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Schnee von morgen

Schnee von morgen | Machen wir uns den Winter, wie er uns gefällt?

Gedanken zum Saisonauftakt

15.11.2021

Im Oktober auf den Gletscher, im Sommer nach Südamerika: Skifahren geht immer. Vor allem da wo Schnee ist. Beziehungsweise nur da, wo Schnee ist. Doch was müssen wir tun, um auch morgen noch Skifahren gehen zu können? Für unsere Autorin liegt der Schlüssel im Schnee von morgen - und in weniger Selbstoptimierung aber viel mehr Mindfulness.

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Beschneiung im Satellitenbild (Sentinel 2 Bild, November 2020)

Im Oktober auf den Gletscher, im Sommer nach Südamerika: Skifahren geht immer. Vor allem da wo Schnee ist. Beziehungsweise nur da, wo Schnee ist. Doch was müssen wir tun, um auch morgen noch Skifahren gehen zu können? Für unsere Autorin liegt der Schlüssel im Schnee von morgen - und in weniger Selbstoptimierung aber viel mehr Mindfulness.

To Do-Listen, Trainingspläne, Tracking-Apps: Wir lieben solche Selbstoptimierungshelferein. Schließlich geht doch immer noch ein bisschen mehr, oder? Ein Zehntel schneller, ein Gramm leichter, diesen einen Ticken besser eben. Wenn wir Jahr für Jahr neue Neujahrsvorsätze schmieden, die wir nach zwei Wochen wieder verwerfen, so stülpen wir diesen Selbstoptimierungsschuh nicht nur unseren eigenen Körpern und unserer mentalen Gesundheit über, sondern tendieren auch oftmals dazu, diese Angewohnheit nach Außen zu übertragen. Ein gutes Beispiel: der Winter.

Wankelmütiger Freund, der Winter

Er ist ja aber auch launisch. Mal kommt er im September mit einem Meter Powder und dicken Minustemperaturen, mal lässt er uns bis in den Januar mit Skischuhen auf dem föhnwarmen Asphalt scharren. An den kalendarischen Winteranfang am 21. Dezember hält er sich nur ungern. Geschweige denn an den meteorologischen. Manchmal kommt mir der Winter vor wie diese wankelmütige Schulfreundin, die sich nie entscheiden konnte – wo sie hingehen will, was sie essen will, was sie anziehen will. Unentschlossen eben. Auf ihn ist kein Verlass, dabei sagt mir doch mein Smartphone, dass ich letztes Jahr um diese Zeit schon vier Skitage hatte. Und jetzt? Nada. Niente. Nichts. Klar, ich könnte auf den Eisplatten der Tiroler Gletscher mit hunderten anderen rumrutschen und an der Liftschlange meine Tageskarte rein stehen. Ich könnte auch über die ersten Kunstschneebänder in grüner Bergkulisse gleiten, an der Talstation Wanderer und Mountainbikerinnen begrüßen und mich über die neuesten Errungenschaften der Kunstschneeindustrie erfreuen. Oder schlicht und einfach dem Winter hinterher reisen. Im Sommer nach Südamerika oder Neuseeland. Schnee wird es da schon geben. Aber muss ich das?

Ich glaube, ich will das gar nicht. Klar kann ich jetzt schreiben, dass das doch eine Nachhaltigkeitskolumne sein soll und man sowieso weniger auf die Gletscher fahren soll, dass Fliegen eh nicht zur Diskussion stehen sollte, dass man diese großen Skigebiete nicht unterstützen soll, dass man mit Fahrgemeinschaften oder dem ÖPNV bis an die Gondel fahren soll und dazu noch am besten seine Brotzeit in der Edelstahldose dabei hat und die Skijacke aus recyceltem Polyester besteht. Aber das hatten wir doch schon alles, oder? Ich glaube darüber sind wir hinaus. Wir wissen, dass es so nicht weiter gehen kann – und dabei rede ich nicht vom Wintersport, sondern ganz im Allgemeinen. Sogar die Forderung, dass alles radikaler werden muss, Lifte abgerissen werden müssen, haben wir im letzten Winter diskutiert. Ich glaube, das können wir ebenso hinter uns lassen.

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Kunstschneebänder in der Kaiser Region add_circle
Lisa Amenda
Kunstschneebänder in der Kaiser Region

Wie sieht unser Schnee von morgen aus?

Mich interessiert vor allem, was uns jetzt wirklich voran bringt. Wie andere den Schnee von morgen sehen, warum es keinen Sinn hat, nachts auf Skitour zu gehen, ob Kunstschnee wirklich die Umwelt verpestet und warum verdammt wir uns den Winter machen, wie er uns gefällt? Was kann der Winter dafür, dass ich seit meiner Kindheit gelernt habe, dass man ab spätestens November auf Ski die Hänge hinab gleiten kann? Warum warten wir nicht einfach ab bis überall genügend Schnee liegt? Warum ist die Sehnsucht nach dem Skifahren so viel größer als die eigene Vernunft ? Warum nicht die grasgrünen Berge mit einem anderen Sportgeräten erkunden? Und wer ist denn dieser Winter, um den sich im Ski-Universum so viel dreht? Er beschreibt doch bloß die kälteste Zeit des Jahres. Das allein macht ihn noch nicht zum Garanten für eine außergewöhnliche Skisaison. Das Ausschlaggebende? Der Schnee.

Er ist Maßstab, Existenz und entscheidender Faktor für uns Skifahrerinnen und Skifahrer. Er erfüllt „das Gemüt mit dem Bewusstsein der Abenteuerlichkeit“, wie Thomas Mann in seinem berühmten Roman „Der Zauberberg“ schrieb.

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Aber was ist eigentlich der Schnee? Ist er Naturgefahr? Wirtschaftliche Ressource, Teil des weltweiten Klimasystems oder vielleicht doch nur „hübschgemachtes Wasser“, wie ihn die Schriftstellerin Dora Heldt einmal betitelt hat? Fakt ist, dass der Schnee Skifahren erst möglich macht. In all seinen Facetten. Und um eben diesen Schnee soll sich diese Kolumne drehen. Nicht den Schnee von gestern. Nicht den nicht vorhandenen Schnee von heute. Sondern um den von morgen. Und wie wir mit ihm umgehen können - ganz ohne Selbstoptimierungstracker.

Denn sind wir mal ehrlich: Selbstoptimierung ist doch so 2015. Jetzt sind Achtsamkeit und Mindfulness in. Das krasse Gegenteil also! Dabei geht es darum, den Moment voll auszukosten, die äußeren Umstände so anzunehmen, wie sie eben sind. Also lasst uns für diesen Winter die Trackingapps beiseite legen, den Winter genau dann feiern, wenn er kommt und uns mit Verstand und Demut und einem Funken Rebellion mit dieser Kolumne - und selbstverständlich darüber hinaus – für den Schnee von morgen einsetzen.

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