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Schneegestöber

SchneeGestöber 2 2021/22 | Schneeprofilbesprechung

Hintergrundinformationen zum momentanen Altschneeproblem

04.12.2021

Lawinenwarndienste, Medien, zahlreiche Lawinenunfälle und die ersten Lawinenopfer der Saison in Salzburg haben in den letzten Tagen eindrücklich vor dem derzeitigen Schneedeckenaufbau gewarnt. Wir schauen uns dazu ein aktuelles Schneeprofil aus Sölden im Ötztal an.

Schneeprofil aus Sölden, NO Hang, 2350m add_circle
Schneeprofil aus Sölden, NO Hang, 2350m

Lawinenwarndienste, Medien, zahlreiche Lawinenunfälle und die ersten Lawinenopfer der Saison in Salzburg haben in den letzten Tagen eindrücklich vor dem derzeitigen Schneedeckenaufbau gewarnt. Wir schauen uns dazu ein aktuelles Schneeprofil aus Sölden im Ötztal an.

Schneeprofil lesen

Allgemeines

Das Schneeprofil wurde am zweiten Dezember um 14 Uhr 30 in Sölden zwischen dem Gaislachkogel und der Mautstation zum Rettenbachferner auf 2350m aufgenommen. Wir befinden uns hier in einem 29° steilen Nordosthang. Während der Aufnahme beträgt die Lufttemperatur -9,8°C, die Schneeoberflächentemperatur -8,5°C. Es ist windstill und stark bewölkt während es schwach schneit.

Im Bemerkungsfeld lesen wir von Setzungsgeräuschen, die der Schneeprofilersteller Tobias hier vernommen hat. Auch das Testergebnis passt dazu: ECTP9 in einer markanten Schwachschicht.

Alle Schichten sind trocken. Dies erkennt man an der Zahl „1“ in der Spalte mit dem durchgestrichenen Kreis. Die Feuchtigkeitsgrade gehen hinauf bis zur 5, wobei 2 für „schwach feucht“ steht und 5 für „wasserdurchtränkt“.

Der Temperatugradient von der Oberfläche bis zum ersten Messpunkt innerhalb der Schneedecke zehn Zentimeter darunter ist sehr stark ausgeprägt: von -8,5°C auf -5,5°C. Darunter wurden etwa alle zehn Zentimeter weitere Temperaturmessungen durchgeführt, die einen etwas steileren Verlauf zeigen. In Bodennähe herrschen annähernd 0°C.

Blau

Am Standort liegen ca. 85cm Schnee aufgeteilt auf sieben Schichten, die mittels Handprofil ermittelt wurden. In der obersten Schicht liegt frischer Neuschnee mit einer Korngröße bis 2mm und der Härte 1 (= Faust). Das heißt, der blaue Balken läuft nur bis zum ersten Strich auf der Grafik nach links hinaus und man kann die Schicht mit der Faust ohne große Krafteinwirkung problemlos durchdringen.

Darunter sehen wir zwei Schichten mit bereits stärker abbauend umgewandelten Kristallen beziehungsweise Triebschnee. Diese bestehen primär aus rundkörnigen Kristallen mit einer Größe von 0,5mm und einer Härte bis 2-3. Das heißt, für Härtegrad 2 (vier Finger) ist die Schicht nur mehr sehr schwer durchdringbar, für Härtegrad 3 (ein Finger) sehr leicht.

Rot

Zwischen 50cm und 35cm Höhe befindet sich eine markante Schwachschicht mit Härtegrad 1. Sie besteht aus kantigen Kristallen mit einer Korngröße von 1,5 bis 2mm. In dieser Schicht ist der Stabilitätstest gebrochen, in diesem Fall ein Extended Column Test ECT mit dem Ergebnis ECTP9. Das heißt, beim neunten Schlag bei der ersten Belastungsstufe aus dem Handgelenk ist der gesamte Block mit einer Breite von 90cm und einer Tiefe von 30cm - der vorher aus der Schneedecke seitlich und hinten herausgetrennt wurde - in eine obere Hälfte und eine untere Hälfte auseinander gebrochen. Und zwar in der Schwachschicht im Bereich von 35 – 50cm Höhe.

Grün

Unterhalb der markanten Schwachschichten befindet sich eine dünne Schmelzkruste mit Härtegrad 4 (Bleistift). Aber die Kruste besteht nicht nur aus Schmelzformen, sondern auch teilweise aus kantigen Kristallen. Diese sind 0,5 – 1,5mm groß.

Unterhalb von 31cm sehen wir noch zwei Schichten aus kantigen und kantig-abgerundeten Kristallen mit einer Korngröße zwischen 1 und 2mm und Härtegrad 2 und 2-3.

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Risse in der Schneedecke: Eindeutiges Gefahrenzeichen add_circle
Lukas Ruetz
Risse in der Schneedecke: Eindeutiges Gefahrenzeichen

Schneeprofil interpretieren

Das Profil passt perfekt zur derzeitigen Lawinensituation in schattigen oder nur schwach besonnten Steilhängen, wo es eine Unterlage aus Herbstschnee gab.

Grün

Vom Boden bis zur Schmelzkruste auf 33cm Höhe stammt der Schnee vom Niederschlag Anfang November. Dann wurde es mehrere Tage wolkenlos. Die Luft war trocken und nicht allzu warm. Dabei bildete sich an der Oberfläche eine Schmelzkruste, eventuell auch durch einen schwachen Regenschauer bis in diese Höhenlage. Unterhalb der Schmelzkruste wandelte sich die Schneedecke allerdings in der Schönwetterphase vom 05.11. bis zum 14.11. aufbauend um. Die Temperaturgradienten waren damals in der nur knapp über 30cm mächtigen Schneedecke aufgrund der stark sinkenden Oberflächentemperatur durch den wolkenlosen Himmel stark ausgeprägt. Das heißt, der Temperaturunterschied vom Boden bis zur Schneeoberfläche war extrem stark. Dadurch konnte die aufbauende Umwandlung tagelang wüten.

Mittlerweile sind diese beiden Schichten aber wieder in der abbauenden Umwandlung. Den momentanen Umwandlungsprozess leitet man immer an der Temperatur in Kombination mit dem Temperaturgradienten innerhalb der Schneedecke ab. Schwacher Gradient = steile Kurve = abbauende Umwandlung. Starker Gradient = flache Kurve = aufbauende Umwandlung. Außerdem hat Tobias – der Ersteller des Profils – hier bereits kantig-abgerundete Kristalle gefunden. Die kantigen Kristalle haben sich also schon erkennbar wieder abbauend umgewandelt und gehen in ihrer Form wieder in Richtung Rundkörnig über. Der Gradient ist nicht mehr besonders ausgeprägt, das heißt, die rote Temperaturkurve verläuft relativ steil, die Temperaturunterschiede innerhalb dieses Bereichs sind damit nicht mehr besonders stark ausgeprägt. Außerdem spielt sich die Temperatur hier zwischen ca. -3° und knapp 0°C ab. Das heißt, wir sind nicht weit vom Schmelzpunkt von Schnee entfernt. Zwar schmilzt der Schnee damit natürlich nicht, aber er baut sich durch eine hohe Temperatur bei geringem Temperatugradienten schnell abbauend um. Bei einem geringen Temperatugradienten bei hingegen niedriger Temperatur würde er sich genauso abbauend umwandeln – nur viel langsamer.

Rot

Erst um den 15.11. folgte ein weiterer, nennenswerter Schneefall. Den Schnee dieses Niederschlagsereignisses sehen wir nun zwischen etwa 33cm und 51cm Höhe. Vom 16.11. bis zum 25.11. konnte sich dieser in einer Schönwetterphase ebenfalls stark aufbauend umwandeln und kantige Kristalle mit einer Größe von bis zu 2mm bilden. Nur hat sich in diesem Zeitraum keine Schmelzkruste an der Schneeoberfläche gebildet.

Blau

Bezüglich Umwandlung befinden wir uns auf den obersten ca. 10cm der Schneedecke derzeit in der aufbauenden Umwandlung – während sich die unteren Bereiche der Schneedecke zeitgleich abbauend umwandeln. Der Temperaturgradient im obersten Abschnitt beträgt 3°C auf 10cm, von -8,5°C auf -5,5°. Das sind hochgerechnet 30°C auf einem Meter. Die aufbauende Umwandlung beginnt ab etwa 15°C/m oder 1,5°C/10cm oder 0,15°C/cm.

Die aufbauende Umwandlung geht hier zum Zeitpunkt der Aufnahme relativ schnell vonstatten weil die Temperatur relativ hoch ist – im Bereich von einstelligen Minusgraden. Je tiefer die Temperatur ist, desto langsamer arbeitet die aufbauende Umwandlung. Je höher die Temperatur und je stärker der Gradient, desto stärker und schneller arbeitet die aufbauende Umwandlung. Immer vorausgesetzt, der Temperaturgradient beträgt 0,15°C/cm oder mehr.

Schneefahnen --> Triebschnee add_circle
Lukas Ruetz
Schneefahnen --> Triebschnee
Fazit & Interpretation bezüglich Lawinengefahr

Das Schneeprofil bestätigt die Warnungen der Lawinenwarndienste eindrücklich. Die Konstellation Schneebrett (Bereich blau) zu Schwachschicht (Bereich rot) stimmt hier perfekt. Der Stabilitätstest zeigt bei geringer Belastung einen Bruch samt Bruchausbreitung über den gesamten Block.

Für uns als Wintersportler aber ist es noch schlimmer: Nicht nur die Eigenschaften von Schneebrett und Schwachschicht passen perfekt zusammen. Die Mächtigkeit des Schneebretts ist mit etwa 35cm auch perfekt zur Lawinenauslösung durch Menschen geeignet. Denn ab einer Dicke des überlagernden Schneebretts - also der Schneeauflage oberhalb der Schwachschicht – von etwa 75cm sind die Schwachschichten mit dem Gewicht eines Menschen nicht mehr so leicht zu stören.

Zudem liegen an der Oberfläche einige Zentimeter lockerer Neuschnee. Die Altschneeschschwachschichten sind ohnehin nicht von außen erkennbar, aber hier wird durch die Neuschneeauflage auch der Triebschnee verdeckt. Damit ist die Situation noch heimtückischer.

Summa summarum: Wo es eine Schneeunterlage vom Herbst gibt: Defensiv bleiben und abwarten. Der Winter ist noch lang und Skifahren in Nicht-Lawinengelände kann auch sehr schön sein!

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