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Schnee von morgen | Warum Skifahren politisch ist

Skifahren ist Politik. Oder?

02.12.2019

„Skiing is politics - we cannot escape the world we live in“: so titelte das amerikanische Powder Magazine 2017. Und auch wir machen das im Jahr 2019. Skifahren ist Politik. Oder doch nicht? Unsere Autorin Lisa hat sich auf Spurensuche begeben.

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Lisa Amenda

„Skiing is politics - we cannot escape the world we live in“: so titelte das amerikanische Powder Magazine 2017. Und auch wir machen das im Jahr 2019. Skifahren ist Politik. Oder doch nicht? Unsere Autorin Lisa hat sich auf Spurensuche begeben.

Eigentlich sollte das hier ein Beitrag über nachhaltige Daune werden. Und eigentlich mag ich keine Texte, die mit „eigentlich“ anfangen. Klingt nach Drückeberger. Das soll es aber gar nicht mal sein. Denn als ich am Freitagmittag auf der Fridays for Future-Demo auf dem Münchner Königsplatz stand, immer noch ohne Aufhänger für meinen nächsten Text für diese Kolumne, fragte ich mich, warum es denn schon wieder um Equipment gehen sollte. Habe ich doch die letzten beiden Male über PFC und Umweltsiegel geschrieben. Skifahren ist doch nicht nur Ausrüstung und Bekleidung. Deswegen machen wir das doch gar nicht. Wir machen das, ganz platt gesagt, um eine schöne Zeit in den Bergen zu haben. Dem Alltag entfliehen. Den Kopf frei bekommen. Am besten in unberührter Natur, so zumindest die Idealvorstellung, und vor allem mit ganz, ganz viel Schnee.

Doch angesichts der aktuellen Klimadebatten scheint genau dieser in Gefahr zu sein. Der Klimawandel ist nur schwer zu stoppen und wir werden eventuell das Nachsehen haben bzw. uns zumindest ein bisschen umstellen müssen. Doch weil man Angst um die künftigen Schneemengen hat, soll Skifahren gleich politisch sein? Bitte nicht, denke ich mir zuerst. Denn ich bin gut im Ausblenden. Ignorieren. Mich in Skifilmen und Powderabfahrten verkriechen. Im Die-schönen-Dinge-des-Sports-sehen. Deswegen gleich Petitionen aufsetzen, Emails an Politiker schreiben oder Demos organisieren? Da sehe ich mich nicht unbedingt.

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Fridays for Future Deutschland

Bis dann neue Lifte geplant werden, wo einfach keine Lifte hingehören – nicht in den 30 Jahren, die ich jetzt Ski fahre und auch in Zukunft nicht. Bis es im Sommerurlaub an meinem Lieblingsstrand winzig kleine Plastikteilchen anschwemmt. Bis die Gletscher schmelzen, auf denen ich früher noch im Sommer trainiert habe. Dann werde auch ich politisch aktiv. Und irgendwie ist es doch auch ganz einfach. Sich engagieren, bei NGOs mitarbeiten und auf Demos und Klimastreiks gehen ist das eine, wählen ist das andere. Und nicht nur bei den Bundes- oder Landtagswahlen. Mit einem Kreuz. Sondern im täglichen Leben. Mit unserem Geld.

Schließlich ist alles was wir tun, egal ob Skifahrer oder nicht, politisch und sendet ein Statement. Welches Auto wir fahren, welche Ausrüstung wir tragen und wo wir sie kaufen, wo wir arbeiten und vor allem wohin wir in den Urlaub fahren. Wir können das Skigebiet wählen, das riesige Ausbaupläne hegt und dabei der Natur den Stinkfinger zeigt oder in Gebiete fahren, die sich um Klimaneutralität und Umweltverträglichkeit bemühen. Wir können unsere Bekleidung bei Herstellern kaufen, die nach dem Prinzip „fast fashion“ arbeiten oder aber in Unternehmen investieren, die fair und umweltfreundlich produzieren und sich vielleicht sogar noch in NGOs engagieren. Denn, in den Worten der Bundeszentrale für politische Bildung: Politik bezeichnet jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen.“

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Lisa Amenda

Natürlich ist es schwierig, wenn wir es jedesmal auf die individuelle Ebene herunterbrechen. Wenn sich anscheinend nur der gemeine Wintersportler einschränken muss, die Politik und die Industrie nichts unternehmen und einfach so weitermachen. Ziemlich schnell ruft das die Trotzreaktion „Wieso soll ich mich einschränken, wenn es andere nicht tun“ hervor. Verständlich. Und schließlich wollen wir doch mit dem Skifahren eben diesen Dingen entfliehen. Einfach nur unsere Gedanken daran verschwenden, wo wir den nächsten Powderturn setzen. Auch mir geht das so. Bis dann eben auch ich zur Betroffenen werde. Dann schränke ich mich nicht mehr freiwillig in meinen Handlungen ein, sondern werde zur Reagierenden. Und jedes Mal denke ich mir dann: „Vielleicht hätte ich es noch verhindern können.“ Vielleicht sollten wir der skifahrerischen Politikverdrossenheit früh genug entgegen wirken. Zu Agierenden statt Reagierenden mutieren – nicht nur in der Entscheidung um den nächsten Turn. Sondern auch in der Entscheidung, wo wir unser Kreuz bei der nächsten Wahl setzen und welche Stimme wir unserem Geld in der Wintersportindustrie geben.

PS: Den Beitrag zu fairer Daune wird es natürlich trotzdem noch geben.

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