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Schneegestöber

Wind – Baumeister der Schneebretter

Lawinenkunde für Freerider

12.01.2009

Bei Schneefall mit Wind wird der Neuschnee sehr ungleichmäßig abgelagert. Dadurch entstehen in einem Hang Flächen, wo die Schneedecke ihr eigenes Gewicht nicht tragen kann. Das Gewicht der Schneemassen verursacht Spannungen, die viel größer sind als die Haftreibung zwischen den Schneeschichten. An diesen Stellen löst sich spontan ein Schneebrett und gleitet als Lawine ab. Sehr oft passiert es aber, dass das Schneebrett noch an den Seiten oder oben hängt bzw. von unten abgestützt wird und nicht abgleitet. Das Schneebrett "hängt? als gespannte Falle im Hang?


Jeder unpräparierte Hang gleicht einem Flickenteppich. Stabile Hangpartien, mittelstabile Bereiche und Schwachstellen, so genannte Hot-Spots, grenzen direkt aneinander. Je höher die im Lawinenlagebericht genannte Lawinenwarnstufe ist, umso mehr Schwachstellen weist die Schneedecke auf.

 

 

Um die Schneebrettgefahr einschätzen zu können, benötigst du mehr "Snow-how? über die Schneedecke im Steilhang: Die Schneekristalle einer Schneedecke setzen sich, durch die abbauende Umwandlung und die Schmelzumwandlung. Zusätzlich bewegen sich die Schneekristalle dabei ein Stückchen hangabwärts. Diese Bewegung der Schneekristalle wird kriechen genannt. Jede Schicht der Schneedecke bewegt sich dabei mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Die oberste Schicht ist die Schnellste. Mit zunehmender Tiefe bremsen Bodenhindernisse und die starke Reibung immer stärker.

 

Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten lassen eine Spannung zwischen den Schneeschichten entstehen, die so genannte Scherspannung. Der Scherspannung wirkt die Reibung, die Haftreibung, zwischen den Schneeschichten entgegen. Die Kräfte in einem Powderhang sind sehr unterschiedlich verteilt. Wie belastbar ein Hang ist, hängt davon ab, wie stabil die verschiedenen Teilflächen sind, das heißt wie das Verhältnis der Haftreibung zur Spannung ist:

 

  • Ein Hangbereich ist stabil, wenn die Haftreibung größer als die Spannung ist.
  • Ein Hangbereich ist in einem gefährlichen Gleichgewicht, wenn Haftreibung und Spannung gleich groß sind.
  • Ein Hangbereich ist eine Falle, wenn die Reibung kleiner ist als die Spannung.

 

Befindet sich in der Schneedecke eine Schwachschicht, z.B. Schwimmschnee, eingeschneiter Oberflächenreif, Eis, Harsch, wird die Haftreibung stark reduziert und eine mögliche Lawinengleitbahn ist vorhanden. Leider befinden sich in [fast] jeder Schneedecke potentielle Lawinengleitbahnen.

 

Zur Auslösung eines Schneebretts braucht es eine schwache Schicht unter einer gebundenen, wenig verformbaren festeren Schicht, z.B. windverfrachteter Pulverschnee über eingeschneitem Oberflächenreif.Doch auch ein instabiler Hangabschnitt muss sich nicht spontan lösen, da andere stabilere Teilflächen die Spannungen auffangen können. Kommt es jetzt aber zu einer Zusatzbelastung durch Freerider, oder Neuschnee, kann von diesem Hot-Spot ein Bruch [= Initialbruch] ausgehen. Der Bruch pflanzt sich schnell nach allen Seiten fort, bis das Schneebrett gelöst ist und in Schollen abgleitet. Oft löst sich das Schneebrett so schnell, dass es für eine Schussflucht zu spät ist.

Der auslösende Bruch muss aber nicht innerhalb eines Hanges passieren, sondern kann auch von [weit] außerhalb erfolgen. Fernauslösungen von Lawinen passieren häufig, durch Freerider-Gruppen oder Pistenwalzen.
Bei großer Lawinengefahr kann schon ein einzelner Freerider im flachen Vorgelände einen Bruch auslösen. Wenn man aufmerksam ist, kann vielleicht ein dumpf dröhnendes "Wumm? gehört werden. [Das "Wumm? bedeutet 100% Lebensgefahr.] Dieser Bruch in der Schneedecke pflanzt sich unsichtbar fort, bis er in einem steilen Hang ein wahrscheinlich großes Schneebrett auslöst.
Erst wenn der Hang so stark verspurt ist, dass kein Turn mehr in unverspurtem Schnee möglich ist, darf er als lawinensicher gelten. [Achtung: gilt nicht im Frühjahr bei nasser Schneedecke!]

Merke: Je steiler, desto geiler – umso schneller die Schneebrett-Auslösung!

Der Lawinenforscher Bruno Salm entdeckte, dass die Zusatzbelastung, bei der in der Schneedecke Brüche und Risse auftreten, nicht immer gleich ist. Ob die Schneedecke bricht oder nicht, ist immer von der Geschwindigkeit abhängig, mit der die Zusatzbelastung einwirkt. Schnee verhält sich bei langsamer Belastung ähnlich wie dickflüssiger Honig: er ist dehnbar und verformbar. Erst wenn die Zusatzbelastung zu schnell – das heißt mit der kritischen Deformationsgeschwindigkeit – einwirkt, entsteht der endgültige Bruch oder Riss in der Schneedecke. Jeder, der schon einmal durch tiefen Neuschnee gelaufen ist, weiß, dass man besonders tief einsinkt und damit viel Kraft verbraucht, wenn man schnell und mit voller Kraft auftritt. Wird die Schneedecke jedoch langsam und vorsichtig belastet, bricht man oft nicht so tief ein. Erfolgt die Zusatzbelastung aber schockartig – z.B. durch einen Sprung über eine Wechte –, kann die Stabilität bis auf 1/10 der ursprünglichen Festigkeit abnehmen. Ab "erheblicher? Lawinengefahr – oder bei einem unguten Gefühl – ist besonders vorsichtiges und umsichtiges Verhalten angesagt. Wer kopflos und in Panik wegrennt, tappt vielleicht blind in die Falle.Glücklicherweise ist Schnee im Unterschied zu den Ziegelsteinen in der Lage, Spannungen aufzunehmen und auszugleichen, da er verformbar ist. Er braucht dafür aber viel Zeit. Sogar mächtige Triebschneeablagerungen können sich im Lauf der Zeit so gut verfestigen, dass man sie befahren kann.