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Neue Technik, neue Ziele

Die Anfänge des Steilwandfahrens

09.02.2016

PG Autor Bernhard Scholz arbeitet (unter anderem) an einem Buch über das Steilwandskifahren. Er hat so viele Interviews geführt, in so vielen Archiven gewühlt und so viel Material zusammen getragen, dass genug übrig bleibt, um einiges auch online aufzubereiten. Auf seinem Blog Skialpinist findet sich Historisches, sowie Überlegungen zu Begrifflichkeiten und Definitionen. Nach und nach kommt mehr dazu, es lohnt sich immer mal wieder vorbei zu schauen. Für uns hat er einen Überblick über die Anfänge des Steilwandfahrens zusammengestellt:

Erste Abfahrten

Mitte der 20 Jahre sah man erste Abfahrten im MontBlanc Gebiet. 1930 gelang A. Colossa und H. Muller die Befahrung der Nordwestflanke des Mont Blanc de Tacul. 1933 fuhr Colossa mit dem Fotografen Guido Tonella den Col de Grande Jorasse ab. Und in den Ostalpen wagten sich Alpinisten ab 1931 erste äußerst steile Abfahrten hinab. Wer genau es war, der die dabei erwähnte Zuckerhütl Nordwand fuhr, ist jedoch leider nicht mehr bekannt.

Für diese Befahrungen war die Weiterentwicklung der Skitechnik, vom Stemmschwung (zu dem sich Zdarskys Technik inzwischen weiterentwickelt hatte) hin zum Parallelschwung durch Anton Seelos aus Seefeld in Tirol, verantwortlich. Diese Technik erlaubte mit besserem Skimaterial immer gewagtere Hänge. Seelos neue Technik brachte ihm vier Skiweltmeister Titel ein und zudem feierte er als Trainer mit der Österreichischen und der Französischen Skimannschaft zahlreiche Erfolge.

Eine Unternehmung von Matthias Krinner und Hermann Lanzl direkt von der Westlichen Karwendelspitze hinunter durch die Wanne beweist darüber hinaus auch die alpintechnischen Fertigkeiten der Skifahrer jener Zeit.

Der Zeitpunkt, ab dem Steilwandskifahren belegbar seinen Anfang findet, dürfte 1935 gewesen sein.

 

Peter Schintelmeister und Fritz Kügler schafften erst die Nordflanken der Hochtennspitze. Wenige Tage später fuhren die beiden am 10.6.1935, gemeinsam mit Erwin Schlager, den Fuscherkarkopf in der Glocknergruppe mit Skiern hinab. Beide Hänge sind schon in der Besteigung nicht zu unterschätzende Touren. Insbesondere der Fuscherkarkopf zählt noch heute zu den klassischen Eistouren in den Ostalpen. Also zu den Touren, bei denen Steigeisen und Eispickel oder Eisgeräte notwendig sind und die Besteigung häufig mit Seilsicherung erfolgt. Mit Skiern muss dies 1935 als völlig unmögliche Unternehmung gegolten haben.

In einem Artikel in „Der Bergsteiger" vom April 1937, den Peter Schintelmeister veröffentlichte, spekulierten er und seine Alpinistenkameraden über die Möglichkeiten andere Wände und Rinnen mit ähnlicher Steilheit zu fahren. Sie erwähnten dabei sogar die Pallavicini Rinne am Großglockner – 30 Jahre vor der Erstbefahrung. Schintelmeister fuhr darüber hinaus angeblich noch mehrfach die Nordwand des Eiskögele im Glocknergebiet.

Ski galten in den 1930er Jahren noch als reines Sportgerät – Touristen fuhren damit flache Hänge hinunter. Ski als alpinistisches Werkzeug konnten sich nur die allerwenigsten vorstellen.

Schintelmeisters Bericht in "Der Bergsteiger":

 

 

 

Ebenso vor ihrer Zeit wirken daher die Abfahrten von Émil Allais im Winter von 1940/41. Er war der Gewinner der Skiweltmeisterschaft in Chamonix 1937 und in Engelberg 1938. Als Schüler von Seelos etablierte er das „Französische Skifahren" neben seiner Skilehrertätigkeit unter anderem durch das Buch „Ski Francais". Als erfolgreicher Skirennläufer und Vater des Skisports in Frankreich stieg er 1940 gemeinsam mit seinem Skilehrerkollegen und Bergführer Etienne Livacic auf den Dom de Gouter im Mont Blanc Massiv. Ihr Ziel war die Nordflanke, über lange Strecken gut und gerne 40° steil. Gemeinsam mit dem Bergsteiger André Tournier gelang es ihnen auf dem Gletscher die Aiguille d'Argentière hinunter eine Abfahrtsspur in den Schnee zu zeichnen. Darüber hinaus wurde auch die Aiguille des Dru Westseite bereits in den 40er Jahren befahren.

Der zweite Weltkrieg unterbrach die alpinistischen Taten – oder verdrängte sie zumindest nachhaltig aus den Medien. Es dauerte anschließend noch ein paar Jahre, bis wieder etwas Bemerkenswertes passierte: Der Mont Blanc wurde im Frühjahr 1953 vom berühmten Alpinisten Lionel Terray und dem Amerikaner Bill Dunaway erstmals mit Ski befahren. Die Abfahrt gelang anlässlich des Filmdrehs für „Étoiles du Mont Blanc". Im ersten Anlauf mussten die beiden einen Schneesturm in der Vallot Schutzhütte abwarten und dann brach sich Terray auch noch einen Wirbel als er einen 20 Meter hohen Eisbruch hinunter stürzte. Doch der Erstbesteiger der Annapurna (8091 Meter) war aus hartem Holz geschnitzt, nur wenige Tage später steigen die beiden wieder auf den weißen Monarchen und die Abfahrt gelingt.

Neben all diesen Abfahrten, die eine gewisse Beachtung gefunden haben, ist bekannt, dass eine Reihe wagemutiger Skialpinisten weitere Hänge mit Ski zeichneten. Allerdings wurden viele von ihnen nicht über die Grenzen ihres lokalen Aktionsradius hinaus bekannt. Insbesondere in den Ostalpen entwickelte sich eine regelrechte Steilwandskitradition und überall wo Schnee lag, wurde Ski gefahren. Zwar wissen die Menschen vor Ort häufig noch wo bereits kühne Schneespuren hinterlassen wurden, aber meist wurde nichts aufgeschrieben und lebt lediglich im Hörensagen weiter. Emil Allais und Peter Schintelmeister sind eine Ausnahme. Sie brachten ihre steilen Abfahrten in den Medien unter und haben sich ihren Platz in der Skigeschichte damit gesichert.

 

 

 

 

 

 

 

 

Siehe skialpinist.com für einige Übersichtsfotos und weitere Links.

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