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Schnee von morgen

Schnee von morgen | Gletscherehe noch vor dem Traualtar vor dem Aus

Es hat nicht sollen sein.

26.12.2022

Es geht um Dramen, Intrigen und ein Happy End: Willkommen in der Seifenoper zur geplanten Gletscherehe zwischen Pitztal und Ötztal. Oder: Warum Rosamunde Pilcher das Leben nicht besser hätte schreiben können.

Weitläufiges Tourengelände zwischen den Gletscherskigebieten. add_circle
LH
Weitläufiges Tourengelände zwischen den Gletscherskigebieten.

Es geht um Dramen, Intrigen und ein Happy End: Willkommen in der Seifenoper zur geplanten Gletscherehe zwischen Pitztal und Ötztal. Oder: Warum Rosamunde Pilcher das Leben nicht besser hätte schreiben können.

Klickt man sich mit dem Suchbegriff "Gletscherehe" durch die Newsportale, hat man nicht das Gefühl, auf Nachrichtenseiten gelandet zu sein. Ein Roman von Rosamunde Pilcher trifft es schon eher. Da gibt es eine lang geplante Hochzeit von zwei der einflussreichsten Familien des Landes. Doch wie in jedem guten Kitschroman sind da auch Gegner. Eine andere Liebschaft? Vielleicht auch. Und was darf natürlich auch nicht fehlen? Ein Showdown. Intrigen. Und: Das Happy End.

Warum Naheliegendes nicht einfach verbinden?

Aber von Anfang: Als Kind hat mich der Blick vom Rettenbachferner hinüber ins Pitztal immer fasziniert. Nur eine Abfahrt entfernt, dachte mein 12-jähriges Ich. Erste Überlegungen die Gebiete zusammenzuschließen gab es schon damals. Mehr munkeln, statt konkrete Projektpläne. Und doch, dachten wohl viele wie ich damals. Wenn es nur die eine Abfahrt ist, warum nicht auch nur einen Lift bauen.

Nun ja. Wie wir wissen, ist der Plan der sogenannten Gletscherehe nicht ganz so dezent: Mit drei Gondeln und einem gemeinsamen Seilbahnzentrum unterhalb der Braunschweiger Hütte soll das Gebiet rund um den Linken Fernerkogel erschlossen werden. 64 Hektar Pistenfläche kämen auf Karles-, Hangenden- und Mittelbergferner, inklusive Speicherteich und Beschneiungsanlage. Davon lägen 95 Prozent der Pistenfläche auf Gletschern. Durch die Eheschließlung würde das größte Gletscherskigebiet der Welt entstehen. Jakob Falkner, Geschäftsführer der Bergbahnen Sölden, versucht das Projekt so zu erklären: "Ich hoffe, dass wir unser Projekt bauen können. Denn es ist ein wunderbares Angebot, das der Kunde sucht. Es gibt seit 15 Jahren Untersuchungen mit unseren Kunden und es sind immer drei Sachen, die herausstechen: Größe des Skigebiets, Schneesicherheit und Pisten."

Hier haben wir sie also, die zwei mächtigen Familien bzw. Skigebiete, die sich in der Seifenoper zur absoluten Supermacht verheiraten wollen. Eingefädelt durch die Machenschaften der durchtriebenen Familienbosse aka Liftbetreiber.

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Ohne Piste ist das doch viel schöner add_circle
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Sophia Neuner
Ohne Piste ist das doch viel schöner

Muss der weitere Ausbau von Skigebieten heute wirklich noch sein?

Doch kommen wir zu den Gegnern. Bereits früh engagierte sich der Österreichische Alpenverein gemeinsam mit anderen NGOs gegen das Projekt. Patagonia verfilmte mit Mitch Tölderer und Lena Stoffel in "Vanishing Lines" die Gegenstimmen. Petitionen wurden aufgesetzt. 168.000 Unterzeichnende sprachen sich zusammen mit Dr. Gerd Estermann von der Bürgerinitiative Feldring gegen den Ausbau und für den Erhalt des naturbelassenen Alpenraums aus.

Das unsere Geschichte noch nicht am Ende ist, wissen wir alle. Denn es kommt bzw. kam zum großen Showdown. Die Mehrheit der ansässigen Bevölkerung von St. Leonhard im Pitztal hat bei der Volksbefragung am 17.7.22 gegen die Verbindung der Pitztaler und Ötztaler Gletscherskigebiete gestimmt. Zack, lang gehegte Pläne vom Tisch. Die Pitztaler bliesen das Projekt ab. Und hier ist es, das Happy End! Rosamunde Pilcher wäre stolz auf die Tiroler Liftgesellschaften, oder wie sagt man so schön: "Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst!" Zwar gibt es bei diesem Ehe-Aus keine heimliche Geliebte, aber vielleicht die wahre Liebe der lokalen Bevölkerung zur beeindruckenden Natur vor ihrer Haustür. Geigen dürfen herausgeholt werden, wir lehnen uns zurück und nehmenden Glauben an die Menschheit wieder auf.

Oder doch nicht?

Können wir uns doch noch nicht über das Happy End freuen? Vielleicht warten wir noch kurz, denn eine gute Soap muss auch immer Intrigen im Drehbuch haben. Und so titelt Der Standard am 28.9.2022: "Nach Abstimmung über "Gletscher-Ehe": Verdacht auf Wahlbetrug im Pitztal." Es hätte so schön sein können. Aber jetzt ermittelt anscheinend das Landeskriminalamt. Denn, so Der Standard: "Unterschriften sollen gefälscht beziehungsweise Stimmkarten von anderen Personen als dem oder der jeweiligen Wahlberechtigten ausgefüllt worden seien, so der Vorwurf. 353 Wahlberechtigte hatten gegen den Zusammenschluss gestimmt. Fünf Wähler weniger, 348, hatten hingegen mit Ja votiert." Die Ermittlungen seien immer noch nicht abgeschlossen.

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Mehr Drama, Baby!

Mehr Drama hätte man sich nicht vorstellen können. Aber vielleicht zeigt dieses Projekt eben auch genau die Zerrissenheit der meisten Skifahrerinnen und Snowboarder. Klar, was Falkner über Größe, Schneesicherheit und Pisten sagt, mag stimmen oder mal gestimmt haben. In den letzten 15 Jahren haben sich die Meinungen darüber oft auch bei den Skifahrenden geändert. Aber weitestgehend unberührte Natur zerstören und ein Skigebiet auf einem Gletscher errichten, wo nicht einmal sicher ist, wie lange er noch da ist? Ist so 80er! Schon in dieser Saison sehen wir, dass Gletscherskigebiete ihre Lifte nicht mehr bedienen können, weil Liftstützen schlicht und einfach das Fundament wegschmilzt. Natürlich lieben wir trotz allem das Skifahren und wenn wir in Skigebieten unterwegs sind, schätzen wir auch moderne und somit effiziente Anlagen. Aber eigentlich haben wir doch genügend Skigebiete. Genügend Pistenkilometer.

Auch unter den Liftbetreibern ist es nicht anders wie in den meisten anderen Unternehmen. Unser System ist auf immer mehr ausgelegt. Wachstum steht an erster Stelle. Umso wichtiger wäre, dass bei den Unternehmen nicht nur Wachstum, sondern einfach Rentabilität zählt. Und, dass das bei der Politik gefördert wird. Dann braucht es auch keine Gletscherehen, keine Superlativen, dann würden - vielleicht - alle "happily ever after" leben.

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