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Zuerst, derweil und zuletzt im Corona-Hausarrest

Tutto andra bene en Trieste

17.03.2020

Sebastian macht seit dieser Saison bei PowderGuide die Videos der Woche. Er lebt in Triest und darf dort seit über einer Woche die Wohnung nur zum Einkaufen verlassen, oder für vorsichtigen Sport in der nahen Umgebung, allein. Eine Situation, die für viele von uns nun anfängt, kennt er also schon länger. Wie ist das so? Hier seine ersten Eindrücke und Ausblicke.

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Sebastian Müller

Sebastian macht seit dieser Saison bei PowderGuide die Videos der Woche. Er lebt in Triest und darf dort seit über einer Woche die Wohnung nur zum Einkaufen verlassen, oder für vorsichtigen Sport in der nahen Umgebung, allein. Eine Situation, die für viele von uns nun anfängt, kennt er also schon länger. Wie ist das so? Hier seine ersten Eindrücke und Ausblicke.

Zuerst

fühlt man sich sonderbar leicht und weiß nicht wohin damit. Man fühlt weder die Schwere und Tragweite, noch die Größe der Möglichkeiten eines Hausarrests. Dann beginnt man zu hampern, hier und da hampert man so das und so was, manches Unnötiges und manches, das man schon unlängst hätte erledigen sollen. Das fühlt sich gut an, aber man gelangt dann an einen Punkt, an dem alles Häusliche getan ist. Dann, bei all der Zeit, warum liest man nicht Bücher, warum lernt man nicht Gitarre? Man ist vollkommen überfordert von all der Zeit! Man flüchtet sich in seine besten Qualitäten. Kochen, essen, einschenken, ausschenken - nur an den besten, einzigen Freund, der heimlich noch vorbeikommt! Trinken, viva! Auflegen, die alten Platten. Kurzum, Konsum.

Dann schwenkt aber manchmal die Perspektive und man sieht die Vögel vom Küchenfenster im Morgengrauen wie nie zuvor, und studiert ihr Sozialverhalten. Tatsächlich sieht man das im hohen Norden, wie im mediterranen Süden: Möwen und Tauben sind früh wach und schwadronieren die Straßen auf und ab, positionieren und gruppieren sich strategisch.

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Sebastian Müller
Derweil

fängt draussen an die Musik zu spielen und Leute blicken verwirrt von ihren Balkonen. Drinnen schreien die Kinder, draussen bellen doch noch Hunde. Das Drinnen und das Draussen. Wenn man dann einmal am Tag in dieses Draussen kommt, einkaufen geht. Es passiert dann, dass man um Ecken weitergeht, ohne Ziel, an Orten stehenbleibt und verweilt, eine Mauer hochblickt und Blumen sieht. Oder wenn man allein einer sportlichen Aktivität nachgeht. Im Draussen ist alles Sozialverhalten auf den Kopf gestellt. Man grüßt oder winkt oder nickt peinlich berührt aber herzlich zu allen Leuten, im vorgeschriebenen Sicherheitsabstand. Man bewegt sich um die Menschen herum wie magnetische Antipole. Tatsächlich hat sich auf einmal nicht nur die weite Welt Draussen, sondern auch die engere Welt Drinnen vollkommen verändert. Schließlich - was erahnt man da nicht in allem Inneren für große Veränderungen und Menschlichkeit.

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Sebastian Müller
Zuletzt

ist das alles vorbei. Früher als man dachte wacht man auf. Als wäre man zu spät ins Bett und bei brennendem Lichte eingeschlafen. Nicht müde und nicht fit wird man in das Post-Corona Leben starten, zurück in das wirkliche soziale und Arbeitsleben. Aber man wird das Leben mit anderen Augen sehen. Man wird fast mit nervöser Aufgeregtheit seinen Kollegen begegnen. Wie sehr man sie zu schätzen gelernt hat! Dann stellen sich Schadensaufarbeitung und neue Herausforderungen, und mit einer ungekannten Demut wird man ihnen begegnen. Man kann sich auf all die neuen Perspektiven aller dieser Menschen auf dieser Erde freuen.

 

In Österreich und der Schweiz gibt es seit dem Wochenende de-facto Ausgangssperren oder "Ausgangsbeschränkungen", ähnlich wie in Italien. In vielen anderen Europäischen Ländern auch. In Deutschland noch nicht, aber es wäre fast sonderbar, würde das so bleiben. Fast alle Mitglieder des PG Kernteams sind nun zuhause, auf offizielle Anordnung mit dem ganzen restlichen Land, oder in halb-freiwilliger häuslicher Isolation wegen Besuchen in sogennanten benachbarten "Krisenregionen", die sich kaum voneinander abgrenzen lassen. Vielen Lesern wird es ähnlich gehen. Wir wünschen euch alles Gute und ein ruhiges Überstehen des Zuerst und Derweil. Irgendwann kommt das Zuletzt und dann treffen wir uns alle, hoffentlich nur ein bisschen verkatert, beim Skifahren. 

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