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Bergwissen | Spaltenbergung Teil III – Ankerbau

Ankertiefe erreicht, Käpt'n

06.03.2014

In sechs Artikeln zum kompletten Wissen rund um die Notfallbergung aus der Gletscherspalte. In Teil III geht es um den Ankerbau.

Halten eines Sturzes mittels Pickel add_circle
Knut Pohl
Halten eines Sturzes mittels Pickel

In sechs Artikeln zum kompletten Wissen rund um die Notfallbergung aus der Gletscherspalte. In Teil III geht es um den Ankerbau.

Spaltenbergung ist eines der Themen, das die meisten Tourengänger, Skibergsteiger und Freerider als sehr komplex empfinden. Dabei sind die Grundprinzipien eigentlich recht einfach und das Handwerkszeug dazu ist ebenfalls kein Hexenwerk. Hat man beides einmal verstanden, ist man eigentlich für alle Situationen auf dem Gletscher gewappnet. Heute geben wir euch eine Einführung in den Bau von Ankerpunkten.

Für die Spaltenbergung kann man eine Vielzahl von Ankern zur Erstellung von Fixpunkten (Punkte, an denen die Seilsicherungskette am Gelände verankert wird) verwenden, in aller Regel wird man jedoch keinen Fels in greifbarer Nähe finden, und muss somit einen Anker in Schnee oder Eis erstellen. Je nach Festigkeit und Kompaktheit der Grundlage aus gefrorenem Wasser haben die verschiedenen Ankertypen unterschiedliche Haltekräfte, weshalb man muss den Ankertyp entsprechend wählen muss.

In den verschiedenen Phasen der Spaltenbergung kommen verschiedene Ankertypen zum Einsatz und der Bau der jeweiligen Anker kann insgesamt oft zeitraubender und komplexer sein, als der Aufbau des Flaschenzugs und die eigentliche Bergung. Spaltenbergung ist deutlich mehr, als nur ein Pulley-System zu beherrschen, und gerade Schneeanker in weichem Schnee zu erstellen braucht Erfahrung und man sollte es daher nach Möglichkeit in der Praxis üben. Im Prinzip kann man die nötigen Anker in drei Klassen einteilen.

Sturz halten

Besonders das Halten eines Sturzes ist mit Theorie allein nicht vermittelbar und man sollte es daher unbedingt unter kontrollierten Bedingungen und wenn alle Beteiligten zusätzlich gesichert sind, draußen unter realistischen Umständen üben. Gerade im Winteralpinismus mit den Ski (Splitboards lassen sich im wesentlichen gleich verwenden und daher wird hier nicht näher darauf eingegangen, ist man mit Schneeschuhen und dem Board auf dem Rücken unterwegs, funktionieren einige der hier erklärten Techniken nicht) am Fuß, ist das Abfangen eines Sturzes – egal ob in Aufstieg oder Abfahrt – relativ schwierig.

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Gerade mit der Bindung im Tourenmodus haut es einen gern erst einmal der Länge nach auf die Plauze. Wichtig ist, auf dem Gletscher Augen und Ohren offen zu halten und im Optimalfall den Spaltensturz zu beobachten, sodass man reagieren kann, bevor der Ruck vom Seil ankommt. Zuviel Schlappseil zwischen den Seilschaftsmitgliedern ist in solchen Fällen sehr gefährlich. Aber auch das Halten des Gestürzten, ist die ganze Seilschaft einmal zum Stopp gekommen, hat so seine Tücken. Diese Aufgabe fällt meist den hinteren Seilschaftsmitgliedern zu.

PICKEL Herrschen – meist bei Sommerbegehungen– harte Bedingungen und man hat daher den Pickel in der Hand, kann man diesen genauso einsetzen, wie man einen unangeseilten Rutsch halten würde. Mit einer Hand um den Hauenkopf und der anderen am Pickelschaft versucht man, sich in Bauchlage zu bringen und das Körpergewicht auf den Pickel zu drücken, so dass sich die Haue in den Schnee frisst. Meist hat man bei diesen Bedingungen dann auch Steigeisen an den Füßen und mit dieser Ausrüstung ist es meist nicht besonders kompliziert, den Gestürzten zu halten, wenn der Sturz erst einmal gestoppt ist.

Halten eines Sturzes auf Ski add_circle
Knut Pohl
Halten eines Sturzes auf Ski

SKI UND STÖCKE Sind die Ski am Fuß, wird es schon schwieriger, ganz besonders bei recht harten Bedingungen. Im Aufstiegsmodus ist es mit Tourenbindungen eventuell nicht ganz einfach, die Ski unter Kontrolle zu bringen und damit Druck aufzubauen. Zur Unterstützung empfiehlt es sich, die Stöcke direkt unterhalb der Griffe zu greifen, umzudrehen und die Griffe in die Schneedecke zu rammen, um so den Sturz zu stoppen. Zum Halten des Gestürzten wiederum sind Ski durchaus hilfreich, ob man nun über die Kanten Druck aufbaut oder gar das ganze Skiende in den Schnee rammt, mit Ski am Fuß lässt sich doch einiges an Kraft aufbringen.

Temporäre Verankerung

Um der gesamten Sache schnellstmöglich möglichst viel Halt zu geben und die haltenden Seilschaftsmitglieder so zu entlasten, dass danach ein zuverlässiger Anker als Fixpunkt eingerichtet werden kann, wird meist zunächst eine temporäre Verankerung erstellt. Diese ist in der Regel den Belastungen eines Flaschenzuges, geschweige denn weiteren Stürzen (tiefere Schneebrücke bricht ein oder Ähnliches) nicht gewachsen, schafft aber genug Freiraum, damit mindestens eines der Seilschaftsmitglieder einen definitiven Anker errichten kann.

Meist fällt die Aufgabe, eine temporäre Verankerung zu errichten, demjenigen Seilschaftsmitglied zu, dass am nächsten an der Spalte und dem Gestürzten ist, also meist dem Seilzweiten. Bei großen Gruppen oder wenn der Gestürzte leicht zu halten ist, kann die temporäre Verankerung auch weggelassen werden. Ist ein Seilschaftsmitglied aus der Mitte der Seilschaft gestürzt, ist es meist ein Seilschaftsmitglied unterhalb der Spalte, das die temporäre Verankerung erstellt. Der definitive Anker kann dann meist oberhalb, aber je nach Situation auch unterhalb der Spalte errichtet werden.

Unabhängig von der Beschaffenheit der Gletscheroberfläche sollte man für jede Art der Verankerung losen Schnee, Firn, morsches Eis etc. nach Möglichkeit schnell weg kratzen, bevor man die Verankerung erstellt.

Ein gesteckter Ski als temporärer Anker im Schnee. Der Ski wird während der Belastung stets an der Skispitze nach hinten gehalten. add_circle
Knut Pohl
Ein gesteckter Ski als temporärer Anker im Schnee. Der Ski wird während der Belastung stets an der Skispitze nach hinten gehalten.

SCHNEE Am ehesten wird man bei Touren auf dem Gletscher relativ weichen Schnee des selben Jahres antreffen. Um hier eine temporäre Verankerung zu erstellen, rammt man am besten mindestens einen Ski mit dem Ende mindestens bis zur Bindung durch die Handschlaufe in den Schnee (Twintips, stark gerockerte Ski und Splitboards sind hier klar im Nachteil), sodass die Handschlaufe die Last unmittelbar an der Schneeoberfläche (oder darunter) überträgt. Optimalerweise wird der Ski leicht nach hinten geneigt eingerammt und zeigt mit den Kanten in die Belastungsrichtung, damit diese nicht in die Reepschnur schneiden. Handschuhe, Mütze oder Ähnliches können zusätzlich vor der Kante schützen. Dabei hält man die Skispitzen während der gesamten Belastungsdauer mit den Händen nach hinten oder kniet sich vor den Ski und lehnt sich mit der Schulter dagegen, um ein Herausrutschen aus dem Schnee zu verhindern.

Ein solcher Skianker kann verstärkt werden, in dem quer vor den eingesteckten Ski ein weiterer Ski in den Schnee gerammt oder vergraben wird.

HARTER FIRN Die Technik des gesteckten Pickels eignet sich bei harten Firnbedingungen, wie sie vor allem im Sommer vorkommen, um einen temporären Anker einzurichten. Dazu wird der Pickel mit dem Schaft durch die Handschlaufe in die Schneedecke gerammt und man kniet sich anschließend auf die Haue, um diese unten zu halten. Am besten schaut man dabei von der Spalte weg, da man so mit den Füßen dem Zug besser entgegen wirken kann und bei eventuellem Ausbruch des temporären Ankers besser positioniert ist.

EIS Im eher unwahrscheinlichen Fall, dass man Blankeis vorfindet, kann man den Pickel mit der Haue in das Eis schlagen und die Handschlaufe in die Öse am Schaftende einclippen.

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Definitive T-Schlitz-Verankerung mittels Ski in kompaktem Schnee. add_circle
Knut Pohl
Definitive T-Schlitz-Verankerung mittels Ski in kompaktem Schnee.

Definitive Verankerung

Die definitive Verankerung wird meist vom letzten der Seilschaft erstellt, und zwar so, dass das Seil vor der temporären Verankerung in den Anker eingehängt werden kann. Hat sich der Seilschaftsletzte versichert, dass die anderen Seilschaftsmitglieder den Gestürzten (mit Hilfe der temporären Verankerung) problemlos halten können, entlastet er vorsichtig das Seil und geht, ohne sich aus dem Seil auszubinden nach vorne, um den definitiven Anker zu erstellen. Ist das Seil dafür zu kurz, kann er sich mittels Nabelschnur, Prusikschlinge oder ähnlichem selbst am Seil sichern (siehe Teil IV).

Bei einer Zweierseilschaft muss der Seilhintere den Sturz halten, die vorläufige Verankerung erstellen und während er diese sichert, den definitiven Anker erstellen. Das geht z.B. in dem man den temporären Anker mit einem Ski erstellt und während man sich davor kniet und gegen den Ski lehnt mit beiden Armen um diesen herum greift um dahinter das Loch für den Anker auszuheben.

Definitive T-Schlitz-Verankerung mittels Pickel in hartem Schnee und Firn. add_circle
Knut Pohl
Definitive T-Schlitz-Verankerung mittels Pickel in hartem Schnee und Firn.

IM SCHNEE Egal, wie weich oder hart, kompakt oder locker die Schneedecke ist, wenn kein Blankeis vorliegt, gibt es eigentlich nur eine Verankerung, die brauchbar ist: Der T-Anker.

Dieser Anker, der auch als "Toter Mann" bekannt ist, hat seinen Namen von der T-förmigen Form und wird erstellt, in dem ein Gegenstand quer zur Belastungsrichtung eingegraben und mittig mit einer Bandschlinge oder Reepschnur (mindestens 8 mm Durchmesser oder dünnere mehrfach) abgebunden wird, in die ein großer Karabiner als Zentralpunkt eingehängt wird.

Ist der Schnee ausreichend hart (z. B. gut gesetzter Altschnee), wird in der Regel ein Pickel vergraben, bei weicherem Schnee nimmt man ein Paar Ski (ein einzelner Ski geht auch, dann sollte man aber die Schlinge mit Handschuhen, Mütze o.Ä. unterfüttern, um die Schlinge vor den Stahlkanten zu schützen). Hierzu wird ein Schlitz quer zur Belastungsrichtung ausgehoben, wobei die vordere Wand leicht überhängen sollte und man vermeiden sollte, vor dem Schlitz auf dem Schnee unkontrolliert herum zu trampeln.

Das bringt Unstabilitäten in die Schneedecke. Anders ist es, wenn der gesamte Bereich vor dem Schlitz grossräumig verdichtet wird, das kann die Festigkeit eines T-Schlitz durchaus erhöhen. Bei kompaktem Schnee wird der Schlitz mit der Schaufel des Pickels mehr ausgekratzt als gegraben, ansonsten kommt die Lawinenschaufel zum Einsatz. Die Tiefe des Schlitzes hängt von der Beschaffenheit der Schneedecke ab, ein eher flacher Schlitz, der in einer komprimierten Altschneedecke liegt, ist unter Umständen stabiler, wenn darunter zum Beispiel lockerer Schwimmschnee droht.

Einhängen des Seils am Zentralpunkt mittels Microtraxion als Rücklaufsperre. Zusätzlich wird das Seil mit einem Mastwurf in einem Verschlusskarabiner hintersichert. add_circle
Knut Pohl
Einhängen des Seils am Zentralpunkt mittels Microtraxion als Rücklaufsperre. Zusätzlich wird das Seil mit einem Mastwurf in einem Verschlusskarabiner hintersichert.

Nun wird der als Anker dienende Gegenstand mit einem Ankerstich (bei glatten Pickelschäften, Skistöcken u. Ä. besser mit einem Prusikknoten) abgebunden und in den Schlitz gelegt (Tipp: Der Schlitz kann zur Not auch Schmaler als Ski oder Pickel sein. Man kann die Skienden oder den Pickelschaft vom Loch her seitlich in die Schneedecke rammen.). Bei hartem Schnee sollte eventuell eine Führungsrinne für die Schlinge freigekratzt werden. Der Aushub wird nun wieder in das Loch geschüttet und festgetreten. Achtung! Ein T-Anker darf nur senkrecht zum vergrabenen Gegenstand belastet werden!

Hat man bei zu weichem Schnee Bedenken, vor allem, wenn man einen Pickel oder kleineren Gegenstand vergraben hat, kann man den Anker mit einem zweiten T-Anker oberhalb verstärken, in dem man z. B. einen Rucksack abbindet und vergräbt, und dann die Schlingen der Anker im Zentralpunkt zusammenführt und passend ablängt.

Eine weitere Möglichkeit, einen T-Anker zu verstärken, ist einfach zwei Ski, Stöcke oder Ähnliches vor dem quer liegenden Anker senkrecht in den Schnee zu setzten und den Anker so zu einem H-Anker auszubauen.

IM EIS Einen definitiven Anker zu erstellen, wenn Blankeis vorhanden ist, ist relativ einfach. Meist werden dazu einfach zwei Eisschrauben diagonal versetzt voneinander eingedreht und mittels Ausgleichsverankerung oder fixiertem Kräftedreieck abgebunden. Sind nicht genügend Eisschrauben vorhanden oder die Eisqualität nicht zweifelsfrei, kann man – vorausgesetzt ein Abalakow-Fädler ist im Gepäck – einen Fixpunkt aus mehreren Eissanduhren zusammen binden.

Seilschaft sichern

In den Zentralpunkt des nun erstellten, definitiven Ankers wird dann mittels Microtraxion, Ropeman, Prohaska, Prusik o. Ä. das Seil eingehängt und der Anker unter Spannung gebracht. Nach dem vorsichtigen Lasttransfer durch Lösen der temporären Verankerung wird das Seil zur Sicherheit mit einem Mastwurf in einem separaten Karabiner gesichert.

Ist die gesamte Seilschaft so gesichert, kann mit der eigentlichen Bergung begonnen werden.

In Teil IV: Bergungsmethoden

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Kommentare
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knut 04.03.2016 | 08:04 Uhr

Henry, ganz herzlichen Dank für das Lob! Nichts freut mich mehr, als wenn der Artikel anderen in der Praxis hilft.

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bluesindianer 03.03.2016 | 13:17 Uhr

Danke von einem "deutschen" Bergfan... weil ich dachte, powderguide ei ein at-Forum... Asche auf mein Haupt und 12 Hiebe mit der Wattepeitsche seien mir gerecht!
Henry

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bluesindianer 03.03.2016 | 12:20 Uhr

@Knut Pohl: Ich bin begeistert von deinen Artiklen. Die Beschreibungen sind sehr anschaulich, und was man im Elfenbeingewölbe noch nicht erfasst hat, wird durch die Zeichnungen und Skizzen ergänzt.

Also super Anleitungen und hilft mir sowohl im Gelände als auch in der Ausbildung. Ein ganz dickes "Danke" von einem deutschen Bergfan,
liebe Grüße und immer eine Handbreit Firn unter der Sohle!
Gruß vom Gerwien, Henry

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knut 17.03.2014 | 21:19 Uhr

Das stimmt natürlich.

Der Vorteil, dass ein Seilschaftsmitglied sich frei bewegen kann um den Anker am optimalen Punkt zu bauen, sowie ihn so nah wie möglich an den Spaltenrand setzen zu können, um wenig Seilreibung bzw. viel freies Seilende zu haben, ist allerdings auch nicht zu verachten. Deshalb ist Schweizer Lehrmeinung, dass der hinterste den Anker baut.

Es gibt auch Stimmen, die empfehlen, dass die Kontaktaufnahme zum Gestürzten vor Bau des definitiven Ankers erfolgen kann. Das halte ich für kritisch, sollte der Kontaktaufnehmende staucheln oder gar ebenfalls stürzen.

Grundsätzlich sind diese Schemata und Vorgehensweisen aber Leitfäden und nicht in Stein gemeisselt und je nach Situation kann es sinnvollsein, dass der erste, zweite oder dritte nach der Spalte den Anker aufbaut.

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FloImSchnee 17.03.2014 | 17:07 Uhr

Ich hab's auch ohne Temporären Anker gelernt, finde diesen aber absolut sinnvoll und würde den künftig auch anwenden.

Gleichzeitig denke ich, dass ich den temporären Anker von einem der hinteren Seilschaftsmitglieder machen lassen würde, sodass der zweite Mann (also spaltennäheste Mann) den definitiven bauen kann.
So können alle am Seil noch halten. (der, der grad den Toten Mann gräbt halt ein bissl weniger)

Geht hingegen der Seilschaftsletzte nach vor um den definitiven Anker zwischen temporärem Anker und Spalte zu bauen, kann er das Seil nicht mehr halten.

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knut 13.03.2014 | 12:13 Uhr

Verwechseln bitte nicht "Lehrmeinung" mit "die Meinung, die ich gelernt habe". Des weiteren gibt es DIE Lehrmeinung schlicht nicht, wie einem schnell klar wird, wenn man sich tiefer mit der Materie beschäftigt.
Und dass diese Techniken durchaus (sinnvolle) Lehrmeinung sind, zeigt zum Beispiel ein Blick in das Standardwerk "SAC Bergsport". -Soviel auch zum Thema Haftung.

Die Gefahr eines Seilschaftsabsturzes etwa nach Halten des Sturzes durch Abrutschen der Haltenden (Mitreissgefahr ist das falsche Wort, da es sich dabei um das Mitreissen beim ruckartigen Eintreten des Seilzuges handelt), ist in der Tat gegeben.
Genau dafür ist der temporäre Anker da. Ein eingesteckter Ski oder Pickel sichert eine (weiterhin aktiv) sichernde Seilschaft binnen Sekunden zusätzlich.
Und wenn die Seilschaft in die Spalte stürzt, weil derjenige, der den T-Schlitz gräbt, durch seine Bewegungen abrutscht und der dadurch entstehende Ruck die Seilschaft abrutschen lässt, weil keine temporäre Verankerung da war? Wer hat dann falsch gehandelt?
Die temporäre Verankerung ist Teil einiger Lehrmeinungen und ich persönlich halte sie für äusserst sinnvoll.

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elcappi 13.03.2014 | 10:04 Uhr

Lieber Knut,
danke für deine schnelle Antwort. Ja ich bin ein Vertreter von Lehrmeinung X im Bereich Z ;) und bei meiner Ausbildung und auch ausbilderischen Praxis im Bergsportbereich habe ich immer wieder feststellen müssen, dass Standardisierung von Handgriffen und der Leitsatz "weniger ist mehr" nicht nur Sinn machen sondern auch Sicherheit schaffen.
Z.B. macht weniger Gewicht Schnelligkeit und damit auch unter widrigen Umständen mehr Sicherheit...Wenn ich die standardisierten Handgriffe zu jeder Tages und Nachtzeit beherrsche, werde ich sie auch flexibel unter widrigen Bedingungen meinen Bedürfnissen entsprechend verändern können.
Das Thema Spaltenbergung ist eh nur bei verschneiten Bedingungen gegeben wenn ich auf einem aperen Gletscher in eine Spalte falle, die ich sehe, sollte ich mir vielleicht anderes Gelände aussuchen;)
Eine große Frage ist immer die Mitreissgefahr, wodurch manche Szenarios auch wieder nur theoretischer Natur werden, da ich dann überlegen muss, ob ich komplett sichere(dann bringt auch eine temporäre Verankerung wenig) oder seilfrei gehe (entspechendes Können vorausgesetzt).
Ich möchte jedoch noch zu bedenken geben, dass ich bei der Lehrmeinung weniger Handgriffe machen muss, um den Anker zu bauen: z.B. bricht eine Schneebrücke über eine Spalte ein und ich habe ein aperes Stück dann drehe ich einfach eine Schraube und fertig. Ist da Schnee grabe ich den Anker mit dem Pickel oder muss zusehen, dass ich die Schi zum ankern benutze und fertig. Wenn ich erst anfange etwas temporäres und dann etwas definitives zu basteln bin ich vielleicht schon selbst weitergerutscht....
Deinen Gedanken des schwedischen Fassdaubenanbieters "Entdecke die Möglichkeiten" finde ich grundsätzlich gut, wie ich ja schon angemerkt habe, finde ich variable Verfügbarkeit und das situationsangepasste Verändern von Handgriffen zu jeder Zeit absolut wichtig. Dennoch sollte man zunächst die Lehrmeinung beherrschen, bevor man sich an das experimentieren wagt. Was ich mich noch so frage ist: solang nix passiert ist sowieso alles egal, wenn jedoch jemand zu Schaden kommt und sich auf andere Handgriffe als die aktuelle Lehrmeinung beruft, wer wird dann haften?

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knut 13.03.2014 | 06:36 Uhr

Bitte entschuldigt den Doppelpost.
Das System kommt wohl mit und-Zeichen nicht zurecht.
Und auch nicht mit Anführungsstrichen.

Oder mit mir als User. Daher ist der erste Kommentar von gar keinem User erstellt worden und ich kann ihn auch nicht löschen.

Manchmal frag ich mich, mit was es eigentlich zurecht kommt...

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knut 13.03.2014 | 06:35 Uhr

Ich hatte bereits schonmal eine Antwort verfasst, das System hat mich aber eingebremst, da die Kommenterfunktion vom Handy aus nicht fehlerfrei funktioniert.

Lieber elcappi
Zuerst einmal danke für das ausführliche Feedback. Fundierte Rückmeldungen sind immer gern gesehen.
Und ich kann Dir nur zustimmen: Übung ist -wie bei jedem Rettungsszenario- das A und O. Deshalb wurde das ja deutlich in Teil I hervor gehoben.
Weiterhin kann ich die Bergundsteigen ebenfalls sehr empfehlen (auch wenn sie sich hin und wieder zu sehr nur auf D oder AT-Lehrmeinungen fokussiert).

Den Rest der Kritik kann ich allerdings schlicht nicht nachvollziehen. Ich gehe mal der Reihe nach durch.
i) "Artikel, die das nötige Wissen nach neuestem Wissensstand und ohne überflüssigen Ballast darstellen" heisst de facto Spaltenbergung nach Schema F und Lehrmeinung X. Dazu gibt es Artikel wie Sand am Meer. Diese Artikelserie will ganz bewusst einen etwas anderen Ansatz wählen. Wir bei Powderguide glauben (wie Du übrigens beispielhaft belegst), dass unsere Leser im Durchschnitt eher fortgeschritten und gut informiert, in jedem Fall aber selbstständig denkend sind. Daher war der Ansatz, eine Artikelserie zu erstellen, die das Mögliche zeigt und dabei das Wissen an die Hand gibt, selbst das Nötige heraus zu picken. Das kann man gut oder schlecht finden. Grundsätzlich falsch und unvertretbar ist es aber sicher nicht.
ii) Haltekräfte von temporären Verankerungen im Schnee - Um es hart zu sagen: irrelevant, da es sich bei den beschriebenen Techniken um temporäre Verankerungen handelt. Diese dienen den Zweck, die Seilschaft möglichst schnell zusätzlich abzusichern und den Aufbau eines definitiven Ankers zu ermöglichen bzw. zu vereinfachen. Jede weiter Absicherung ist hier willkommen, unabhängig von der zusätzlichen Festigkeit.
Daher sind diese Techniken auch für temporäre Verankenungen in allen Alpenländern Lehrmeinung. Das sie als definitive Anker nicht geeignet sind, sehe ich genauso und das wird m.M.n. auch im Artikel klar.
In besagtem B-und-S-Artikel geht es um die Absicherung von Seilschaften an solchen Ankern als definitive Verankerung, um im Kletterbetrieb daran zu sichern. Eine völlig andere Schublade.
Und ein Rammpickel hält bei der Spaltenbergung als temporärer Anker durchaus ausreichend in genügend hartem Schnee. Es geht schliesslich darum, maximal (Stichwort: Reibung) das Körpergewicht des Gestürzten zu halten, wobei die Seilschaft diesen bereits hält.
Eine im Blankeis eingeschlagene Pickelhaue hält ebenfalls einiges. Frag mal Eiskletterer, die hängen locker ihr ganzes Körpergewicht daran. Die Ausreissicherheit bei Bewegung und ohne, dass der Pickel gehalten wird, ist etwas anderes. Und das wiederum macht diese Technik als dauerhafte Verankerung untauglich. Aber erneut geht es da nicht drum bei der Anwendung als temporäre Untertsützung.
iii) Ausgleichsverankerung: Ich verstehe die Kritik nicht. Die Abstände sind doch dargestellt. Zugegebenermassen wurde der Winkel durch die Panne mit den BUs gefressen (ich werde sie am WE /- neu erstellen ? erneute Entschuldigung für diese Panne der Software an dieser Stelle) und man könnte ihn evtl. in der Grafik mit einauen, aber das sehe ich jetzt nicht als k.o.-Kritik
iv) Die Eissanduhr (zugegebenermassen praxisfern und eher der Vollständigkeit halber erwähnt) sollst Du gar nicht drehen, wenn Du den Gestürzten hälst. Sondern wie jeder andere definitive Anker wird diese erstellt, wenn der Erstellende entlastet wurde.
v) Der temporäre Anker wird von denjenigem erstellt, der der Spalte am nächsten ist, der definitive Anker i.d.R. vom Seilletzen, weil dieser sich am besten frei bewegen kann. Das ist definitiv Lehrmeinung. Den 2. alles machen zu lassen, wäre suboptimal.
vi) ob man HiTech mag oder nicht, sei jedem selbst überlassen. Genau aus dem Grund zeigt die Artikelserie ja die Alternativen. Ich persönlich finde, die meisten Geräte haben ihre Berechtigung.
Wie Du allerdings einerseits den Spierenstich als völlig abwegig kritisieren kannst, und andererseits die Verwendung vom Prusik lobst, will sich mir nicht erschliessen. Wie bitte knüpfst Du denn eine ordentliche Kurzprusikschlinge, wenn nicht mittels Spierenstich?
vii) ?sachlich falsch? und ganz besondere ?gefährlich? weise ich entschieden zurück. Um solch geharrnischte Kritik zu üben, musst Du schon mehr bringe, als einen Link zu einem B-und-S-Artikel, der sich auf ein anderes Einsatzgebiet von den durch Dich kritisierten Ankern bezieht. Wie bereits gesagt, entspricht der Einsatz dieser Techniken für temporäre Verankerungen (nochmals: nicht verwechseln mit dem Sichern einer Seilschaft an solchen Ankern) immer noch der Lehrmeinung und es gibt auch keinen Grund, warum das nicht weiter der Fall sein sollte.

Summa Sumarum habe ich den Eindruck, dass Du zwar in der Materie drin bist, es Dir aber nicht schaden könnte, Deinen Horizont etwas zu erweitern und ein paar etwas schwammige Wissenspunkte zu präzisieren. Diese Artikelserie könnte Dir ein paar Ansatzpunkte dazu liefern. Aber wenn Du sie nicht magst (und das ist natürlich Dein Recht, keine Frage), kommst Du sicher auch ohne sie zurecht.

klars Kritik hingegen kann ich durchaus nachvollziehen. Es scheint widersprüchlich, wie die Zielsetzung der Artikelserie transportiert wird. Ich kann nur empfehlen, die weiteren Teile abzuwarten, und dann zu urteilen.
Und wie bereits zu Beginn gesagt, kann ich nicht garantieren, dass der etwas andere Ansatz, das Mögliche aufzuzeigen und die Wahl dem Anwender zu überlassen, gescheit ist. Ich fand es wert, dass es mal gemacht wird. Und ich freue mich zwar, wenn ich da zustimmende Stimmen höre. Aber ich bin durchaus auch offen für diejenigen, die dass für eine Schnapsidee halten.

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klar 12.03.2014 | 14:44 Uhr

Ich muss sagen, dass ich elcappis Kritik durchaus nachvollziehen kann. Es ist toll, wieviel Arbeit in die Artikel gesteckt wurde und der Ansatz ist natürlich löblich, aber ich habe auch den Eindruck dass hier eventuell ein wenig über das Ziel hinaus geschossen wurde ("Spaltenbergung ist ja gar nicht so kompliziert!"). Eventuell wäre in diesem Rahmen eine Basicanleitung sinnvoller, mit dem Hinweis, dass man sich das ganze am besten draußen mal zeigen lässt. Das mit den Steckpickeln war ja wirklich ein großes Thema in der bergundsteigen, die sog. hightech Dinger haben ihre ganz eigenen Tücken, die sich einem oft erst erschließen, wenn man sie mal mit Seilen verschiedener Stärke ausprobiert, und über die Sinnhaftigkeit des Mitführens eines Ablakovsets für die Spaltenbergung auf Skitour kann man wohl auch diskutieren.

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tobi 11.03.2014 | 17:09 Uhr

Hi Elcappi,

da Knut, der Verfasser der Serie derzeit (weit) verreist ist und nicht antworten kann, kann er auf deine Kritik nicht reagieren. Knut hat sich jedoch ganz sicher bemüht, den derzeit aktuellen, fundierten Wissensstand darzustellen. In die Diskussion von einzelnen Punkten will und kann ich daher nicht einsteigen. Kritik ist immer erwünscht und wir werden die dann demnächst auch hier zu diskutieren haben.
Danke einstweilen und sorry, wenn es dieses Mal länger dauert.

chat
elcappi 10.03.2014 | 19:56 Uhr

Es sollten dennoch keine sachlich falschen oder sogar gefährliche Handgriffe vermittelt werden! Auch hier möchte ich wiederum auf verschiedene Forschungsergebnisse beispielsweise zu Festigkeiten von Ankern im Schnee bei der Zeitschrift Berg und Steigen verweisen. http://www.bergundsteigen.at/file.php/archiv/2012/1/64-73 (haltekraefte von fixpunkten in firn und schnee).pdf

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Hiller 10.03.2014 | 09:53 Uhr

ich finde die artikelserie bisher toll.man braucht natürlich nicht alles, aber ich habe viel gelernt, das ich in der praxis wieder mal üben will

chat
elcappi 07.03.2014 | 17:10 Uhr

Liebes Powderguide Team,
als diese Reihe zur Spaltenbergung aufkam, dachte ich zunächst: Super Idee, da man solche Standardhandgriffe nicht regelmäßig genug wiederholen kann...
Als dann im zweiten Teil solche Dinge wie Doppelter Spierenstich genannt wurde, wurde mir so langsam etwas mulmig. Jetzt im dritten Teil muss ich leider sagen: Nehmt die Artikel raus und verweist auf Artikel, die das nötige wissen nach neuestem Wissensstand und vor allem ohne überflüssigen Ballast kompakt darstellen.
Was beispielsweise äußerst Fragwürdig ist: die Haltekraft von Rammpickel in festem Firn, eingeschlagene Haue im Eis! Dann ist die Ausgleichsverankerung mit Eisschrauben grundsätzlich eine gute Idee aber dann sollten auch die Winkel und Abstände stimmen! Eine Eissanduhr zu drehen, während ein Seilschaftsmitglied an mir dran hängt werde ich nur schaffen, wenn ich 250 KG und der/die Gestürzte 40KG wiegt!
Nach meiner Ausbildung wird der Anker immer vom 2. und niemals vom letzten aufgebaut. Dann finde ich es traurig, dass ihr mit diesen ganzen, unnötigen Hightec-Dingern, die auch noch sackschwer sind, arbeiten wollt, wenn doch zwei Prusiks reichen!
Ich möchte an dieser Stelle Werbung für die Zeitschrift Berg und Steigen machen, die sich zwar in erster Linie an Bergführer und Fachübungsleiter richtet, aber auch für Normalsterbliche Bergbegeisterte viele nützliche Tipps und vor allem den neuesten Wissensstand verbreitet. Hier wurde folgender Artikel abgedruckt:
http://www.bergundsteigen.at/file.php/archiv/2010/1/62-73 (schi und gletscher - eine empfehlung).pdf
Üben muss man den ganzen Klumpatsch dann trotzdem noch. Man kann das super im heimischen Wohnzimmer anfangen, dann auf die grüne Wiese und dann unter "Laborbedingungen" z.B. bei einem Gletscherkurs vertiefen...

chat
tobi 06.03.2014 | 18:30 Uhr

Sorry, es gab gerade ein temporäres Problem mit den Bildern. Die wurden, nach einer Einstellungsveränderung durch unseren Entwickler nicht mehr korrekt dargestellt. Es geht nun wieder. Tut uns leid, wenn jemand beim Artikel die Grafiken/Fotos nicht sehen konnte.

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