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Schnee von morgen

Schnee von morgen | Skifilme zwischen Realismus und Aktivismus

Mackowitz’ Struktur und Patagonia’s Vanishing Lines: Zwei Skifilme, die den Zeitgeist treffen

03.01.2022

Skifilme gehören ebenso zur Kultur unseres Sports wie Skimagazine und Saisonkarten. Doch mit unseren Ansprüchen an unseren Sport ändern sich auch die Narrative der Filme. Wir zeigen zwei, die zum Nachdenken und Auf-die-Straße-gehen anregen.

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Patagonia/Johannes Aitzetmüller

Skifilme gehören ebenso zur Kultur unseres Sports wie Skimagazine und Saisonkarten. Doch mit unseren Ansprüchen an unseren Sport ändern sich auch die Narrative der Filme. Wir zeigen zwei, die zum Nachdenken und Auf-die-Straße-gehen anregen.

Winter 2001. Wir saßen im Keller meines Kumpels vor dem Fernseher und der Videorekorder zeigte leicht rauschend und knisternd jenen Film, den wir nach langem Suchen jetzt endlich über den Bildschirm des alten Röhrenfernsehers abspielen konnten: Propaganda von Poor Boyz Productions. Der erste Skifilm, den ich je gesehen habe und der die Zukunft unseres Sports einläutete. JP Auclair, Tanner Hall, Sarah Burke, Candide Thovex und natürlich Jon Olsson haben uns dort vorgemacht, zu was die neuen Twin Tips konstruiert wurden. Und warum wir das Skifahren so liebten.

Im Vordergrund stand bei Skifilmen wie Propaganda oder später auch All.I.Can. oder Claim immer die Skiaction. Es wurden die steilsten Hänge befahren und die krassesten Tricks gezeigt. Untermauert mit dröhnender Musik. Eine Ode an das Skifahren eben.

Nach mehr als 20 Jahren hat sich aber nicht nur der Blick auf unseren Sport verändert, sondern mit ihm auch die Skifilme. Filme, in denen tolle Powderturns gezeigt werden, kennt mittlerweile jeder. Ebenso wie Filme, die neben der reinen Action auch noch eine Story dazu gepackt bekommen haben. Man denke an Valhalla, Into the Mind oder The Recruitment. Ein paar Menschen beim Skifahren zuzuschauen reicht heute oft nicht mehr aus. Ich habe das Gefühl, dass wir zu vieles schon gesehen haben. Ich will mehr Inhalt. Denkanstöße. Etwas, worüber ich mir den Kopf zerbrechen kann. Zum Glück gibt es auch FilmemacherInnen, die das so sehen und deswegen wollen wir euch heute zwei Filme vorstellen, die sich mit Skifahren auf der Meta-Ebene beschäftigen: Struktur von Hanno Mackowitz und Vanishing Lines von Patagonia.

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Skifahren in der Kulturlandschaft add_circle
Hanno Mackowitz
Lorraine Huber in "Struktur"
Skifahren in der Kulturlandschaft

Struktur - eine Skispur in der Kulturlandschaft

Schwarz-weiße Aufnahmen. Sanfte Musik. Dazu die schier ätherischen Schwünge von Lorraine Huber durch den Tiefschnee des Arlbergs. Er könnte fast wie ein herkömmlicher Skifilm anmuten. Würde Lorraine Huber nicht direkt auf den Lüftungsschacht des Arlberg Tunnels zufahren, unter aufgespannten Stromleitungen hindurch gleiten oder auf das Dach der neugebauten Flexenbahn, die Verbindung zwischen St. Anton am Arlberg und Lech, steigen. Neben der sanften Musik spricht Architekturtheoretiker Dr. Peter Volgger über die Spannung zwischen Natur und Kulturlandschaft – in der wir uns als Skifahrer mit jedem Schwung bewegen.

Mackowitz hat mit Struktur einen Arthouse Film kreiert, der nichts ausblendet, der kein perfektes naturbelassenes Bild zeichnet, das uns die Tourismusdestinationen so gerne anpreisen. Hier ist alles echt und die Eingriffe des Menschen werden durch tonnenschweren Beton, kilometerlange Drahtseile und markante Liftanlagen in einer tief verschneiten Berglandschaft mit jedem Schwung von Lorraine Huber noch deutlicher. „Das Bild von Einsamkeit und Freiheit, wie es die Tourismusindustrie gerne verkauft, funktioniert nur in dem man die vorhandene Infrastruktur ausblendet“ erklärt der Produzent, „die vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft auf eine ästhetische nicht wertende Weise darzustellen war die Herausforderung bei diesem Projekt“.

Die Bilder an sich und vor allem die Ausführungen von Volgger verdeutlichen noch einmal, dass wir uns in den Alpen nicht in einer unberührten Naturlandschaft bewegen, sondern in einer menschengemachten Kulturlandschaft. „Diese Kunstlandschaften sind die Realität und überall dort zu finden, wo der Mensch einen Fuß hinsetzt“, erklärt der Architekt. „Landschaft, oder Konstruktion von Landschaft heißt immer auch Bedürfnisbefriedigung – die Landschaft ist also eine Ökonomie des Begehrens und wir versuchen dieses Begehren, zumindest zeitweise, zu befriedigen.”

Wenn gleich der Film wie eine 13-minütige visuelle Meditation anmutet, so regt er auch zum Nachdenken an. Die Natur, so wie wir sie uns wünschen, existiert in den Alpen kaum noch. Skigebiete sind ein Spiegelbild der Bedürfnisse der Gesellschaft. Und das war und ist leider heute immer noch das Streben nach immer mehr: mehr Pistenkilometer, mehr Lifte, mehr Personenbeförderung pro Minute.

Hier der Film in voller Länge:

Unverbautes Fleckchen zwischen Skigebieten add_circle
Patagonia/Johannes Aitzetmüller
Unverbautes Fleckchen zwischen Skigebieten
Vanishing Lines

Doch zum Glück ändert sich diese Einstellung. Das Immer-mehr ist bei vielen Skifahrerinnen und Snowboardern nicht mehr wichtig. Wichtig ist, die letzten verbliebenen Naturräume der Alpen und Hochgebirgslandschaften zu schützen. Das wollen auch Mitch Tölderer und Lena Stoffel in ihrer Dokumentation Vanishing Lines zeigen.

Zeigt Struktur noch die reale Landschaft ohne Wertung, dreht Vanishing Lines den Erzählstrang um. Im Mittelpunkt der 20-minütigen Dokumentation steht der Ausbau zwischen Pitztaler und Ötztaler Gletscher. Worum es dabei geht, wisst ihr wahrscheinlich alle noch: die sogenannte Gletscherehe. Mit drei Gondeln und einem gemeinsamen Seilbahnzentrum unterhalb der Braunschweiger Hütte soll das Gebiet rund um den Linken Fernerkogel erschlossen werden. 64 Hektar Pistenfläche kämen auf Karles-, Hangenden- und Mittelbergferner, inklusive Speicherteich und Beschneiungsanlage. Davon lägen 95 Prozent der Pistenfläche auf Gletschern. Das größte Gletscherskigebiet der Welt soll dadurch entstehen.

Jakob Falkner, Geschäftsführer der Bergbahnen Sölden, versucht das Projekt so zu erklären: „Ich hoffe, dass wir unser Projekt bauen können. Denn es ist ein wunderbares Angebot, das der Kunde sucht. Es gibt seit 15 Jahren Untersuchungen mit unseren Kunden und es sind immer drei Sachen, die herausstechen: Größe des Skigebiets, Schneesicherheit und Pisten.“

Aber gibt es nicht schon genügend Pisten und Skigebiete?

Doch. Dieser Meinung sind auch Lena Stoffel und Mitch Tölderer und rufen deshalb in Vanishing Lines gemeinsam mit dem Österreichischen Alpenverein und weiteren NGOs dazu auf, sich gegen das Projekt und den weiteren Ausbau von Skigebieten auszusprechen. "Einmal zerstört, wird der naturbelassene Alpenraum für immer verloren sein: verloren für die Natur, für uns und für die nächsten Generationen. Als Teil der Backcountry Snow-Community, als Vater und als engagierter Bürger werde ich mich mit meiner Stimme gegen den weiteren Ausbau der Skigebiete und für den Erhalt unserer letzten natürlichen Berglandschaften einsetzen“, erklärt Tölderer im Film.

Unterstützt werden die beiden unter anderem von Benjamin Stern, Abteilung Raumplanung und Naturschutz beim ÖAV, und Birgit Gelder, Professorin am Institut für Ökologie der Uni Innsbruck sowie Dr. Gerd Estermann von der Bürgerinitiative Feldring: "Der Film zeigt in eindrucksvollen Bildern den Kontrast zwischen naturbelassener Wildnis und einer von technischen Bauwerken dominierten, hochalpinen Landschaft. Je stärker unser Alltag organisiert und technisiert ist, je mehr unsere Erfahrungen von virtuellen Eindrücken bestimmt werden, umso stärker wächst die Sehnsucht nach ursprünglicher Natur. Unsere Bürgerinitiative kämpft für deren Erhalt - auch für kommende Generationen.“

Hier der Film in voller Länge:

 

Realismus wird zu Aktivismus

Zum Glück liegt das Projekt der Gletscherehe derzeit Pandemie-bedingt auf Eis. Dass das Vorhaben damit aber vom Tisch ist, ist keinesfalls gesagt. Beide Filme zeigen uns, dass es wichtig ist, sich im ersten Schritt unserer Realität in den Skigebieten bewusst zu werden und dann dafür aufzustehen, damit sich etwas Grundlegendes am vorherrschenden Status Quo ändern kann. Wir hoffen, die beiden Filme können dazu einen nötigen Anstoß liefern.

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