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Tourentipp | Jiekkevárri

Auf das Kronjuwel Lyngens

11.12.2017

Läge Lyngens geografischer Höhepunkt in den Alpen, wäre der Gipfel bestimmt notorisch überbevölkert, doch hier im hohen Norden Norwegens kann man selbst bei perfekten Verhältnissen im April komplett ungestört unterwegs sein. Der Aufstieg ist zwar lang und höhenmeterintensiv, bietet aber in der Regel keine grossen Schwierigkeiten. Als Lohn winkt die längste Abfahrt Lyngens am Stück.

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Daniel Schweiss
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Läge Lyngens geografischer Höhepunkt in den Alpen, wäre der Gipfel bestimmt notorisch überbevölkert, doch hier im hohen Norden Norwegens kann man selbst bei perfekten Verhältnissen im April komplett ungestört unterwegs sein. Der Aufstieg ist zwar lang und höhenmeterintensiv, bietet aber in der Regel keine grossen Schwierigkeiten. Als Lohn winkt die längste Abfahrt Lyngens am Stück.

Zwischenziel Holmbuktinden, 1666m

Die Anreise zum Ausgangspunkt auf der südlichen Lyngen-Halbinsel ist nur empfehlenswert, wenn man sich bereits im Süden der Halbinsel oder in der Gegend um Tromsö befindet. Startet man von der nördlichen Halbinsel, muss man gut und gerne 2-3 Stunden Anfahrt früh morgens in Kauf nehmen. Bei Indre Holmbukta am Sörfjorden befindet sich gleich an der Strasse ein grosszügiger Parkplatz, der unmissverständlich zu verstehen gibt, dass es hier an gewissen Tagen doch zu vergleichsweise grossen Tourengängeraufmärschen kommen kann. Mächtig und abweisend thront der Holmbuktinden fast genau 1666m über dem Ausgangspunkt. Ein prominenter Gipfel, der auf dem Weg zum Jiekkevárri als Zwischenziel dient.

Doch beginnen wir gemütlich am Fusse dieser markanten Berggestalt. Zuerst führt die Route durch niedrige, dicht stehende Birken, bevor diese nach und nach durch Föhren abgelöst werden. Die Landschaft weist hier noch sehr malerische Charakterzüge auf, doch im Hintergrund werden sie bereits durch die schroffen Eisabbrüche des Blaisengletschers kontrastiert. Man folgt mehr oder weniger der Tverrelva bis ca. 400m, wo sich linkerhand das SW-Kar des Holmbuktinden auftut. Dieses bietet einen recht angenehmen aber steilen Anstieg, der im Frühling oft nur mit Harscheisen begehbar ist. Hat man die vielen Spitzkehren hinter sich gebracht, verflacht sich das Kar auf 900m um sich nach rund 200 Höhenmetern wieder deutlich aufzusteilen.

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Daniel Schweiss
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Eine kurze Rinne mit ca. 40° Neigung leitet auf die markante Schulter auf ca. 1400m, die den Beginn des Nordgrates auf den Holmbuktinden markiert. Man sollte es tunlichst vermeiden, sich hier zu weit gegen den Abbruch diese Plateaus vorzuwagen. Eine gigantische Wächte, wie man sie selbst in den Alpen selten sieht, hängt hier kühn über einer sehr steilen Nordwand. Rechtshaltend gewinnt man nun den Nordgrat, der eher wie ein schmaler Rücken daher kommt und bereits jetzt atemberaubende Tief- und Weitblicke zulässt.

Bei optimalen Verhältnissen leitet dieser ohne Schwierigkeiten auf den erstaunlich geräumigen Gipfel des Holmbuktinden. Zeit für eine ausgedehnte Pause und das Studium der Nordwest-Abfahrt via Blaisengletscher. Aus Sicht des Betrachters vom Holmbuktinden befinden sich rechts des steilen, je nach Verhältnissen mit Querspalten zerrissenen Gletschabbruches, wesentlich steilere Hänge, die über einen schmalen Grat erreicht werden können. Egal ob man die “Standard-Variante” via Blaisen NW-Gletscherabbruch oder die steilere, sehr exponierte Variante südwestlich davon anpeilt, vom Holmbuktinden sollten beide Varianten vorher eingängig studiert werden.

Jiekkevárri, 1834m

Der Weiterweg zum Jiekkevárri ist gut einsehbar und beginnt mit einer kurzen Abfahrt via Ostgrat des Holmbuktinden. Man verliert dabei rund 200 Höhenmeter, wobei verlieren das falsche Wort ist, kommt man doch zu einer ersten, guten Abfahrt.

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Daniel Schweiss
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Von nun an befinden wir uns ständig auf Gletschern, die zwar nicht ausgesprochen spaltenreich sind, aber doch ein Mass an Vorsicht voraussetzen. Der erste Gegenanstieg ist auch gleich der steilste und kann bei entsprechenden Verhältnissen durchaus lawinengefährdet sein. Hat man die Höhe des Holmbuktinden wieder erreicht, geht es auf den letzten 200 Höhenmetern kaum spürbar Richtung ausgedehnte Gipfelkuppe des Jiekkevárri hoch. Hier stellt niemand ein Kreuz oder sonstwelche Markierungen auf den höchsten Punkt und so muss man versuchen, Lyngens Höhepunkt anhand des Horizontes oder mit Hilfe des GPS möglichst exakt zu treffen. Egal ob man den Gipfel um 50 cm verpasst, die Aussicht in alle Himmelsrichtungen ist ziemlich überwältigend, obwohl wegen der nicht vorhandenen Exposition kein klassisches, alpines Gipfelfeeling aufkommt. Aber genau diese Gipfelexotik macht es eben aus! Doch auch auf diesem eher ungewöhnlichen Gipfel, nimmt die Vorfreude auf die kommende Abfahrt nach einer gewissen Zeit Überhand.

Abfahrt

Um Fahrt aufzunehmen, muss zu Beginn kräftig angeschoben werden, doch läuft es erst einmal, cruised man über weite, makellose Flächen, die trotz flacher Neigung einige weite Bögen zulassen. Auf rund 1500m ändert sich der Charakter schlagartig. Der Einstieg in den NW-Abbruch des Blaisengletschers sollte an dieser Stelle gut studiert sein, denn je nach Verhältnissen trifft man hier auf beachtliche Querspalten. Für Liebhaber von Steilabfahrten empfiehlt sich an dieser Stelle ein immer schmaler werdender Grat, der in südwestlicher Richtung zum P.1510 führt. Hier sollte man sich der Verhältnisse und des eigenen Könnens allerdings sehr sicher sein, denn die Exposition und der oft eisige Schnee an diesem windexponierten Grat minimieren die Fehlertoleranz auf 0. Exakt unter der Felsnadel P.1510 ziehen 400m hohe und mit 45° geneigte NW-Hänge auf den flachen Blaisengletscher. Hier vereinigen sich beide Variante. Den senkrechten Gletscherabbruch umgeht man skier’s right. Achtung, hier sollten man nicht zu lange verweilen, denn mit der tageszeitlichen Erwärmung donnern hier regelmässig Lawinen aus der Südflanke des Holmbuktinden. Durch das weite Tal der Tverrelva ist entspanntes Skifahren mit Fjordblick angesagt und als Tüpfchen auf dem i kommt man auf den letzten 300 Höhenmetern noch in den Genuss eines wahrhaft grandiosen cruise durch lichtes Buschwerk und die fotogenen Föhren. Nach 8-10 Stunden kämpft man sich zu guter Letzt noch durch die typisch dichten Birkenstangenwälder bevor man sich ein zuvor am Morgen kühl gestelltes “Mack” genehmigt und wahrscheinlich behaupten kann, soeben einer der Top 3 Lyngen-Touren erfolgreich ins Trockene gebracht zu haben.

Zusammenfassung

Schwierigkeit: ***** (von *****)
Besondere Gefahren: steile, lawinengefährdete Hänge / tageszeitliche Erwärmung / allgemeine alpine Gefahren: Route führt über Gletscher
Durchschnittliche / Maximale Steilheit: 20-35° / 45° (Steilere Variante sonst 40°)
Exposition: SW-N-NW-W
Höhe Start / Ziel: 10m / 1834m
Höhenmeter bergauf / bergab: 2000m / 2000m
Dauer: 8 - 10 Stunden total
Beste Jahreszeit: März bis Juni
Karten/Hinweis: Sämtliche Höhenkoten und Flurnamen beziehen sich auf die sehr empfehlenswerte App “Norgeskart” bzw. die Turkart “Lyngenhalvöya Sör”, Mst. 1:50’000 aus dem Verlag “Nordeca”

Hinweis: Die PG Tourentipps sind allgemeine Beschreibungen von Touren, die uns ganz subjektiv gut gefallen. Unsere Tourentipps BEZIEHEN SICH NICHT AUF DIE AKTUELLEN VERHÄLTNISSE. Lest den Lagebericht und die Wettervorhersage und richtet euch in der Tourenplanung danach.

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