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Zur Skischaukel am Riedberger Horn

Kommentar von Stefan Neuhauser

13.11.2017

Lobbyisten der Tourismusbranche weichen den bayrischen Alpenplan auf. Ein klassischer Freeride- und Tourengipfel wird durch die Liftpläne stark eingeschränkt.

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Stefan Neuhauser
terrainRiedberger Horn

Lobbyisten der Tourismusbranche weichen den bayrischen Alpenplan auf. Ein klassischer Freeride- und Tourengipfel wird durch die Liftpläne stark eingeschränkt.

Der Alpenplan regelt seit über 40 Jahren die Erschließung des Bayerischen Alpenraums. Er ist ein landesplanerisches Instrument für die nachhaltige Entwicklung und Steuerung der Erholungsnutzung in den bayerischen Alpen. Unter anderem regelt er die Zulässigkeit von Verkehrserschließungen (z.B. Seilbahnen oder Pisten). In der strengsten Schutzkategorie, der Zone C (42 % des bayerischen Alpenraumes) sind neue Erschließungen wie Straßen, Liften oder Skipisten grundsätzlich unzulässig. 91% der Bayrischen Bevölkerung sind dafür, die Alpenkonvention so zu belassen wie sie ist.

Die CSU-Mehrheit hat nun die umstrittene Reform des Landesentwicklungsprogramms beschlossen und damit den Weg frei gemacht für eine Skischaukel am Riedberger Horn. Die Naturschutzverbände kritisieren die Entscheidung massiv: Dass der Freistaat nun für ein einzelnes Projekt einem Aufweichen des Alpenplans zustimmt, schaffe einen gefährlichen Präzedenzfall, so der Deutsche Alpenverein. Freerider mit Tourenambitionen und Tourengänger würden einen relativ lawinensicheren Playground für den Hochwinter verlieren.

Sanfter Tourismus oder ein alpines Wettrüsten wie in Österreich - darum geht es im Kern beim Streit ums Riedberger Horn. Ein Verbindungslift soll die Skigebiete Grasgehren und Riedberger Horn verbinden, dafür müsste allerdings die hochsensible Alpenschutzzone C bebaut werden, sowie ein amtliches Wildschutzgebiet mit einer Piste durchschnitten werden.

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Stefan Neuhauser
terrainRiedberger Horn

Das Riedbergerhorn – Treffpunkt für Tourengeher aus Nah und Fern

Für Skitourengänger, Freerider und Schneeschuhgänger ist das Riedberger Horn dank der Infrastruktur des Skigebietes Grasgehren ein leicht und ungefährlich zu erreichendes Gipfelziel für Jung und Alt. Oft findet man feine Schneebedingungen von Ende Oktober bis Mai in den verschiedenen Expositionen der Hänge des Riedberger Horns. An einem Wochenendtag hört man oft die verschiedenen Dialekte am Gipfel: Tirolerisch, Voralbergisch, Allgäuerisch, Schwäbisch, Münchnerisch, Schweizerisch, in Ausnahmefällen sogar Fremdsprachen wie Englisch, Französisch oder Hochdeutsch.

Somit ist das "Ride-Bürger-Horn" ein Gipfel, an dem sich viele Menschen aus unterschiedlichsten Schichten, Gründen und Regionen der Alpen und Europa im Winter treffen.

Die Skitrainingsgruppen des britischen Militärs, die deutschfranzösischen Jugendgruppen des DAV, die verschiedenen Allgäuer Bergschulen mit Skitouren- und Schneeschuhgängern, Bergfreunde aus Österreich, der Schweiz, des Schwarzwaldes und des Schwabenlandes kommen hierher, um den Gipfel zu besteigen und die alpenweit fast einzigartige Fernsicht von der Zugspitze über die Parseierspitze bis hin zum Säntis zu geniessen. Dazwischen findet man natürlich auch eine große Anzahl von Allgäulocals aus der Skitourengänger- und Freerideszene.

Der Grund für die Beliebtheit des Riedberger Horns ist die leichte Erreichbarkeit mit dem Auto und die relativ lawinensicheren, kurzen Aufstiegsmöglichkeiten über die beiden Grate vom Skigebiet Grasgehren aus. Je nach dem von wo man startet, muss man zwischen 45 Minuten und 2. 30 Stunden aufsteigen, um das Gipfelglück zu geniessen.

Die Hänge sind bis zu 39 Grad steil und bieten in allen Himmelsrichtungen für jedes Können unpräparierte Runs, wie etwa den steilen Osthang Richtung Bolgenalpe. Man muss schon ein etwas lawinenkundliches Wissen haben, um eine gute Entscheidung über die Befahrung nach einem Neuschneefall zu treffen. Wer das Restrisiko nicht eingehen will, der hat jedoch genügend Alternativen.

Auswirkungen der geplanten Skischaukel

Der neue Lift soll von zwei Seiten bis kurz unter den Gipfel hinauf gebaut werden. Die Gehzeit verkürzt sich so auf 10 Minuten. Damit ist es mit dem Gipfelglück leider vorbei. Die Südwestexposition der geplanten Abfahrt nach Balderschwang wird wohl in den Zeiten der Klimaveränderung meistens beschneit werden müssen. Die Meereshöhe dieser neuen Skipiste liegt zwischen 1700 und 1050 Metern. Die Abfahrt geht durch ein amtliches Wildschutzgebiet. Der Verbindungslift von Balderschwang nach Grasgehren läuft entlang eines Tourenaufstieges von Balderschwang, der auch eine beliebte Touren- und Freerideabfahrt darstellt.

Mit dem Verringern des Gipfelanstieges auf 10 Minuten durch die neuen Liftanlagen werden die verschiedenen Hänge des Riedbergerhorns nach einem halben Tag verspurt sein. Der Effekt, dass liftnahe Hänge im Allgäu oft in wenigen Stunden nach einem Neuschneefall zerpflügt sind, ist hinreichend bekannt. Die Frequentierung durch Variantenfahrer wird stark zunehmen. Viele dieser pistennahen Variantenfahrer können keine Karten lesen und werden die Schutzgebiete befahren, die von Freeridern und Tourengängern bisher gemieden wurden.

Die Frage ist, ob sich Balderschwang als Wintersportgemeinde einen Gefallen damit tut, durch den Verbindungslift noch mehr Tagesgäste ins Tal zu holen. Die durchschnittliche Verweildauer der Wintergäste ist im Allgäu anscheinend schon auf 3-4 Tage gesunken. Die längerbleibenden Urlauber sind auf der Suche nach relativer Ruhe und Natur. Diese winterliche Ruhe und Natur wird durch einen weiteren Zugang mittels der Skischaukel ins Tal noch schwieriger aufrecht zu halten sein. Die vielen Tagesgäste, die jetzt wochenends das Tal überfluten, machen Balderschwang zu einem Kurzurlauberziel höchsten Ranges.

Die Riedbergpasstrasse würde eine einfache Möglichkeit darstellen, Skifahrer, die unter Tags einen Gebietswechsel von Grasgehren vornehmen wollen, mit einem regelmässigen Shuttlebus nach Balderschwang zu bringen und wieder zurück. Dieser höchste Pass Deutschlands existiert seit 1962. Mit einem regelmässigen Busshuttle wäre die Schutzzone C und das amtliche Wildschutzgebiet nicht betroffen. Auch müsste man diese nicht beschneien, wie die neue südwestseitige Piste.

Unterschätzen sollten die Entscheider nicht, dass sich viele brave, bergsteigende Bürger in Bayern nun „veräppelt“ vorkommen. Die Bergsteiger, Touren- und Schneeschuhgänger sowie die Freerider haben sich jahrelang an die verschiedenen Schutzgebiete gehalten. Nun wachen sie mit der Erkenntnis auf, dass die Einschränkungen für den einzelnen Bürger gelten, aber nicht für Lobbyisten der Tourismusbranche und ihre Spezis der bayrischen Traditionspartei.

Um die Natur nicht überzustrapazieren hat wohl bisher jeder gerne die Einschränkungen in Kauf genommen. Die bayrische Landtagswahl steht vor der Türe und die Enttäuschung vieler naturbegeisterter Menschen in Bayern über diese Entscheidung ist im Moment mehr als präsent.

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Stefan Neuhauser

Der lange Arm der Tourismuslobby

Eigentlich ist es eine Farce, Skigebiete zu bauen und dann die angrenzenden Hänge für Variantenfahrer aus Naturschutzgründen zu sperren. Oft wird versucht, mit fadenscheinigen, nicht haltbaren Gründen diejenigen Skifahrer, die keine Lobby haben (Tourengänger und Freerider), einzuschränken. So wie es beinahe auf der Nordseite des Bolgen im Skigebiet Grasgehren geschehen wäre:

Der Wildbiologe Zeitler wollte mit einer rein subjektiven Meinung den kompletten Nordhang des Bolgen sperren lassen, mit dem Argument es würden sich Schneehühner im Hochwinter in diesem Bereich aufhalten. Martin Engler (bekannt durch die Snowcard) konnte damals nachweisen, dass die Schneehühner im Hochwinter gar nicht in diesen schattigen Hangbereichen sind, sondern auf der Sonnenseite des Bolgens. Somit konnte wenigstens bis zum 31.3. jeden Jahres der Kompromiss durchgesetzt werden, dass ein Teil der Bolgennordseite befahren werden darf.

Anzumerken ist dazu, dass auf der Sonnenseite des Bolgen ein Teil des Skigebietes Grasgehren mit verläuft. Bei wirklich rationaler Argumentation ist das der eigentliche Grund, warum die Schneehühner Einschränkungen und Störungen hinzunehmen haben.

Der Bau eines Skigebietes hat unbestreitbar wesentlich tiefgreifendere Folgen auf die Natur, wie Tourengänger und Variantenfahrer. Ist der Spuk des weißen Rausches vorbei, befindet sich kein Mensch mehr dort. Die Auswirkungen der Variantenskifahrer stehen in keinem Verhältnis zu denen, die Alpwirtschaft, Forst und Alpwege, Erdbewegungen für Trassen und Pisten, Liftanlagen, Speicherseen und andere Bauten und Baumassnahmen der Liftbetreiber an den Berghängen anrichten. Diese beeinträchtigen die Natur auch im Sommer und haben Auswirkungen über Jahrzehnte.

Was bisher noch niemand in die Waagschale geworfen hat, ist, dass beim Bau von Skigebieten, Ausgleichsflächen (weitere Schutzgebiete) ausgewiesen werden. Tourengänger und Freerider dürfen diese nicht betreten oder befahren. Davon ist dann auch das zartere Pflänzchen der Tourismusbranche, der sogenannte sanfte Tourismus, betroffen, also beispielsweise Bergschulen und Wander- und Mountainbikeveranstalter, die ohne künstliche Aufstiegshilfen im Gebirge unterwegs sind.

"Verkauft die Heimat an die Tourismusindustrie, die Jagdpächter und sonstigen Freunde der bayerischen Partei und lasst euch im Gegenzug, den freien Zutritt zur Natur beschneiden", dieses Motto unterstelle ich inzwischen unserem bayerischen Heimatminister!

Weitere Informationen: 

Statement des Landesbund für Vogelschutz.

Überblick zum Projekt vom DAV

BR Bericht

Über den Autor

Stefan Neuhauser ist Bergführer und Photograph. In Grasgehren und am Riedberger Horn hat er schon früh die Liebe zum winterlichen Gebirge entdeckt.

„Meine Eltern hatten von 1972 bis 2003 eine Alpe in Balderschwang im Winter gepachtet. Man muss eine Stunde mit Ski aufsteigen um diese im Winter zu erreichen. Ich habe dort mit 8 Jahren das Skitourengehen gelernt und bin als 12 Jähriger alleine mit meinem Bruder an den Wochenenden und in den Ferien regelmässig auf Skitour gegangen. Wir haben dabei viel intuitiv über das winterliche Gebirge gelernt. Als 16 Jähriger bin ich oft des nachts mit Stirnlame im Schneetreiben aufgestiegen um dort oben zu Übernachten. Am nächsten Morgen genoss ich dann den "Morning-Run" über die frisch verschneiten Hänge direkt ins Dorf, wo ich unter tags in der Skischule arbeitete . In der Zeit von 1972 bis 1985 war Balderschwang im Winter ein bisschen wie meine zweite Heimat. Deswegen liegt mir besonders am Herzen, dass keine leichtfertige Entscheidung über die Erweiterung des Skigebietes in Grasgehren am Riedberger Horn gefälllt wird.“

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Kommentare
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tobi 20.11.2017 | 22:23 Uhr

naja, ich denke, man darf Stefan schon Ehrlichkeit und keine vorgeschobene Lobbyarbeit für die Tourengeher des Riedberger Horns unterstellen. Und das Aufweichen bzw. Aushebeln des Alpenplans ist, soweit das heute ersichtlich ist, schon ein schwerer Eingriff und hat das Zeug zum Präzendenzfall. Und das man in Zeiten rasanten Klimawandels ein klimatisch-topografisch derart problematisches Gelände zusätzlich erschließt, entbehrt nicht einer gewissen Dialektik bzw. Kamikazelogik.

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Paale 14.11.2017 | 12:27 Uhr

Am Riebergerhorn findet Liftnutzung, Ski- und Schneeschuhtouren, in nächster Nähe zu Schutzgebieten statt. Die Outdoorsportler sind erstaunlicherweise sehr konsequent in der Befahrung und Nutzung der erlaubten Korridore, obwohl das bei feinem Schnee viel Selbstdiszipin erfordert! Der Schutzwert von Schnee- und Birkhuhn, sowie des Wildes wird steht ausser Zweifel so wie sich im Gelände verhalten wird. Schade nur dass am Bolgen aus welchem Grund auch immer von Experten behauptet wurde, die Wildhühner würden im Hochwinter in den schattseitigen Pulverhängen verweilen, obwohl dies nachweislich nicht der Fall ist. Wenn nicht alle Beteiligten versuchen ehrliche Gutachten ins Spiel zu bringen, dann ist das Diskussionsklima vergiftet. Ich kann auch die Angst der Balderschwanger verstehen, dass sie abgehängt werden könnten. Die Frage ist, ob es nicht andere Lösungen gibt um die Skigebiete zu verbinden, die umweltverträglicher und zukunftsorientierter sind. Wenn ich diese Region Hörnerdörfer mit den kleinen Gebieten der Südalpen in Frankreich und Piemont vergleiche, die durch enorme Subventionen am Leben erhalten werden, dann sind die Hörnerdörfer weit davon entfernt abgehängt zu werden. Im Piemont sterben ganze Skigebiete z.B. Crissolo oder Pragelato bzw. laufen nur noch am Wochenende Weihnachten und Fasching. Selbst in der Schweiz, zB. bei Andermatt wurden Lifte geschlossen, weil sie sich nicht rentieren. Genauso sind die Gebiete in den Seitentälern um Davos nicht mehr rentabel und werden nur mit grossen Unkosten aufrechterhalten z.B. die Pischabahn. Davon sind diese Skigebiete im Allgäu weit entfernt.

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knut 13.11.2017 | 19:27 Uhr

Und ich dachte bis jetzt, dass die Aufweichung des Alpenplanes ein Problem aus Naturschutzgründen ist. Dass damit eines der wenigen Bollwekre fällt, die felsenfest standen, eine Grenze verschoben wird, die jahrzehntelang unangetastet geblieben ist.

Da irrte ich aber gewaltig! Das Problem ist also, das Skitourengehern und Variantenfahrern ein Gipfel streitig gemacht wird. Danke für diese Aufklärung, da wäre ich nie allein drauf gekommen.

Aber irgendwie konnte das Empören ja nicht naturschutzpraktischer Natur sein, denn der Schutzwert dieses hochfrequentierten Naherholungsgebietes ist ja doch relativ gering.

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fritzgerald 13.11.2017 | 13:25 Uhr

Um mit Trumps worten zu sprechen: "So sad!"

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