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Schnee von morgen

Schnee von morgen | Bergsport ist Motorsport?!

Die schönsten Abenteuer beginnen mit den Öffis

17.02.2020

Wanderer, Bergsteiger und Skitourengeher – mit diesen Begriffen sind alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen – gelten eigentlich als naturverbundene und ökologisch orientierte Zeitgenossen: Sie suchen Freiheit, Bewegung und Natur abseits großer touristischer Zentren. Dennoch ist vor allem ihr Reiseverhalten weder naturverbunden noch ökologisch, da die meisten mit dem Auto in die Berge aufbrechen.

Vieles spricht dafür, das Auto einfach mal stehen zu lassen. add_circle
Alex Schober
Vieles spricht dafür, das Auto einfach mal stehen zu lassen.

Wanderer, Bergsteiger und Skitourengeher – mit diesen Begriffen sind alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen – gelten eigentlich als naturverbundene und ökologisch orientierte Zeitgenossen: Sie suchen Freiheit, Bewegung und Natur abseits großer touristischer Zentren. Dennoch ist vor allem ihr Reiseverhalten weder naturverbunden noch ökologisch, da die meisten mit dem Auto in die Berge aufbrechen.

Angesichts der drohenden Klimakrise stellt sich die Frage, ob „Bergsport ist Motorsport“ auch heute noch gilt. Oder sollte man besser fragen: Wann war der Parkplatz an der Talstation oder dem Ausgangspunkt der Tour mal nicht überfüllt? Gehen wir gemeinsam auf sie Suche nach den Antworten und den passenden Lösungen...

Eigentlich ist die Sache mit dem ökologischen Fußabdruck und der persönlichen CO2-Bilanz ganz einfach: Alle Aktivitäten verlangen einen Energieeinsatz, der wiederum mit der Emission von CO2 und dessen Äquivalenten zusammenhängt. Mit anderen Worten – was liegt, das pickt, und was wiegt, das hat‘s!

Beim Thema Mobilität und Verkehr ist das nicht anders. Beides steht für eine Ortsveränderung: Wer mobil sein will, muss sich zwischen vorhandenen Verkehrsmitteln und attraktiven Verkehrswegen entscheiden. Wie diese Entscheidung ausfällt, hängt von vielen – meist subjektiven – Einstellungen ab und kann per se schwer pauschalisiert werden. Bedürfnisse, die nicht vor Ort gestillt werden können, wecken einen Wunsch nach Ortsänderung und führen zu einer Nachfrage an Mobilität.

Folgendes Beispiel ist bestimmt allen bekannt: Hat man Hunger, so geht man Lebensmittel einkaufen oder ruft sich den Pizzaservice herbei. Ist der Supermarkt an der Ecke attraktiv und geöffnet, so gehe ich dort einkaufen. Ist der Pizzaservice besser und billiger, so entscheide ich mich für diesen. Ob nun Güter (die Pizza) oder Personen (ich) transportiert werden, wird unwichtig: Beide Verkehrstypen befriedigen direkt oder indirekt Bedürfnisse. Die letztendliche Entscheidung beruht zunächst auf den eigenen Bedürfnissen, richtet sich jedoch nach dem vorhandenen Angebot.

Wenn Mobilität das Bedürfnis nach Ortsveränderung ausdrückt, ist Verkehr das Instrument, das sie ermöglicht. Auf sportliche Bedürfnisse umgemünzt bedeutet das, dass eine Rodelpartie in fußläufiger oder mit Öffis erreichbarer Nähe das Bedürfnis nach Sport und Bewegung bei wenig Verkehrsaufwand stillt. Umgekehrt bedeutet die Tourenwoche in Norwegen eine ebenso hohe Deckung des Sportbedürfnisses, jedoch mit einem bei weitem höheren Verkehrsaufwand – 1:0 für die lokale Rodelpartie.

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Kontemplation an der Bushaltestelle add_circle
Lea Hartl
Kontemplation an der Bushaltestelle

Wir WISSEN, dass es ökologisch, sozial und ökonomisch untragbar ist, allein im Auto in die Berge aufzubrechen. Dennoch HANDELN wir oft konsequent entgegen unserem Wissen und nutzen das Auto für Strecken oder Erledigungen, die eigentlich auch ohne machbar wären. Öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen oder die aktive Mobilität, sprich Gehen oder Radfahren, würde das Verkehrsaufkommen reduzieren, die Verkehrssicherheit erhöhen, die schädlichen Emissionen reduzieren, eine finanzielle und politische Stärkung der Öffis herbeiführen und lebenswerte Regionen ohne Beeinträchtigung durch tourismusinduzierten Verkehr ermöglichen.

Diese vielen logischen Gründe werden meist mit diesen drei gängigen Gegenargumenten ausgeblendet:

  1. zu lange;
  2. zu teuer;
  3. zu umständlich.

Werfen wir einen genaueren Blick auf diese Argumente.

Zum Faktor Zeit: Zwar dauert die Fahrt mit den Öffis länger, aber sind die paar Minuten bis hin zur halben Stunde wirklich wichtig? Stellen wir unser Freizeitvergnügen unter einen solchen zeitlichen Druck?

Was die Kosten betrifft: Ganz klar, Einzeltickets zu kaufen trübt den Spaß, weil von Beginn weg erstmal Geld ausgegeben werden muss, während das Auto scheinbar ganz ohne diesen Initialaufwand gestartet werden kann. Schon richtig, wenn da nicht der regelmäßige Besuch der Tankstelle, die jährliche Abbuchung der Versicherung und wiederkehrende Besuche bei Werkstätten wären. Nicht zu vergessen sind die zu entrichtenden Parkgebühren. Verbundkarten hingegen (z.B.: die Tirol Card, Salzburg Card…) ermöglichen meist einen sozialen, ökologischen und ökonomischen Transport von A nach B und entsprechen den Zielkriterien der Nachhaltigkeit. Für weit entfernte Ziele bieten sich Fernreisebusse und –züge an; früh gebucht sind diese Verbindungen auch erschwinglich.

Zum Vorwurf der Umständlichkeit: Klar, hier muss noch viel Arbeit in die Etablierung von Rahmenbedingungen einer lückenlosen und einfachen Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel gesteckt werden. Aber ehrlich gesagt, eine jede noch so kleine Reise ist ein Abenteuer – und wollen wir nicht alle Geschichten erleben, die es sich zu erzählen lohnt?

Dann lieber umständlich angereisen und dabei neue Leute kennen lernen und gute Gespräche führen, oder einfach noch etwas Schlaf nachholen, als in der Blechkiste im Stau stehen! Eigentlich ist es doch umständlicher, wieder zurück zum geparkten Auto zu müssen, als die vielversprechende Überschreitung ins angrenzende Tal zu unternehmen...!

Der langen Rede kurzer Sinn: Es gibt kein Patentrezept, um die gegenwertige Mobilitäts- und Verkehrsproblematik zu lösen. Die politisch gewählten Entscheidungsträger*Innen müssen die Rahmenbedingungen für eine Trendwende schaffen. Es liegt jedoch stärker als es viele wahrhaben wollen in den Händen der Gesellschaft, liebgewonnene Angewohnheiten des Alltages im Generellen und unseres Mobilitätsbedürfnisses im Speziellen zu überdenken und bestenfalls zu ändern – nicht theoretisch, sondern mit konkreten Handlungen: Von A wie Anreise zur Lieblingstour mit öffentlichen Verkehrsmitteln über K wie Konsum klimafreundlicher und fair produzierter Outdoorbekleidung bis hin zu Z wie zünftige Einkehr im lokalen Gasthaus nach erfolgreicher Tour!

Leider liegen viele Tourengebiete und Sehnsuchtsorte nicht unmittelbar vor der eigenen Haustür und es müssen entsprechende Distanzen überwunden werden. Dabei liegt es bei jeder und jedem Einzelnen, sich für eine nachhaltige und zukunftsfähige Mobilitätsform zu entscheiden. Weite Strecken können mit der Bahn zurückgelegt werden. Um die letzte Meile vor Ort zu überwinden, gibt es das lokale Öffi-Netz und Mikro-ÖV-Angebote (z.B.: Anrufsammeltaxis …). Ist uns der Transport der eigenen Ausrüstung zu anstrengend, findet sich bestimmt ein netter lokaler Rentalshop mit den neuesten Modellen, die nur darauf warten, ausgeführt zu werden. Be gentle, it is a rental!

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Der Alpenverein mit seinen lokal vertretenen Sektionen und Ortsgruppen ist die erste Adresse, wenn es darum geht, Infos zu Touren zu bekommen, die man problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln ansteuern kann. In den Alpenvereinskarten sind neben den Tourenmöglichkeiten auch die Haltestellen von Bus und Bahn eingetragen. Ebenso finden sich auf alpenvereinaktiv.com – dem Tourenplanungsportal der Alpenvereine – zahlreiche Einträge, die bequem mit Bus und Bahn erreicht werden können. Über Mobilitätszentralen lassen sich die dazu passenden Verbindungen ermitteln und direkt die Tickets buchen.

Mein persönliches Fazit

Dumm ist der, der Dummes tut! Wie Großstadtgeflüster es treffend formuliert hat: „Es ist ja nun mal so, wenn's läuft dann waren's immer alle. Wenn es nicht läuft immer alle anderen.“ Die Schuld bei anderen zu suchen, hilft in der Sache nicht wirklich weiter. Wir alle haben die Möglichkeit betreffend unserer Aktivitäten und unseres Konsums die „richtigen“, also zukunftsfähigen, Entscheidungen zu treffen. Es soll gar nicht darum gehen, alle Autos aus den Städten zu verbannen oder auf Reisen zu verzichten. Aber vieles ist mit Sharing-Modellen, Lastenrädern oder einfach zu Fuß und mit Öffis möglich! Und auch Fernreisen lassen sich mit entsprechender Planung und den passenden Zutaten ökologisch tragfähiger gestalten: Man nehme den Zug, den Bus oder die eigenen Füße zur Fortbewegung, dazu eine Prise Gelassenheit und Abenteuerlust, lasse diese Zutaten in sich wirken und genieße die gewonnene zuckersüße Freiheit mit einem Hauch von #ichrettediewelt!

Info zum Autor:

Josef Pichler ist für den Alpenverein in der Abteilung Raumplanung und Naturschutz tätig und ja, er besitzt ein Auto. Dieses dient aber vorzugsweise als „Gästezimmer“, wenn sich mal wieder Besuch anmeldet und die Wohnung zu klein wird.

Linksammlung zum Weiterlesen:

Linksammlung:

Tourenplanungsportal der Alpenvereine

Sammlung von Tourentipps der lokalen Alpenvereinssektionen für Öffi-Touren (Sommer & Winter)

Mobilitätszentrale Pongau – Mobilito

Mobilitätszentrale Graz – MobilZentral

ÖBB Kombitickets (Bahnreise und Skipass)

Beispiele für Mikro-ÖV:

https://istmobil.at/

http://www.gseispur.at/

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