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Lawinenkunde für Freerider, Teil II

Lawinenkunde Teil II: Wetter und Lawinengefahr

12.01.2009

Lawinen entstehen, weil das Wetter durch den Niederschlag das Lawinenmaterial Schnee liefert. Wetter und Lawinen sind also untrennbar miteinander verbunden. Das Wettergeschehen der Alpen ist kompliziert, weshalb wir uns hier auf die Wetter-und-Lawinen-Basics beschränken.

 

 

Bereits mit relativ wenig Wetterwissen und Erfahrung kann die Lawinengefahr anhand von Indizien beurteilt werden. Da das Wettergeschehen typische Spuren in der Schneedecke hinterlässt, können aufmerksame Freerider auch überprüfen, ob der Lawinenlagebericht zutrifft oder möglicherweise irrt. Schnee und Regen, der Wind als Lawinenarchitekt sowie Temperatur und Sonneneinstrahlung sind Bestandteile des Wetters und für die Lawinengefahr ebenso verantwortlich wie das Gelände und der Mensch.

Jeder Schneefall erhöht die Lawinengefahr!

Wie stark die Lawinengefahr zunimmt, hängt von der Art des Schneefalls, von der Temperatur, der Windstärke und der Altschneeunterlage ab. Entscheidend ist die Ergiebigkeit [Intensität] des Schneefalls, d. h. wie viel Schnee in welcher Zeit gefallen ist. Es gilt: Je schneller, desto ungünstiger. Ab einer bestimmten Menge Neuschnee wird es für Freerider gefährlich. Fällt eine so genannte kritische Neuschneemenge [nach W. Munter], herrscht mindestens erhebliche Lawinengefahr [Stufe 3]. Ist die kritische Neuschneemenge erreicht oder überschritten, ist viel Vorsicht und defensives Verhalten notwendig.

Schneit es unter günstigen Bedingungen, wird es ab einem Neuschneezuwachs von 30-50 cm gefährlich.

Günstige Bedingungen sind:

  • schwacher Wind – keine oder wenige Triebschneeablagerungen
  • Regen, der in Schnee übergeht
  • Temperatur – vor allem zu Beginn des Schneefalls +/–0° C
  • regelmäßig und oft befahrene Hänge, z.B. Freeridehang: durch das Befahren wird die Schneedecke verfestigt und der Hang stabilisiert
     

Bei Schneefall unter ungünstigen Wetterbedingungen kann schon bei 10-20 cm die kritische Neuschneemenge erreicht werden.

Besonders ungünstige Bedingungen sind:

  • stürmischer Wind
  • sehr kalte Temperaturen, unter – 8° C
  • Oberflächenreif, Harsch, Eis oder sehr alter Schnee als Unterlage für den Neuschnee
  • fast nie befahrene Hänge – Backcountry!
     

Ab einem Neuschneezuwachs von 20-30 cm muss unter mittleren Bedingungen mit einer gefährlichen Lawinensituation gerechnet werden. Bei mittleren Wetterbedingungen sind sowohl gute als auch schlechte Anzeichen vorhanden. Für alle Fälle gilt, dass die Gefahr mindestens für die nächsten Tage anhält, bis sich der Neuschnee ausreichend mit der Unterlage verbunden hat.
Nach starken Schneefällen geht die Lawinengefahr oft schnell wieder zurück, da sich die Schneedecke unter ihrem eigenen Gewicht schnell setzt. Starkschneefälle bilden dicke und stabile Schneedecken.

Auch ohne Schneefall kann die Lawinengefahr, z.B. durch Schönwetter- oder Föhnsturm ansteigen und kritisch werden wie dieses Beispiel einer Skitour bei starkem Wind im Bedretto-Tal zeigt

 

Besonders gefährlich und unfallträchtig ist der erste schöne Tag nach mehreren Tagen Schlechtwetter. Darum: Wer an solchen Tagen freeriden geht, muss seine Gefahrensensoren auf Alarm stellen und im Zweifelsfall auch bereit sein, auf einen Hang zu verzichten.

Anmerkung: Häufig sind die Freeride- und Variantenhänge durch andauerndes Befahren (alte Spuren wirken als Widerhaken für den Neuschnee) deutlich stabiler als die Schneedecke des Tourengeländes im Backcountry. Allerdings gibt es hierfür natürlich keine Garantie, so dass man im Zweifelsfall von einer ungünstigen Situation ausgehen und sich defensiv verhalten sollte!

Wind und Lawinengefahr

Wind ist der Baumeister der Schneebretter und damit der Fallensteller. Jeder, der schon einmal gegen einen ausgewachsenen Sturm ankämpfen musste, weiß, dass Wind im Gebirge extrem stark sein kann. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass Wind in der Lage ist, riesige Mengen Schnee zu transportieren. Je stärker der Wind ist, umso mehr Schnee wird verfrachtet – umso größere Triebschneeansammlungen sind zu erwarten. Verdoppelt sich die Windgeschwindigkeit, nehmen die Schneeverfrachtungen extrem zu.
Die windzugewandte Seite eines Berges wird mit Luv bezeichnet, die Windschattenseite mit Lee. Der Wind verfrachtet den Schnee immer von Luv nach Lee. Besonders große und gefährliche Triebschneeansammlungen befinden sich zumeist auf der Lee-Seite eines Berges.

 

In den Alpen weht der Wind meist aus westlichen Richtungen: West/Nordwest/Südwest. Daher befinden sich die größten Triebschneefelder besonders oft in ostexponierten Hängen. Kommt das Wetter aus westlicher Richtung, weht der Höhenwind aus Westen. Doch leider wehen die Winde am Boden – die für die Schneeverfrachtungen verantwortlich sind – oft aus völlig unterschiedlichen Richtungen, da es im Gebirge zu Verwirbelungen und Ablenkungen kommt. Wir dürfen uns deshalb nach einem Schneefall aus Westen auf keinen Fall darauf verlassen, dass nur in den Osthängen gefährliche Triebschneefallen hängen. Nach starken Schneefällen unter Windeinfluss gibt es in allen Hängen gefährliche Triebschneefallen. Zum Glück gibt es die Möglichkeit, die Windrichtung in einem Einzelhang anhand der Windzeichen auf der Schneeoberfläche zu bestimmen!

Wechten

...hängen über den gefährlichen Windschattenhängen. Die Wechte zeigt dabei immer die Seite an, in die der Triebschnee transportiert wurde. Unter der Wechte befindet sich der gefährliche Triebschneekeil. Dieser ist oftmals störanfällig: Riesige Schneemassen befinden sich an der steilsten Stelle des Hangs. Zum Hangende [Hangfuß] wird die Schneedecke dünner, hier ist die Schneedecke nur schwach abgestützt. Von dem unter [Druck-]Spannung stehenden Hangfuß kann eine Lawine fernausgelöst werden – eine besonders verhängnisvolle Lawinenauslösung –, da häufig keine Flucht möglich ist. Auch wenn die Wechten oft sehr stabil sind – sie sind immer ein Zeichen für Gefahr!

 

Wellen und Dünen

auf der Schneeoberfläche sind das Ergebnis starker Schneeverfrachtung.
Kräftiger Wind hat große Mengen Triebschnee entstehen lassen. Diese Wellen können bis zu 1 m mächtig werden. Der Wind weht dabei im rechten Winkel zu den Wellen. Die flache Seite der Wellen und Dünen zeigt immer in Windrichtung und die steil abfallende Seite liegt im Windschatten. Hier handelt es sich schon nicht mehr um Powder, da der Schnee – durch die Windeinwirkung – bereits gebunden ist. Wellen und Dünen sind ein Alarmzeichen: Achtung, Lawinengefahr!

Windgangeln/Zastrugis

sind vom Wind herausgefräste Vertiefungen in der Schneeoberfläche. Im Gegensatz zu den Wellen zeigen die steilen Seiten der Windgangeln gegen den Wind: "Sie haben dem Wind die Stirn geboten?. Sie sind oft sehr hart und dementsprechend unangenehm zu befahren. Triffst du beim Freeriden auf Windgangeln, frage dich: Wo befindet sich der ganze Schnee jetzt, aus dem die Windgangeln herausgefräst wurden?

Windkolke

Um Felsen und andere Hindernisse entstehen häufig freigeblasene Hohlräume, so genannte Windkolke.

"Kometenschweif":

Im Windschatten von Hindernissen wird Triebschnee abgelagert. Hierbei können lange, kleine Schneewälle entstehen. Sie sehen in ihrer Form dem Schweif eines Kometen ähnlich und werden daher "Kometenschweif? genannt. Der im Windschatten auslaufende Schweif zeigt die Windrichtung an.

Schneearme/-freie Rücken und Grate

Hangbereiche, die stark dem Wind ausgesetzt sind, können selbst im Hochwinter schneefrei sein. Hier fegt der Wind mit besonders großer Kraft und Geschwindigkeit darüber und verfrachtet den Schnee in Rinnen, Mulden und andere Vertiefungen. Fälschlicherweise kann man jetzt annehmen, es liege sowieso kaum Schnee, daher würde auch keine Lawinengefahr bestehen. Jetzt in die mit Triebschnee gefüllten Rinnen und Mulden auszuweichen ist extrem gefährlich: Denn der spröde Triebschnee kann unter Spannung stehen und oft leicht als Schneebrett ausgelöst werden.
Triebschnee-Rinnen und Mulden sind besonders gefährlich, da bereits relativ wenig Schnee genügt, um einen Freerider unter Umständen tief zu verschütten. In steilen Rinnen und anderem Extremgelände können schon kleine Lockerschneelawinen extrem bösartig werden, falls sie dich die Rinne "runterspülen?. Bei einem Lawinenabgang hast du nur wenig Chancen, aus der Rinne herauszukommen.

Föhn und Schönwettersturm

Oft hört man den Ausdruck, das Wetter sei föhnig. Mit Föhn wird ein [relativ] warmer starker Wind bezeichnet, der über die Alpen weht und dabei große Mengen Schnee verfrachtet oder wegbläst. Bei Föhndurchbruch auf der Alpennordseite weht der Wind aus Süden, bei Föhn auf der Alpensüdseite weht er aus nördlichen Richtungen. Bei heiterem oder fast wolkenlosem Himmel werden häufig auf der Alpennordseite sehr milde Temperaturen erreicht . Jetzt transportiert der Südföhn große Mengen Triebschnee besonders in nordexponierte Hänge, sodass sich nach einem Föhnsturm die gefährlichen Triebschneefallen in den nördlichen Hängen befinden. Allerdings kann auch beim Föhn die Windrichtung stark variieren. Man muss in jedem Fall eigenständig beurteilen, wo sich die Triebschneeansammlungen befinden. Die Kombination von Wärme und starkem Wind lässt den Föhn zu einem effektiven Schneefresser werden und die Lawinengefahr oftmals sprunghaft ansteigen.


Schneefahnen an Graten und Gipfeln

weisen auf einen Schönwettersturm [oder Föhnsturm] hin. Schneefahnen nicht mit Wolken verwechseln! Diese Stürme können wie der Föhn sehr stark werden und große Mengen Schnee in Windschattenhänge verfrachten.

Sonneneinstrahlung und Temperatur

Jeder weiß, dass Sonne und Temperatur zusammenhängen. Also ist es nur logisch, dass Temperatur und Sonneneinstrahlung oft gemeinsam die Lawinengefahr beeinflussen. Wie bereits erwähnt, ist die Sonneneinstrahlung eines Hangs stark von seiner Exposition und Steilheit abhängig. Sogar im Hochwinter kann man öfters an einem Sonnenhang gemütlich relaxen, da die niedrig stehende Sonne die zu ihr geneigten Flächen besonders intensiv mir Wärmeeinstrahlung versorgt.
Verfestigung und Umwandlung der Schneedecke sind stark von der Temperatur abhängig. Daher können sich Südhänge durch abbauende Umwandlung und Schmelzumwandlung schneller stabilisieren als Schattenhänge [Nordwest-/ Nord-/ Nordost-/Osthänge]. Nach Schneefällen verursacht Erwärmung einen [kurzfristigen] Anstieg der Lawinengefahr. Vor allem in Sonnenhängen muss – nach ergiebigen Schneefällen – mit Selbstauslösungen von Lawinen gerechnet werden.

In den Schattenhängen kommt es, bei starken Temperaturunterschieden zwischen Boden [nahe 0°C] und der Schneeoberfläche [sehr kalt – tiefe Minusgrade] häufig zu starker aufbauender Umwandlung. Das Fundament der Schneedecke wird dann gefährlich instabil. Auf nordexponierten Hängen bilden sich im Hochwinter oftmals dicke Schichten Oberflächenreif. Kein Sonnenstrahl erreicht die Schneedecke und der Reif kann nicht tauen. Wird eine Oberflächenreifschicht eingeschneit, bildet sie eine extrem gefährliche Lawinengleitschicht. Steile Schattenhänge sind mit Abstand die gefährlichsten Hänge. Hier ist der Powder besonders verlockend, aber auch Tod und Unglück sind in den steilen Nordwest-/ Nord-/ Nordost- und Osthängen zu Hause.

Als Faustregeln kann man sich merken

  • Lang andauernde Kälte konserviert Gefahren - über einen langen Zeitraum! Die Schneedecke verfestigt sich nur extrem langsam, da die abbauende Umwandlung sehr langsam abläuft. Zusätzlich besteht bei niedriger Schneehöhe die Gefahr, dass aufbauende Umwandlung die Schneedecke noch instabiler werden lässt.

  • Langsamer und maßvoller Temperaturanstieg – bei trockener Schneedecke – lässt die Lawinengefahr sinken, da sich die Schneedecke setzt und entspannt. Schnelle und starke Erwärmung durch Tauwetter, Föhn und Regen verschärft kurzfristig die Gefahr.

  • Nach Schneefall bei kalten Temperaturen verursacht Temperaturanstieg eine Verschärfung der Lawinengefahr.

  • Abkühlung und Wiedergefrieren verfestigt eine feuchte Schneedecke und reduziert die Gefahr. Dies passiert bei klarem Himmel über Nacht, sodass vor allem im Frühjahr morgens – bei gefrorener Schneedecke – sehr günstige Verhältnisse herrschen.

  • Allerdings muss die Nacht so kalt gewesen sein, dass der Harschdeckel [die gefrorene Schicht] stabil genug ist, dass man nicht durchbricht. Da die Wärme den Schnee im Laufe des Tages wieder weich werden lässt, steigt dann die Lawinengefahr oftmals schnell und deutlich an.