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Lawinenprobleme verstehen! Oder die Gefahr der Gefahrenstufen

Gedanken von Drew Hardesty, langjähriger Lawinenwarner am Utah Avalanche Center (USA)

10.03.2016

Seit einigen Jahren werden in den Lageberichten vieler Warndienste die sogenannten Lawinenprobleme eingebaut. Federführend war hierbei unter anderem das Utah Avalanche Center. Die Lawinenprobleme basieren auf einem Artikel von Roger Atkins, publiziert im Rahmen des International Snow Science Workshop 2004. Sie weisen auf „typische, sich wiederholende und meist offensichtliche" Gefahrensituationen hin. Die Lawinenprobleme geben dabei einen ersten, eher groben Überblick über mögliche Gefahrenquellen, während die vom LWD Tirol entwickelten „Gefahrenmuster" mehr auf die Ursachen abzielen.

Amerikanische Gefahrenstufenskala add_circle
Amerikanische Gefahrenstufenskala

Seit einigen Jahren werden in den Lageberichten vieler Warndienste die sogenannten Lawinenprobleme eingebaut. Federführend war hierbei unter anderem das Utah Avalanche Center. Die Lawinenprobleme basieren auf einem Artikel von Roger Atkins, publiziert im Rahmen des International Snow Science Workshop 2004. Sie weisen auf „typische, sich wiederholende und meist offensichtliche" Gefahrensituationen hin. Die Lawinenprobleme geben dabei einen ersten, eher groben Überblick über mögliche Gefahrenquellen, während die vom LWD Tirol entwickelten „Gefahrenmuster" mehr auf die Ursachen abzielen.

Die Europäischen Warndienste (eaws) haben sich auf folgende Lawinenprobleme geeinigt und verwenden inzwischen auch einheitliche Symbole:

Neuschnee, Triebschnee, Nassschnee, Altschnee, Gleitschnee

Zusätzlich gibt es ein Icon für „günstige Situation" (Erklärung zu den Lawinenproblemen). In Nordamerika werden teilweise noch weitere Probleme benannt, etwa Wechtenbruch, Lockerschnee (nass und trocken), sowie „deep slab" und „persistent slab". Letztere sind Europa als „Altschnee" zusammen gefasst.

 

Drew Hardesty hat sich intensiv mit den Lawinenproblemen beschäftigt und gemeinsam mit seiner Kollegin Wendy Wagner die „Avalanche Toolbox" entwickelt. In der Toolbox kann man schematisch nachschauen, welches „Werkzeug" für welches Problem angebracht ist. (Siehe auch) Für jedes Problem werden drei Faktoren betrachtet: Vorhersagbarkeit des "Verhaltens", Wahrscheinlichkeit von Fernauslösungen, Nützlichkeit von Schneebeobachtungen und Tests. So wird, unabhängig von der Gefahrenstufe, der Unterschied zwischen Altschneeproblemen und zum Beispiel einer Neuschneesituation heraus gearbeitet.
 

 Im folgendem Kommentar erläutert Hardesty Näheres zu den Lawinenproblemen und der Schwierigkeit, komplexe Schneeeckensituationen in einer Gefahrenstufe zusammen zu fassen. Der Text erschien ursprünglich auf dem Blog des Utah Avalanche Center und wurde von PG in Absprache mit dem Autor übersetzt und unwesentlich bearbeitet:

Die Gefahr in den Gefahrenstufen

„Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen, abgesehen von allen anderen." Wer hat das nochmal gesagt? Mark Twain? Nein, Winston Churchill. Aber es klingt so, als hätte er es von jemand geklaut (Twain?). Mit unseren Lawinengefahrenstufen ist es so ähnlich wie mit der Demokratie.

Kürzlich habe ich bei einem Vortrag die Teilnehmer gebeten, die Gefahrenstufe bei zwei verschiedenen Situationen zu bestimmen. Vorher habe ich ihnen einen kleinen Crashkurs gegeben: Wenn wir unseren Lagebericht schreiben, beurteilen wir jedes mögliche Lawinenproblem nach einer Reihe von Faktoren:

Die Wahrscheinlichkeit einer Auslösung

Bruce Jamieson hat vor einigen Jahren eine Studie durchgeführt, bei der er Experten (Lawinenwarner u.ä.) zur Wahrscheinlichkeit einer Auslösung bei unterschiedlichen Gefahrenstufen befragte. (Siehe Abbildung). Die Auslösewahrscheinlichkeit nimmt mit einem Anstieg der Gefahrenstufe etwa um das 10fache zu.

Früher galt der Faktor „Auslösewahrscheinlichkeit" als wichtigster Punkt bei der Bestimmung der Gefahrenstufe. Begriffe wie „unwahrscheinlich", „möglich", „wahrscheinlich" spielten eine große Rolle. In der Regel wurde die Stufe erheblich angegeben, wenn Selbstauslösungen in den Bereich des Möglichen rückten. Dieses System hat nicht gut funktioniert. Stell dir vor, jemand bietet dir 10 Miliionen Dollar, um Russisches Roulette zu spielen. Würde es deine Entscheidung beeinflussen, wenn du wüsstest, wieviel Schuss das Magazin hat? Was, wenn ich dir sage, dass ein Gummigeschoss drin ist? Eine Kugel? Eine Kanonenkugel? Eine Atomrakete? Würdest du dich umentscheiden?


Ich bat meine Vortragsteilnehmer, die Auslösewahrscheinlichkeit pro Gefahrenstufe einzuschätzen. Das Ergebnis lautete in etwa:
Gering - 1-5%
Mäßig - 25-35%
Erheblich - 60-65%
Groß - 75-85%
Sehr groß - 90-100%

Für mich war dabei besonders der Sprung von mäßig (35%) auf erheblich (60%) interessant. Was ist der entscheidende Unterschied zwsichen diesen beiden Stufen? Schließlich sind die meisten Leute bei Stufe 2 und 3 unterwegs. Wo sind die fehlenden 25% hin?

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Situation A add_circle
Drew Hardesty
Situation A

Die mögliche Größe der Lawine im Falle einer Auslösung
Die Größe einer Lawine ist für die Bestimmung der Gefahrenstufe wichtig, ebenso wie die möglichen Konsequenzen. Das hat einerseits mit der Geländewahl zu tun (gibt es einen Auslauf oder ist man über einem Bergschrund oder einem Felsabbruch), geht aber im Grunde auf die "Destructive Scale" (Deutsch: Schadenspotential) zurück. Wir benutzen im operationellen Betrieb folgendes Schema:

 

Die räumliche Verteilung des Problems (einzelne Stellen, verbreitet, bestimmte Höhenzonen/Expositionen)

Wie verbreitet oder kleinräumig ist das Problem? Die folgende Grafik von Andrew McLean zeigt schematisch, wie unsere Darstellung der Gefahrenbereiche in 3d übertragen werden kann. Vor allem ist die räumliche Verteilung auch ein Indikator dafür, wie oft Auslösepunkte in jedem der „Exposition-Höhen Quadrate" zu finden sind.

 

Nach diesen Erklärungen bat ich also mein Publikum, sich folgende Situationen vorzustellen.

 

Das Bild stammte zufällig vom Tag des Vortrags. Ich hatte mehrere dieser Selbstauslösungen gesehen, die wind- und strahlungsbedingt im Laufe des Tages abgegangen waren. Die Anrisse waren in Sonnenhängen weit verbreitet und weder besonders groß noch besonders mächtig. Die Teilnehmer gingen die Checkliste durch, die wir eben besprochen hatten, und notierten ihre Gefahrenstufe auf einer Karteikarte. Sie durften nicht miteinander reden.

Situation B: Dieser Unfall geschah in den San Juan Mountains in Colorado, ein ziemlich großes Gebiet. Diese Lawine war die einzige, die im gesamten Gebiet an diesem Tag ausgelöst wurde.


 

Das Ergebnis war eindeutig:
Die Teilnehmer hatten für beide Situationen Stufe mäßig gewählt. Angesichts der Definition der Gefahrenstufen ist klar, wie das zustande kam. Es zeigt aber auch, wie problematisch die Stufe zwei sein kann, und dass es unterschiedliche Arten von mäßig (und allen anderen Stufen) gibt.

Ich habe mir viele Vorfälle angeschaut und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die Stufe mäßig bei Verhältnissen, die unmanageable (etwa: unkontrollierbar, nicht vorhersagbar) sind, besonders kritisch ist. Als unmanageable bezeichne ich Altschneeprobleme, die oft gemeinsam mit harten Schneebrettern und hohem Potential für Fernauslösungen einhergehen.

Manageable: Lockerschnee, Neuschnee, Triebschnee, die meisten Nasschneesitutationen, Wechtenbrüche. Zumindest bei Stufe mäßig sind diese Probleme einschätzbar bezüglich Auslösepunkt und vermutlicher Größe.

Unmanageable: Altschneeprobleme (deep slabs, persistent slabs). Lediglich die Unvorhersagbarket ist hier vorhersagbar.

Zwei ist nicht gleich zwei, drei ist nicht gleich drei

Die Definition der Gefahrenstufen wurde in den USA vor ein paar Jahren um Größe und Verteilung erweitert, aber ich habe das Gefühl, dass das noch immer nicht reicht. Die Skala sagt zum Beispiel: „Kleine Lawinen in bestimmten Gebieten, oder große Lawinen an einzelnen Stellen". Der Skifahrer im Video oben hätte vermutlich gesagt, dass die Gefahr in diesem Hang an dem Tag groß war. (Er hat leider nicht überlebt.)

Europäische Skala zu Vergleich.

Wir versuchen mit dieser Skala zwei völlig unterschiedliche Dinge unter einen Hut zu bringen. Würdest du lieber in einen Teich mit 6 kleinen Riffhaien geworfen werden, die vielleicht deine Zehen ein bisschen anknabbern, oder in ein Becken mit einem einzigen großen weißen Hai? Vielleicht ist zusätzlich Blut im Wasser...

Über die Jahre sind wir darauf gekommen, dass wir in der Regel kein Problem mit dem Verständnis der Schneedecke haben. Wir wissen ziemlich gut was da vor sich geht und was für Probleme es gibt. Wir haben ein Kommunikationsproblem.

Wie hoch ist die Gefahr? Mäßig? Erheblich? Unheimliches mäßig? Wie bringt man das in einer Gefahrenstufe unter? Mir war noch nie wohl dabei, besonders bei Altschneeproblemen, die über lange Zeit bestehen. Hier in Utah benutzen wir die Lawinenprobleme als Zusatzinformation, aber wer nur die Gefahrenstufe zur Kenntnis nimmt, bekommt das nicht mit. Viele empfinden mäßig als eine Art neues gering.

Alles hängt ab vom Charakter der möglichen Lawine, der eben durch die 'Probleme' wiedergegeben wird. Für mich ist der oben erwähnte Aspekt der „manageability" entscheidend. Manchmal wird mäßig statt erheblich ausgegeben, weil die räumliche Verteilung der kritischen Stellen nicht mehr so problematisch ist wie in den Tagen oder Wochen davor, oder die Auslösewahrscheinlichkeit etwas geringer. Das bestehende Altschneeproblem verschwindet damit aber nicht plötzlich. Die höhere Gefahrenstufe beizubehalten, nur um die Öffentlichkeit zu schützen, bewirkt auf Dauer, dass die Gefahrenstufen nicht mehr ernst genommen werden.

Beim Klettern gibt es gut abgesicherte Routen, die zum Beispiel mit 5.9 bewertet sind (Anm: Sierra/USA Skala). Manchmal ist eine 5.9 aber mit einem zusätzlichen X versehen, also 5.9X. Die Schwierigkeit ist die gleiche, aber das X bedeutet, dass Unfälle zu „schweren Verletzungen oder zum Tod" führen können, etwa weil die Route schlecht abgesichert oder der Fels sehr instabil ist. Wenn man das X sieht, hält man erstmal inne und denkt drüber nach. Fehler haben hier schlimmere Konsequenzen als in einer normalen 5.9.

Wenn man ein solches X auch bei den Gefahrenstufen einführen würde, könnte man Situtationen besser beschreiben, für die aufgrund der Gefahrenstellenverteilung und der Empfindlichkeit der Schneedecke erheblich oder groß nicht angemessen ist, die Konsequenzen einer Auslösung aber sehr hoch sind. X ist dabei eine Funktion des Lawinenproblems, der Größe und der möglichen Konsequenzen, sowie der „manageability", also Einschätzbarkeit oder Vorhersehbarkeit.

Letztlich liegt es nicht an den Warndiensten, zu entscheiden, wie die Gefahrenskala verbessert werden kann, sondern an der Öffentlichkeit. Was kann man tun, um flüchtigen Lesern den Unterschied zwischen „geringe Wahrscheinlichkeit, große Konsequenzen" und „hohe Wahrscheinlichkeit, geringe Konsequenzen" in einer Zahl oder einem einzelnen Wort zu vermitteln?

 

Wie hättet ihr die Situationen in Hardestys Beispiel beurteilt? Achtet ihr auf die Lawinenprobleme im Lagebericht, oder ist euch die Gefahrenstufe wichtiger? Wie geht ihr mit der auch diesen Winter aktuellen Altschneeproblematik um? Reicht die Gefahrenstufenskala und ihre Definition aus um alle Lawinenprobleme adäquat zu beschreiben?

Hierzulande wurde in der Vergangenheit immer wieder diskutiert, ob die Stufe drei aufgeteilt werden sollte, oder eine Umbenennung von erheblich in groß und groß in extrem sinnvoll wäre. Was haltet ihr von Hardestys Klettervergleich? Wäre ein mäßigX oder erheblichX eine Möglichkeit, komplexe Altschneeprobleme in einem Schlagwort zusammenzufassen?

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