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Schnee von morgen

Schnee von morgen | Unterwegs im Lebensraum der Wildtiere

Besonders im Winter: Rücksicht auf die Tierwelt!

18.01.2021

"Respektiere Deine Grenzen", "Bergwelt Tirol-Miteinander erleben", "Natürlich auf Tour", "Dein Erholungsraum – Mein Lebensraum" alles Slogans und Kampagnen, die uns in Erinnerung rufen, dass wir uns draußen in der Natur, im Wald und am Berg im Lebensraum unserer heimischen Wildtiere, quasi in deren "Wohnung", befinden und dort Gast sind.

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Erich Tasser
Schneehuhn

"Respektiere Deine Grenzen", "Bergwelt Tirol-Miteinander erleben", "Natürlich auf Tour", "Dein Erholungsraum – Mein Lebensraum" alles Slogans und Kampagnen, die uns in Erinnerung rufen, dass wir uns draußen in der Natur, im Wald und am Berg im Lebensraum unserer heimischen Wildtiere, quasi in deren "Wohnung", befinden und dort Gast sind.

Grundsätzlich kein Problem, es ist genug Platz für alle. Allerdings ist es ein Gebot der Stunde, die Regeln der „Gastfreundschaft“ zu beherzigen und auf die Bedürfnisse unserer tierischen Mitbewohner ein gewisses Maß an Rücksicht zu nehmen, vor allem im Winter, bei für Tiere zum Teil lebensbedrohlichen Verhältnissen. 

Doch warum genau ist in der kalten Jahreszeit ein besonderes Augenmerk auf die Wildtiere zu legen? Warum richten wir freiwillige Wildruhezonen und behördlich verordnete Sperrgebiete ein? Warum sollen wir Grate und abgeblasene Windkanten meiden? Weil für die Tiere in freier Wildbahn der Winter die schwierigste Zeit im Jahresablauf ist. Ihr gesamter Jahreszyklus und verschiedene ausgeklügelte Strategien sind auf diese kritische Zeit abgestimmt – sie gilt es zu überleben. Einige legen sich ein dickes Winterfell oder Federkleid zu, andere fallen in Kältestarre oder machen einen Winterschlaf. Aber für alle heißt es dann: Energie sparen, wo es nur geht. Insbesondere aber heißt das: energiezehrende Flucht ist schlecht!

Ein kleiner Streifzug durch die Biologie und Physiologie unserer Lebensraumpartner trägt vielleicht zum Verständnis für manche Empfehlung bei. 

Im Bergwald lebt das Rotwild, also die Hirsche, Kühe und Kälber. Diese Tiere polarisieren sehr, denn einerseits werden sie gefüttert, also gehegt und gepflegt und andererseits geschossen. Warum sollen wir also auf Jagdtrophäen Rücksicht nehmen? Oft taucht hier der Vorwurf auf, dass es dabei nur um das Eigeninteresse der Jagd gehe.

Ursprünglich war das Rotwild ein typischer Auenbewohner. Durch unsere Siedlungs- und Bautätigkeit haben wir diese Wildart jedoch von den Tallagen in den Bergwald getrieben. Mit gewissen Anpassungsstrategien kommt es nun auch mit den dortigen, teilweise unwirtlichen, Bedingungen zurecht. Es setzt dabei im Winter auf das Motto „Keine falsche Bewegung!“.

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Anders als bei Rotwild und Schneehuhn ergreift in diesem Fall unter Umständen eher der Mensch die Flucht als das Tier. add_circle
LH
Anders als bei Rotwild und Schneehuhn ergreift in diesem Fall unter Umständen eher der Mensch die Flucht als das Tier.

Allgemein brauchen Tiere im Winter auf Grund der Kälte viel mehr Energie als sonst, da sie einerseits den Wärmehaushalt ständig regulieren müssen und andererseits, um im teilweise meterhohen Schnee vorwärts zu kommen. Diese Energie in Form von Nahrung ist jedoch eingeschneit und somit nicht verfügbar. Also müssen andere Strategien her. Das Rotwild (wie viele andere Tiere) schaltet deshalb in den kompletten Energiesparmodus. Die Tiere verbringen täglich acht bis neun Stunden in Ruhephasen. In dieser Zeit senken sie die Herzfrequenz vorübergehend um etwa die Hälfte (auf weniger als 30 Schläge pro Minute), ebenso die Temperatur in den Randbereichen des Körpers (von 35 Grad auf ca. 15 Grad). Dieser reduzierte Stoffwechsel spart bis zu 40 % Energie. Der Steinbock macht das übrigens ebenso. In dieser Zeit ist jeder Schritt zu viel. Wird das Rotwild in dieser Zeit z.B. durch Wintersportler*innen aufgeschreckt, kann diese Störung wirklich kritisch und bei Wiederholung leider auch lebensbedrohlich werden. Die Tiere müssen innerhalb kürzester Zeit ihre Funktionen wieder auf „Vollbetrieb“ hochfahren und verbrauchen dabei unglaublich viel Energie und Substanz. 

Der Bewegungsradius von Rotwild beschränkt sich im Winter auf den Einstandsbereich und den Fütterungsbereich, die in unmittelbarer Nähe zueinander liegen, manchmal nur einige hundert Meter. In Österreich besteht für Rotwild im Gegensatz zu anderen Ländern per Gesetz in der winterlichen Notzeit eine Fütterungspflicht! Dieses Angebot nehmen die Tiere natürlich dankend an, wenn sie dort ihre Ruhe finden. Für das Wild ist es entscheidend, dass es in seinem Lebensraum störungsarme Rückzugsgebiete gibt.

Deshalb der Appell: 

  • Umgehe Fütterungen, vermeide Lärm, beobachte Wildtiere nur aus der Distanz und folge keinen Tierspuren.
  • Beachte Informationstafeln, Lenkungskonzepte, Hinweise und Markierungen im Gelände.
  • Vermeide den Aufenthalt in der Dämmerung. Sie ist für Wildtiere die Zeit der Nahrungsaufnahme und Ruhephase.
  • Verzichte auf Touren in der Nacht. Die Wildtiere brauchen auch ungestörte Zeiten.

Eine kleine, aber sehr sensible Gruppe bilden die Raufußhühner. Unter diesem Begriff werden alle Hühnervögel zusammengefasst, deren Beine bis zu den Zehen als Kälteschutz befiedert sind - eine geniale Anpassung an die eisigen Bergwinter! Dazu zählen die Auerhühner, die Birkhühner, die Alpenschneehühner und die kleinen Haselhühner. Bei den Schneehühnern ist die Befiederung im Winter so ausgeprägt, dass sie sich wie auf Schneeschuhen über Tiefschnee bewegen können. 

Die Raufußhühner sind eine in Mitteleuropa stark gefährdete Gruppe, für die der Alpenbogen noch einen wichtigen Rückzugsraum darstellt. Ihre Ansprüche an den Lebensraum sind sehr hoch - sie brauchen also ganz spezielle Bedingungen - und sie sind gegen Störungen auch sehr empfindlich. Bei zu häufigen Störungen verlassen sie das Gebiet ganz. Sind keine geeigneten Gebiete vorhanden, sinkt der Bestand. 

Schematische Darstellung einer Schneehuhnhöhle. add_circle
Veronika Grünschachner-Berger
Schematische Darstellung einer Schneehuhnhöhle.

Diese Vögel halten keinen Winterschlaf wie das Murmeltier oder der Bär, sondern sie überdauern die kalte Jahreszeit mit Ausnahme des Haselhuhns in selbst gegrabenen Schneehöhlen. Diese sind meist in der Nähe von Gebüschen und Zwergsträuchern angelegt. Und genau solche Stellen, sollten unbedingt gemieden werden. In ihrem Umkreis hocken mit ziemlicher Sicherheit Schnee- oder Birkhühner unterm lockeren Schnee und versuchen ebenfalls ihren Energiehaushalt aufs Minimum zu beschränken. Die pflanzliche Kost gibt mit ein paar Trieben und Nadeln nicht viel her, und das Verlassen ihrer Höhle dürfte sie einige Überwindung kosten. In dieser ist das von ihnen hergestellte Mikroklima nämlich so optimal, dass die Innentemperatur im Gegensatz zur Außentemperatur um mehrere Zehnerpotenzen wärmer sein kann. Bei strengem Frost verbringen die Tiere mehr als 20 Stunden in der Höhle. Trotzdem verlassen sie die behagliche Behausung vor allem in den Morgen- und Abendstunden, um Nahrung zu suchen. Ein häufiges Aufscheuchen während der Futtersuche oder gar aus der Höhle heraus, kann für diese Arten, die nur ganz wenige Energiereserven anlegen können, den Fortpflanzungserfolg im nächsten Frühjahr beeinträchtigen bzw. im schlimmsten Fall den Tod bedeuten. 

  • Grate und Rücken sind der Lebensraum des Schneehuhns, Gams- und Steinwilds; halte Dich besonders im Hochwinter erst nach Sonnenaufgang dort auf und vermeide Aufenthalte nach Sonnenuntergang. 
  • Die Waldgrenze ist der Lebensraum des Birkhuhns. Durchquere sie in direkter Linie und halte so viel Abstand wie möglich zu Baumgruppen und Einzelbäumen.
  • Im Wald leben Auerhuhn und Rotwild. Wähle deshalb Deine Aufstiege und Abfahrten über die allgemein üblichen oder die markierten Skirouten.

Gämsen haben zwar keine so ausgeklügelten Strategien wie manch andere Tiere, aber auch sie sind im Winter gezwungen, ihre Energiereserven sorgsam einzuteilen. Bei Gämsen ist die Geschwindigkeit der Annäherung ausschlaggebend für die Länge und Intensität der Fluchtdistanz. Auch reagiert Gamswild gegenüber Aktivitäten abseits im Gelände deutlich empfindlicher als gegenüber solchen auf Straßen, Wegen, Routen oder Loipen. Besonders empfindlich und mit langen kräfteraubenden Fluchtdistanzen reagieren Gämsen auf Lärm und auf Hunde. 

  • Deshalb nimm Deinen Hund an die Leine und vermeide unnötigen Lärm auf Tour. 

Als Wintersportler*innen sind wir also Gäste in der Wohnung der Wildtiere. Uns sollte klar sein, dass wir nicht überall und zu jeder Zeit gleich willkommen sind. Mit respektvollem Verhalten können wir Tierleid vermeiden und zur Bestandserhaltung beitragen. Aber trotzdem unseren Spaß haben und die winterliche Landschaft genießen. 

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