahren um etwa 30% abgenommen. Im Schweizer Mittelland sind die Werte ähnlich. Auch in München gibt es heute durchschnittlich etwa 20 Tage mit Schnee weniger als in den 1950ern. Während in tiefen Lagen die Temperatur die Schneemenge bestimmt, ist in den hohen Lagen die Niederschlagsmenge entscheidend. Auch im Hochgebirge wird es zwar wärmer, aber es ist meist trotzdem noch kalt genug für Schnee statt Regen.

Die Wetterdienste betonen, dass die Temperatur und vor allem der winterliche Niederschlag von Jahr zu Jahr stark schwanken und dass langfristige Trends nicht immer gut zu erkennen sind, da sie von regional unterschiedlichen, kurzeitigeren Effekten überlagert werden. Es können trotz langfristiger Erwärmung zwischenzeitlich durchaus kühlere Winter auftreten. Ebenso kann es auch mal in tiefen Lagen viel Schnee haben – es kommt nur eben nicht mehr so oft vor.

Bei unverändert hohen Emissionen ist anzunehmen, dass die Schneebedeckung in Österreich bis zum Jahr 2100 in tiefen Lagen um 90% abnimmt, in ca. 1500m um 50%. In der Schweiz schätzt man, dass die Schneebedeckung unterhalb von 1000m bis zum Jahr 2060 um 80% abnimmt, über 1500m noch um 30 bis 50%. Aufgeben, weil sowieso alles verloren ist, muss man aber nicht: Klimaschutzmaßnahmen können dieser Entwicklung noch gegensteuern. Sollten die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreicht werden, würde sich die erwartete Abnahme der Schneebedeckung etwa halbieren, so die Wetterdienste.

 

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Satellitenbild (Sentinel 2) vom 21.11.2020, Andorra. add_circle
Sentinel Hub
Satellitenbild (Sentinel 2) vom 21.11.2020, Andorra.

Und was ist mit dem Polarwirbel und dem Meereis?

Seit einigen Jahren gibt es immer wieder Meldungen, dass sich die Wellenmuster des Jetstream mit abnehmenden Meereis ändern, wodurch es zu mehr blockierenden Wetterlagen kommen könnte und in Folge zu kühleren Wintern insbesondere in Europa und dem angrenzenden Asien. Die Ideen dahinter entspringen der Tatsache, dass die Meereisausdehnung in der Arktis unbestritten stark abnimmt. Gleichzeitig gab es von den 1980ern bis in die frühen 2010er in Teilen Eurasiens immer wieder sehr kalte Winter. Die Wintertemperaturen der mittleren Breiten und die Meereisausdehnung sowie die „Arctic Amplification“ - die verstärkte Erwärmung in der Arktis verglichen mit anderen Regionen - korrelieren in dieser Zeitperiode relativ stark. Die theoretische Überlegung dazu ist (stark verkürzt), dass sich der winterliche Polarwirbel eventuell nicht rund ausbilden kann, wenn das Meereis und die Kälte fehlen, sondern stärker schlingert.

Das Ganze war und ist mit Unsicherheiten behaftet. Das wurde in den entsprechenden wissenschaftlichen Publikationen auch stets betont. In vielen Modellstudien findet sich der erwähnte Effekt nämlich gar nicht oder nur sehr uneindeutig (z.B. hier). Auch hat laut einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung die Korrelation zwischen dem nach wie vor abnehmenden Meereis sowie der Arctic Amplification mit den Wintertemperaturen der mittleren Breiten in den letzten Jahren wieder deutlich abgenommen. Die letzten paar Jahre passen nicht mehr in das vermeintliche Muster (siehe hier). Die zuvor beobachtete Korrelation war also vielleicht einfach das Ergebnis normaler, im Klimasystem enthaltender Schwankungen. Dafür sprechen die Verläufe der letzten paar Winter und einige ziemlich überzeugende Modellstudien.

In schattigen Bereichen wächst der Reif. add_circle
LH
In schattigen Bereichen wächst der Reif.

Andererseits gilt nach wie vor: Mehr Daten und mehr Forschung sind nötig, um die Zusammenhänge zwischen klimatischen Veränderungen in der Arktis und dem Wetter der mittleren Breiten wirklich zu verstehen. Die Antwort auf die Frage „Kann das so passieren?“ ist zudem nicht zwingend die gleiche wie auf die Frage „Ist das in den letzten Jahrzehnten schon so passiert?“ Und alles ist wie so oft komplizierter, je tiefer man in die Details eindringt. Wer das tun möchte, findet in den oben verlinkten Publikationen einen guten Startpunkt, oder auch in den Links in diesem Twitter-Thread. Jedenfalls sollte man sich nicht in Sicherheit wiegen und auf den schlingernden Polarwirbel verlassen, wenn man trotz Klimawandel kalte Winter will!

Und was ist jetzt mit dem Wetter?

Naja, das bleibt mehr oder weniger so wie es ist: Im Großteil des Alpenraums warm und sonnig. Zum Wochenede gibt es ganz im Südwesten der Alpen ein bisschen Niederschlag und in den Ostalpen vermutlich etwas mehr Wolken, aber sonst gibt es wenig zu berichten. Das ist natürlich einfach das momentane Wetter. Es passt symbolisch zur erwähnten Studie der Wintertrends, aber irgendwann gibts auch wieder PowderAlarm, ganz bestimmt! Und in Bereichen, wo die Sonne nicht mehr hinkommt, werden zumindest die Reifformationen immer schöner!

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