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Mountain Knowledge | Erste-Hilfe Pack

Welche Ausrüstung braucht der vorausschauende Freerider

16.03.2012

Freeriding ist eine Sportart mit nicht unerheblichem Verletzungsrisiko. Vor allem, da man manche Unfälle schlicht nicht vorhersehen kann. Ein kleiner Felszacken knapp unter der Schneeoberfläche, und schon dampft die Kacke. Wer hier gut vorbereitet ist, hat gute Chancen, dass er diese missliche Story irgendwann beim Hüttenabend zur allgemeinen Erheiterung zum Besten geben kann?

Gut vorbereitet heißt vor allem eines: "know your foe". Neben der Beachtung der Grundregeln zum Verhalten am Berg ist die gedankliche Vorbereitung auf den Ernstfall das A und O zur erfolgreichen ersten Hilfe am Berg. Ein Standard Erste-Hilfe Kurs bietet schon gute Voraussetzungen, aber wirklich Gold – in dem Leben und Gesundheit ja mindestens aufgewogen werden sollten – wert, sind spezielle Kurse zur Ersten Hilfe im Gebirge. Dort wird dann auch gezielt auf die typischen Verletzungs- und Gesundheitsrisiken im Sommer- und Winterbergsport eingegangen, sowie auf die Probleme, die problematisches Gelände bei der Bergung und Rückkehr in die Zivilisation bereiten kann.

Insofern ist Kenntnis der richtigen Maßnahmen das Wichtigste, um im Ernstfall schnell und richtig reagieren zu können. Aber fast genauso wichtig ist, das nötige Material dabei zu haben. Denn nur, wenn man die richtige Notfall-Ausrüstung zur Hand hat, kann man sie auch einsetzen. Hierbei bestimmt vor allem der Aktionsradius am Berg, was unentbehrlich und nötig, und welche Ausrütung zumindest nützlich ist. Befindet man sich permanent im direkten Einflussbereich professionell organisierter Hilfe, sieht die nötige Notfallausrüstung anders aus, als für diejenigen, die einen halben Tagesmarsch zu Fuß oder noch weiiter von fremder Hilfe sind.

Dementsprechend möchte ich euch hier in drei Schritten zeigen, was mein Erste-Hilfe Set am Berg beinhaltet.

Die Minimalausrüstung für Gebiets-Freerider

 

Ist man mit Liftunterstützung und ohne groß in Seitentäler abzuwandern im Skigebiet unterwegs, so ist die Pistenrettung und damit professionelle Hilfe quasi immer greifbar. Und das "professionell" sagt es eigentlich schon: Die Jungs und Mädels können Einiges gescheiter, als man selbst und das sollte man daher auch ihnen überlassen. Hier geht es also um die schnelle Erstversorgung, aber selten um Bergung, improvisierte Hilfe oder medikamentöse Behandlung.

Das Set für's Skigebiet besteht aus:

einem feuchtigkeitsrestistenten und verschließbaren Beutel (1) – zum griffbereiten Verstauen des Gerödels

  • Schere und Pinzette (2) – hierbei lohnt es sich, in eine gescheite Schere zu investieren, die im Notfall auch schneidet. Und nicht den Blechmist aus dem Auto-Verbandskasten zu nehmen. Ein stumpfes Ende hilft, unter Verbände etc. zu kommen und ein spitzes, wenn es durch Kleidung oder anderes hindurch soll. Eine Pinzette ist hilfreich, um Splitter oder alle Arten von Verunreinigungen aus Wunden zu entfernen.
  • Desinfektionsmittel (3) – alkoholgetränkte Tupfer zum Reinigen der Haut um die Wunde und Betadine zur Wundsterilisierung selbst
  • Kompressen/Wundauflagen (4) – hier eignen sich am besten sterile, nichthaftende Kompressen.
  • Dreieckstuch (5) – ein wahres Wunderding, wenn es um’s Ruhigstellen oder Schienen geht. Kann aber auch als Ersatzmütze oder – Halstuch verwendet werden. Improvisationstalente können es auch weglassen
  • Verbandspäckchen (6) – diese steril verbackten Mullbinden mit aufgeklebter antihaftbeschichteter Wundauflage sind die Grundlage des Verbandsmaterials und können alles, was eine reine Mullbinde auch kann. Und mehr…
  • Wattestäbchen (7) sind hilfreich, wenn es um Wundreinigung und Auftragen der Desinfektionslösung geht.
  • Latexhandschuhe (8) sind aus hygienischen Gründen Pflicht bei der Wundversorgung
  • Wundnahtstreifen (9) – kräftige Kleberchen, die helfen, speziell klaffende Wunden in den Griff zu bekommen.
  • Wundschnellverband (10) – im allgemeinen Sprachgebrauch auch Pflaster genannt. Ihre Vorteile und Einsatzereiche kennt wohl jeder.
  • Tape (11) – gnadenlos vielseitig im Einsatz und immer hilfreich, wenn etwas fixiert, gestützt oder abgedeckt werden muss. Es lohnt sich, gleich das etwas teurere aber gescheite Sport-Tape mitzunehmen, gerade wenn auch mal die eigenen Zipperlein versorgt werden müssen.
  • Rettungsfolie (12) – gerade im Winterbergsport mit der Unterkühlunggefahr ein absolutes Muss.
  • Elastische Kohäsivbinde (13) – diese selbsthaftenden Binden sind der ultimative Wickel bei allen Verbänden, ob zur Stützung, Schienung oder Wundversorgung.
  • Handy (14) – eh meist am Mann und wird daher selten extra erwähnt, ist aber der vielleicht wichtigste Ausrüstungsgegenstand für die Erste-Hilfe. Wer keine Hilfe rufen kann, bekommt auch keine.
  • Medikamente – Wer bestimmte Medikamente benötigt, sollte diese mitführen. Weitere Medikamente sind im unmittelbaren Einflussbereich professioneller Hilfe selten angezeigt. Sie wirken meist noch nicht, bis die Retter da sind, und diese haben meist bessere und passendere Medikation im Einsatz, mit der sich die selbst verwendeten Mittel schlimmstenfalls nicht gescheit vertragen.
  • Wetterschutzjacke – gerade im Winter eigentlich immer dabei, gehört eine winddichte Jacke trotzdem immer dazu. Muss man im Ernstfall auch noch unnötig gegen die Elemente kämpfen, wird’s schnell mühsam.

Das Must-Have beim Earn-Your-Turn

 

Geht es dann mit eigenem Kraftantrieb in die Distanz zum touristisch organisierten Wintersportbetrieb, muss man schnell darauf eingestellt sein, dass professionell organisierte Hilfe länger brauchen kann und unter Umständen gar nicht zu einem durch kommt. Gerade auf Mehrtagestouren heißt es dann, sich auf die möglichen Unwägbarkeiten nach Kräften einzustellen und Bergung, improvisierte Hilfe und das „Erkaufen“ von Zeit rücken in den Vordergrund.

Die zusätzlich nötigen Dinge für Touren sind:

  • Biwaksack (15) – unentbehrlich, um sich oder andere warm und trocken zu halten. Je mehr man vorhat, diesen auch für geplante Biwaks zu nutzen, umso mehr sollte man investieren. Besonders sinnvoll sind 2-Personen Biwaksäcke, da sie keine Nachteile gegenüber kleineren haben (außer leichtem Mehrgewicht) und man sich gegenseitig schlicht besser wärmt. Als reine Erste Hilfe Maßnahme reicht auch ein Notbiwaksack
  • Medikamente (16) – sinnvoll sind neben den persönlich benötigten Medikamenten wohlsortierte Mittelchen gegen die üblichen Käferchen, die einen so heimsuchen mögen. Standardmedikamente gegen Übelkeit & Erbrechen und Durchfall sowie Schmerzmittel sind sicher sinnvoll. Vor allem im Sommer ist auch ein Mittel zur Wassersterilisation hilfreich. Die hier gezeigten Medikamente sind nicht zwingend empfehlenswert, aber die örtliche Apotheke hilft gerne bei der Zusammenstellung einer Reiseapotheke
  • Blasenpflaster (17) – auch wenn sie eher teuer sind, so sind sie doch das Non-plus-ultra um scheuernde Stellen in den Griff zu bekommen. Und dieses Problem ist ja gerade im Tourenbereich kein seltenes
  • Spezielle Pflaster und Verbände für Fingerverletzungen (18) – häufig sind Felsen, Steigeisen und Ski scharfkantig und schnell entstandene Fingerverletzungen etwas mühsam zu versorgen. Spezielle Finger-Pflaster und -verbände sind hier komfortabel. Lohnt sich vor allem im Sommer, wenn man auch klettert
  • SAM splint (19) – die ultimative Waffe zum Ruhigstellen, Schienen und Stützen. Diese Schiene aus Alu-Schaum-Verbundstoff ist kompakt, leicht und lässt sich in die verschiedensten Formen bringen um Hand- oder Fußgelenke, Unterarme oder Halswirbelsäule oder doch etwas ganz anderes zu schienen oder ruhig zu stellen. Außerdem lässt sie sich leicht zerschneiden, um z.B. als Fingerschiene eingesetzt zu werden. Mit etwas Übung und Improvisationstalent ist man wirklich vielseitig gewappnet

Das Nice-to-have

Diese Dinge und Ausrüstungsgegenstände gehören streng genommen eigentlich nicht mehr um Erste-Hilfe Set, sind aber in Notsituationen äußerst hilfreich und vielseitig einsetzbar. Viele der Dinge hat man so oder so mit, wenn es an den Berg geht, sie aber auch als Rettungsmaterial zu betrachten, hilft, den Horizont zu erweitern und im Ernstfall geschickt und zielgerichtet zu improvisieren. Und Erste Hilfe am Berg kann auch heißen, es einfach zu schaffen, dass man weg kommt. Es muss nicht immer Krankheit und Verletzung im Spiel sein, um eine Notsituation zu schaffen.

Sinnvolle Ausrüstungsgegenstände für die Erste Hilfe:

  • Teleskopstöcke (20) – sie lassen sich vielseitig einsetzten. Sei es, um einen Patienten zu stützen oder zwischen zwei Personen zu tragen, aber auch, um Gliedmaßen zu schienen. Man sollte sich daher daheim damit vertraut machen, wie die einzelnen Stockelemente auseinander zu nehmen sind
  • Gewebeklebeband (21) – in "cool" auch Duct-tape genannt. Es ist der ultimative Helfer, wenn Kleidung geflickt, Felle befestigt, Gamaschen ersetzt oder auch Gliedmaßen geschient werden müssen. Ein paar Meter um den Stock gerollt, schon ist es immer dabei und dient noch als zusätzlicher Griff am Stock, wenn mal wieder steile Traversen bewältigt werden wollen.
  • Funkgerät (22) – wer’s eh dabei hat, kann es auch in Notsituationen bei schwerer Orientierung oder eventuell auch zur Kontaktaufnahme mit anderen Rettern nutzen. Nicht wirklich essentiell.
  • Warme Kleidung (23) – nichts ist besser für die Moral, als eine zusätzliche kuschelig-warme Kleidungsschicht anlegen zu können. Es erkauft einem Zeit und beugt vielen Problemen vor. Hervorragend sind moderne Daunenjacken mit kleinem Packmaß und man nimmt sie immer gerne mit.
  • Wärme-Pads (24) – kalte Finger adé. Hat man ein paar dieser kleinen Kohleheizkissen dabei, ist man für viele kalte Situationen gewappnet. In eine Isolierschicht wie einen dünnen Handschuh eingewickelt und auf die betreffende Stelle geklebt auch hervorragend zur Gewebelockerung, wenn es auf einer längeren Tour mal mächtig in den Muskeln zieht oder die Bandscheiben sich beschweren.
  • Sonnencreme (25) – eine kleine Probenpackung Sonnencreme im Erste-Hilfe-Set hat schon manchen davor bewahrt, einen zoologischen Klassensprung hin zu den (gekochten) Krustentieren zu unternehmen
  • G3 ski strap (26) – diese Gummistraps zum Zusammenspannen der Ski sind sehr universell einsetzbar und echte Wunderwaffen, wenn es darum geht, etwas abzubinden, zu schienen, zu stützen oder zu verstauen.
  • Reepschnur (27) – ebenfalls extrem vielseitig einsetzbar. Gerissene Rucksackträger, fehlende Gürtel oder sonstiges sind damit schnell gefixt und für die Improvisation einer Nottrage oder -rutsche mittels Lawinenschaufel und Ski unentbehrlich.
  • Multitool (28) ­– Egal was ist, irgendwie ist das passende Werkzeug schon dran. Eigentlich ein echtes must-have.
  • Stirnlampe (29) – Gerade im Hochwinter kann einem schnell das Licht ausgehen, wenn das Freeride-Abenteuer nicht läuft, wie gedacht. Eine kleine Stirnlampe im Rucksack ist da Gold wert. Die e+LITE von Petzl ist kaum größer als ein normales Benzin-Feuerzeug und nur so schwer wie ein Müsliriegel, so dass man sie wirklich immer mitschleppen kann.
  • Teelicht und Feuerzeug (30) – ist es wirklich zum Äußersten gekommen und der Notbiwak angesagt, ist es unglaublich, wie solch ein kleiner Klotz Paraffin für Wärme und Moral in einer Schneehöhle sorgen kann.
  • Mobile, schnelle Energie (31) – gerade bei Kälte, Stress oder Schock kann schnelle Energiezufuhr die Situation maßgeblich entschärfen. Traubenzucker und/oder ein Müsli- oder Energieriegel hat schon manchem lebenslange Sympathien gesichert, wenn er selbstlos gezückt und verteilt wurde.
  • Blumendraht (32) – gebrochene Skischuhschnalle, fehlende Schraube oder defekte Bindung: mit ein bisschen Blumendraht lassen sich erstaunliche Dinge provisorisch wieder her richten, so dass aus einem Notfall plötzlich nur eine etwas wackelige Abfahrt wird.

 

Natürlich lässt sich diese Liste beliebig erweitern und wir sind äußerst gespannt, Eure Kniffe und Tricks zu hören. Andererseits ist man mit den hier vorgestellten Dingen schon sehr gut für viele Notsituationen gerüstet, und für alle wird man es nie sein.

Wer nun eine schon bereits ausgestattete Notfalltasche käuflich erwerben will, sollte sich diese vor dem Kauf genau anschauen. Häufig sind die Inhaltszusammenstellungen nicht gerade sinnvoll und Teile, wie besonders die Schere billiger Mist. Empfehlenswerte Verbandstaschen hat Tatonka mit ihren "First-Aid-Taschen" im Programm. Die Taschen wurden in Zusammenarbeit mit der Outdoor-Schule Süd entwickelt und bestückt. Besonders die "First-Aid Advanced" enthält so ziemlich alles, was man am Berg und in der Natur braucht.

Das wichtigste Werkzeug sowohl zur Vermeidung von Notsituationen als auch zum Bewältigen dieser, ist wohl das menschliche Hirn. Benutzt es, trainiert es und füttert es. Wissen und Erfahrung sind in jeder Situation draußen am Berg unersetzlich.