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Schnee von morgen

Schnee von morgen | Sinnsuche zum Jahreswechsel

Angst und Hoffnung

04.01.2021

Das neue Jahr ist jung und noch ruhen viele Hoffnungen auf 2021. Es möge besser werden als 2020, normaler, weniger von Unsicherheit geprägt. Twitter-Memes und Feuilletons blicken gleichermaßen angewidert zurück und teils optimistisch, teils zynisch nach vorn, angespornt vom Jahreswechsel, der zwar nur eine Nacht unter vielen ist, aber doch stark an Symbolkraft gewinnt, wenn man einen Grund sucht, das Vergangene hinter sich zu lassen.

Das neue Jahr ist jung und noch ruhen viele Hoffnungen auf 2021. Es möge besser werden als 2020, normaler, weniger von Unsicherheit geprägt. Twitter-Memes und Feuilletons blicken gleichermaßen angewidert zurück und teils optimistisch, teils zynisch nach vorn, angespornt vom Jahreswechsel, der zwar nur eine Nacht unter vielen ist, aber doch stark an Symbolkraft gewinnt, wenn man einen Grund sucht, das Vergangene hinter sich zu lassen.

Was also tun mit der ersten Schnee von morgen Ausgabe im neuen Jahr? Die Kolumne ist thematisch breit, der vielbemühte Überbegriff Nachhaltigkeit ist es ebenfalls. Eine Liste mit den Extremwetterereignissen von 2020 – nüchtern aufgezählte Katastrophen, die nicht Corona heißen? Oder doch was philosophischeres? Mir will kein passendes Jahreswechsel-Klima-Corona-Winter-Nachhaltigkeits Fazit einfallen.

Die Vorstellung, dass wir uns durch Corona auf die wesentlichen Dinge besinnen werden, weniger durch die Welt fliegen und so irgendwie nebenbei das Klima retten, ist mir zu seifenblasig. Ich kann an mir selbst diesbezüglich keinen wesentlichen Gesinnungswandel feststellen: Ich habe 2020 gelernt, im Sauerteigbacken eine gewisse Befriedung zu finden, aber ich würde auch echt gern mal wieder in Urlaub fliegen. Ich hätte dabei etwa die gleiche Menge schlechtes Gewissen wie vorher auch schon. Das alte Seuchenjahr wird nahtlos übergehen in ein neues Seuchenjahr, aber jetzt mit Impfstoff. Die Temperaturen werden weiter steigen, mit allen Konsequenzen. Hier fällt es schwerer, ein positives "Aber" zu finden.

In der Bubble des akademischen Meta-Diskurses zu Kilmawandelkommunikation gibt es wiederkehrende Streitthemen. Ein solches ist die Frage, wie sehr man sich bemühen sollte, stets ein positives "Aber" zu finden. Muss man Hoffnung vermitteln, wenn man auf die Dringlichkeit des Problems hinweist? Angst kann schließlich auch sehr motivierend sein. Allerdings schlägt die Angstmotivation schnell in "jetzt erst recht"-Trotz oder nihilistische "eh wurscht"-Apathie um, wenn die Lage aussichtslos erscheint. Die Hoffnungsmotivierten schreiben Bücher und Gedichte über alles, was wir retten können. Das Lager der sogenannten "Doomer" hält es für verlogen, nicht auch die extremen Enden der Wahrscheinlichkeitsverteilung der möglichen Zukunkftsversionen zu besprechen.

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Wer sich im winterlichen Gebirge bewegt und Lawinen aus dem Weg gehen möchte, tut gut daran, eine "Doomer" Perspektive einzunehmen und sich zu überlegen, was in einem Worst-Case Szenario passiert: Im Lagebericht steht, dass frischer Triebschnee leicht auslösbar ist. Auslösungen in tieferen Schichten sind unwahrscheinlich, können aber groß werden. - Ist mein Sammelpunkt noch sicher, falls doch der ganze Hang kommt und nicht nur ein kleines Triebschneepaket?

Am Berg sind wir es gewöhnt, mit Unsicherheit umzugehen. Manchmal sind Entscheidungen einfach, weil die Gefahrenzeichen sehr deutlich sind, oder auch mal alles perfekt passt. Aber oft bewegen wir uns in einer Grauzone, wo wir mit überschneitem Triebschnee oder Low-Probability High-Consequence Altschneeproblemen umgehen müssen – und das alles in Kombination mit dem eigenen Ego, das mitunter ja ebenfalls sehr kompliziert ist. Dem Lawinenrisiko in erster Linie mit Hoffnung, Mut und Optimismus zu begegnen, ist auf Dauer keine gute Strategie. Vor lauter Angst nicht mehr vor die Tür zu gehen, ist aber auch keine brauchbare Alternative.

Beim Skifahren brauchen wir ein bisschen von beidem, aber in erster Linie brauchen wir möglichst viel Information und Prozessverständnis, damit sowohl der Optimismus als auch die Angst möglichst realistisch und sein können. Sich die Dinge schön zu reden ist gefährlich. Sich die Dinge schlecht zu reden bis zu dem Punkt, ab dem man gar nichts mehr tut, heißt, das Powderfahren aufzugeben (bzw. den Klimaschutz, um die Analogie beizubehalten).

Glücklicherweise muss man sich nicht immer für ein Extrem entscheiden und wir sind (meistens) in der Lage, zwei Gedanken gleichzeitig im Kopf zu behalten. Man kann versuchen, die eigenen Kaufentscheidungen nach Umweltschutzkriterien zu gestalten, im Bewusstsein, dass sich nichts ändern wird, wenn ein Systemwandel nicht auch von der Politik herbeigeführt wird. Wenn ich PowderGuide-Testberichte lese (oder selbst schreibe) über Skiunterwäsche, die mit Hilfe irgendeiner Naturfaser Schweiß auf besonders klimafreundliche Weise abtransportiert, muss ich schmunzeln und denke mir: "Aus Sex Sells ist Sustainable Sells geworden." Man kann sich darüber lustig machen (wie auch über eine Nachhaltigkeitskolumne auf einer Wintersportwebsite), aber man kann gleichzeitig anerkennen, dass sich das kollektive Bewusstsein in Richtung "Umwelt und Klima sind wichtig und schützenswert" geändert hat, unter anderem, weil immer mehr Leute in ihrem jeweiligen Interessensbereich (Skifahren, Unterwäsche, sonstiges) darüber reden.

Man kann in etwas pathetischer Jahreswechselstimmung auf 2020 zurück blicken und dann nach vorn schauen auf Corona, das Klima, und den Zustand der Welt im Allgemeinen im Jahr 2021, 22, 23,.. und ein bisschen berechtigte Angst haben, aber auch ein bisschen berechtigte Hoffnung. Man kann Angst haben vor Lawinen und trotzdem nicht in Panik verfallen, sondern rational vorsichtig nach Lösungen suchen.

Vielleicht reicht das ja schon als Vorsatz fürs neue Jahr: Mit den Gegensätzen klar kommen.

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