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WetterBlog 12 2018/19 | Polarwirbel bringt Südstau auf Umwegen

Turbulentes Wetter nicht nur im Alpenraum

30.01.2019

Wir beginnen diesmal mit dem Blick aufs große Ganze, beziehungsweise zumindest auf die nördliche Hälfte des großen Ganzen. Der Polarwirbel wirbelt schon seit einer Weile nicht mehr schön Rund über dem Pol, sondern wabert mit mehreren Tiefdruckzentren unregelmäßig herum.

500hPa Geopotential und Bodendruck, Mittwoch 30.1.19. Kalte Luftmassen über NO Kanada regen atlantische Tiefdrucktätigkeit an. add_circle
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500hPa Geopotential und Bodendruck, Mittwoch 30.1.19. Kalte Luftmassen über NO Kanada regen atlantische Tiefdrucktätigkeit an.

Wir beginnen diesmal mit dem Blick aufs große Ganze, beziehungsweise zumindest auf die nördliche Hälfte des großen Ganzen. Der Polarwirbel wirbelt schon seit einer Weile nicht mehr schön Rund über dem Pol, sondern wabert mit mehreren Tiefdruckzentren unregelmäßig herum.

Polarwirbelableger bringt Kälte für den Osten der USA und dynamisches Atlantikwetter

Eines der Tiefdruckzentren befindet sich über Nordostkanada und sorgt derzeit für teils extrem kalte Temperaturen in der Osthälfte Kanadas und der USA. Für manche Regionen im mittleren Westen werden die kältesten Temperaturen seit 20 Jahren vorhergesagt. An einer Wetterstation in North Dakota wurde bereits am Dienstag eine „Windchill“ Temperatur von -61 Grad Fahrenheit (-52C) gemessen. Die tatsächliche Lufttemperatur betrug -25F (-32C). Weiter im Westen schaufelt die andere Seite der Welle ungewöhnlich warme Luft bis in den hohen Norden und beim WetterBlog in Interior Alaska sorgt man sich um den Strassenzustand. Die üblicherweise kalte, staubtrockene Schneefahrbahn wird nämlich äußerst rutschig, wenn es dann doch ausnahmsweise mal taut.

Auch das Wetter in Europa hängt mehr oder weniger direkt mit dem Polarwirbelableger in Ostkanada zusammen. Dieser sorgt dafür, dass laufend kalte Luft in den Nordwestatlantik gelangt und dort die Tiefdruckentwicklung fördert. Immer neue Atlantiktiefs bewegen sich entlang der Westdrift nach Europa und verhindern, dass sich das Azorenhoch nach Norden ausbreitet – daher der wechselhafte, Atlantik-geprägte Wettercharakter der letzten Tage.

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Föhnwolken in der Alaska Range add_circle
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Föhnwolken in der Alaska Range

Hochdruck im Osten vs. Atlantiktiefs

Was das Azorenhoch momentan nicht schafft, gelingt zunehmend dem Kontinentalhoch im Osten. Es entwickelt sich immer mehr zu einer Blockade für die atlantischen Störungen, so dass diese über Westeuropa nach Süden rutschen und – wie dem letzten PowderAlarm zu entnehmen ist – den Westalpen Schneenachschub bringen, bevor sie im Mittelmeer nochmal Fahrt aufnehmen.

Am heutigen Mittwoch absolviert eine kleinere Störung die erwähnte Route und bringt dem Alpenraum Wolken und mäßigen Schneefall. In den Ostalpen bleibt es länger freundlich und tendenziell trocken. Nennenswert Neuschnee vermutlich nur relativ weit im Südwesten und auch dort bleibt es wohl unter Alarmmengen. Am Donnerstag folgt kurzer Zwischenhocheinfluss, bevor die nächste Störung ins Mittelmeer rutscht. Im Westen dürfte es schon am Nachmittag wieder trüb werden, während es in den Osten bis zum Abend recht freundlich bleibt. An der Alpensüdseite setzt von Westen nach Osten Schneefall ein, der sich am Freitag überall intensivieren dürfte. Man darf auf eine Meldung des Orakels gespannt sein. Stau im Süden heißt wie üblich Föhn im Norden, wobei der Niederschlag es dank der starken Anströmung verhältnismäßig weit nach Norden schafft. Am Wochenende klingen die Schneefälle von Westen nach Osten zu ab.

Userfrage: Prognoseunsicherheit

PG - User skimale7892 stellte letzte Woche fest: „Am Freitag tauchte im Alpinwetterbericht recht plötzlich die Ankündigung auf, dass uns morgen (Sa) eine in die generell niederschlagsarme Wetterlage eingebettete (warm-?) Front erreicht und nennenswerten Neuschnee bringt. Von dieser Front war vorgestern (am Mittwoch) noch überhaupt keine Rede und kein Modell/Wetterfrosch hatte sie auf dem Schirm.”

Um dem auf den Grund zu gehen, hat der WetterBlog unten in der Bildergalerie eine Reihe von Prognosekarten für Samstag, den 26. Januar, 13:00 Uhr, gesammelt und zwar jeweils den 18:00 Modelllauf vom vorhergehenden Mittwoch (23. Januar) und Donnerstag (24. Januar). In den 500hPa Geopotentialkarten – welche einen guten Überblick über die Großwetterlage geben – muss man schon ziemlich genau hinsehen, um einen Unterschied zwischen dem Lauf vom Mittwoch und vom Donnerstag zu erkennen. Ähnlich im Vergleich der Theta E Karten, in denen man die Fronten gut sieht.

Theta E und Bodendruck, Prognose für Samstag (26.1.) von Mittwoch (23.1.) add_circle
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Theta E und Bodendruck, Prognose für Samstag (26.1.) von Mittwoch (23.1.)

Der kleine, aber in diesem Fall wesentliche Unterschied liegt in der genauen Position der gekennzeichneten Luftmassengrenze Kalt-im-Süden und Warm-im-Norden. Im Mittwochslauf wurde die mit dem Tief im südlichen Mittelmeerraum assoziierte, kalte Luft noch minimal weiter nördlich vermutet, im Donnerstagslauf ist sie etwas weiter im Süden. Das Hoch im Westen hätte sich nach Ansicht des Mittwochslaufs ein kleines Stück weiter nach Osten in Richtung Westschweiz ausdehnen sollen, während der Donnerstagslauf eine etwas geringere „Wölbung“ in diese Richtung erkannte. Dadurch verändert sich die Anströmungsrichtung wenig, aber doch genug um den Wettercharakter im Bereich der Luftmassengrenze von „kühl und trocken“ auf „wärmer und feucht“ umschwenken zu lassen.

Der aus dieser Konstellation von Hoch-Tief-Warm-Kalt hervorgehende Niederschlag befand sich also bereits am Mittwoch durchaus auf dem Schirm der Wetterfrösche und dem der Modelle sowieso, er wurde nur etwas weiter im Norden vermutet. Beim GFS Modell hieß „etwas weiter“ grob aus den Karten geschätzt 300-400km, beim ICON des DWD waren es nur 100-200km. Gerade in Kombination mit der komplexen Topographie der Alpen (Niederschlag wird u.U. verstärkt durch Aufgleiten von warmer Luft auf kalte Inversion in den Tälern und Staueffekte) können 100 km hin oder her schon einen beträchtlichen Unterschied für das lokale und regionale Wetter bedeuten, wie etwa am vergangenen Samstag. 100 km hin oder her bei eher kleinräumigeren Luftmassengrenzen sind aber, je nach Wetterlage, schlicht und einfach an der Grenze dessen, was Wettermodelle 3 Tage im Voraus verlässlich sehen.

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