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Historisches Lawinenunglück Mitterberg

Gedenken an das Unglück von 1916

23.02.2016

Am 19. Februar 1916 ereignete sich am Mitterbergsattel zwischen der Mandlwand (Hochkönig, Salzburg) und dem Hochkeil das bis dato größte Lawinenunglück der Ostalpen mit über 200 Verschütteten und 58 Toten. Gerd Frühwirth hat zum hundertsten Jahrestag einige interessante Aufzeichnungen von Zeitzeugen zusammen getragen.

Ludwig Henker, der damalige Bergbaubetriebsleiter, hielt in einer Niederschrift fest:

Junge kräftige Burschen, welche dazu auserkoren waren, als Schiläufer in dem Kampfe gegen unsere zahlreichen Gegner eingereiht zu werden, wurden das Opfer eines Elementarereignisses, wie es an Größe und Umfang seit Menschengedenken in Salzburg nicht vorgekommen ist. Ohne fremdes Verschulden wurden Sie Opfer eines, eines schrecklichen Todes im Dienste des Vaterlandes. Ehre ihrem Angedenken!

Zu dieser Zeit waren im damaligen Mitterberger Gasthof (später Arthurhaus) und den umliegenden Hütten und Wohngebäuden der Mitterberger Kupfer AG insgesamt 315 Soldaten der k.u.k. II. Skikompanie, Wien, einquartiert, um Übungen im alpinen Gelände und die Schiausbildung zu absolvieren. Insgesamt wurden 245 Soldaten verschüttet. Ohne fremde Hilfe konnten sich davon 79 befreien, 109 wurden lebend ausgegraben, davon 72 Mann in schwer verletztem Zustand. Für 58 Soldaten kam leider jede Hilfe zu spät. Sie konnten nur mehr tot geborgen werden und wurden in einem Massengrab auf dem Friedhof in Bischofshofen bestattet.

Die Schnee- und Lawinensituation, die zur Katastrophe geführt hat, beschreibt Ludwig Henker in seinem Bericht wie folgt:

Am 16. Feber 1916 setzte nach den Feststellungen der hydrographischen Beobachtungsstation am Mitterberg heftiges Schneetreiben ein, welches fast ununterbrochen bis knapp vor der Unfallsstunde fortsetzte. Die anfänglich niedere Temperatur stieg während der Schneefälle, Sturm und Regen waren die abwechselnden Begleiter und das Barometer registrierte einen bedeutenden Sturz. Die Dächer der Werks- und Wohn- sowie der Landwirtschaftgebäude krachten unter dem Schneedruck, sodass die Betriebsleitung am Morgen des 19. Feber sich entschloss, das Nachmittagsdrittel des Grubenbetriebes aufzulassen und die Mannschaft, ca. 180 Mann, zu den dringendsten Schneearbeiten zu verwenden. 270 Schneeschaufeln wurden während des Vormittags nach Mitterberg dirigiert. Die Niederschlagshöhe der letzten Schneefälle erreichte auf dem Barbarahorizont (1335 m SH) 2.85 m und stieg schätzungsweise pro 100 m Höhenunterschied um 15 cm, sodass beim Gasthof Mitterberg (1517 m SH) eine solche von 3.12 m und am Hochkeil, bzw. den gegenüber liegenden Mandlwänden (rund 2000 m) die Schneehöhe bereits auf 3.80 m gestiegen sein dürfte.

Erinnerungen eines Zeugen

Vorzimmerer Jakob Egger, welcher mit russischen Kriegsgefangenen zu Mittag den Auftrag erhielt, die Schneeschöpfarbeiten beim Gasthof Mitterberg, bzw. den umliegenden Alphütten durchzuführen, erinnert sich als Augenzeuge der ersten Lawine an Folgendes:

In Durchführung des erhaltenen Auftrages begab ich mich mit 10 russischen kriegsgefangenen Arbeitern zum Gasthof Mitterberg, um die stark belasteten Dächer der Gebäude abzuschöpfen. Das Wetter hatte sich gelichtet, es war um die Mittagsstunde klar, weitsichtig und warm geworden, der Sturm hatte sich gelegt. Nachmittags um 1 Uhr begannen wir mit der Arbeit. Die Russen hatten sich so verteilt, dass ich ihre Arbeitsleistung im Auge behalten konnte. Nach etwa ¾- stündiger Arbeit sah ich zufällig gegen den Kälberriedel und erinnerte mich des Lawinensturzes 1896 und an die Lawinenverbauung, an der ich selbst mitgearbeitet hatte. Links, unmittelbar neben der Kirchsteinhütte sah ich einen Zug Soldaten, während vor dem Hause eine Menge Skier senkrecht in die Schneefläche eingerammt waren.
Plötzlich sah ich deutlich oberhalb der Lawinenmauer Schneewolken aufsteigen, alle Fernsicht verschwand und ich verspürte einen mäßigen Luftdruck, ohne ein besonders heftiges Geräusch zu hören. Nach einigen Sekunden aber kam plötzlich ein gewaltiger Luftstoß, der mich in die stehende Schneewand einklemmte, ich hörte noch ein furchtbares Schreien und Krachen im Gebälke und dann lautlose Stille. Etwa eine Minute später war noch ein neuerlicher, aber weniger starker Luftdruck wahrnehmbar. Nach Erzählungen der Russen seien dieselben zum Teil über das Dach hinweggefegt worden, einer will etwa 10 Meter weit geschleudert worden sein. Die Lawine war knapp vor der Kirchsteinhütte und etwa einen Meter vor der Gasthoftüre zur Ruhe gekommen, die Höhe des Lawinenflusses erreichte nahezu die Höhe des ersten Stockes.

Nach Aussagen einiger Soldaten sah man nach der ersten Lawine noch mehrere, sich aus der Schneemenge herausarbeitende Menschen, die nach dem zweiten Luftdruck unter den nachstürzenden Schneemassen begraben wurden. Es folgte unmittelbar darauf zumindest noch eine weitere Lawine.

Rettungsarbeiten

Peter Radacher sen. beschreibt in seiner Chronik nach einer Überlieferung von seiner Großmutter die Berge- und Rettungsarbeiten wie folgt:

Ca 2.45 Uhr nachmittags wurde die erste Nachricht eines Lawinenabsturzes am Mitterberg in Mühlbach bekannt. Etwa 3 Uhr nachmittags wurde die Bergbaubetriebsleitung durch Herrn Oberleutnant Loos telephonisch ersucht, Hilfsmannschaften nebst erforderlichen Werkzeugen etc. zur Verfügung zu stellen. Zufälligerweise hatte die Bergbaubetriebsleitung der MKAG das zweite Drittel des Mitterberger Bergbaues (1 Uhr nachmittags) von der Einfahrt zurück gehalten und ca 250 Schneeschaufeln nach Mitterberg dirigiert.
Die Mannschaft des zweiten Drittels, sowie das eben eingelangte Werkzeug wurden sofort zur Verfügung gestellt, desgleichen auch die im Werke vorhandenen Rettungsapparate und ein Sauerstoff-Wiederbelebungsapparat („Pulmotor") zu den militärischen Ubikationen gesandt. Der zur Zeit des telephonischen Anrufes durch den Leiter der Skiabteilung tagende Rapport der Betriebsbeamten des Mitterberger Bergbaues in der Markscheiderei Mühlbach wurde sofort abgebrochen und es begaben sich sämtliche Beamte, unter Führung ihres Bergbaubetriebsleiters nach Mitterberg. Inzwischen wurde noch verfügt, dass auch das dritte Drittel des Grubenbetriebes einzustellen ist, dessen Mannschaft um 10 Uhr nachts am Unfallorte, unter Führung ihrer Steiger, einzutreffen haben.

Nach unserer Ankunft wurde festgestellt, dass die sogenannte Schweizerhütte, nördlich des Gasthofes Mitterberg, welche als Ubikation für einen Teil der Skikompanie belegt worden war, zu zwei Drittel vollkommen zertrümmert und unter ungeheuren Schneemassen begraben war. Die ungefähre Größe der Schneeablagerungen erreichte eine schätzungsweise Länge von 1500 m, eine Breite von 500 m und eine Stauungshöhe in der Nähe der Ubikation von 8 - 12 m. Des unsichtigen Wetters wegen, starkem Schneefall, Regenwetter und Sturm, war es bei unserem Eintreffen nicht möglich, die Sachlage eingehender zu prüfen.

Es musste jedoch konstatiert werden, dass eine weitere Lawinengefahr ständig vorhanden, die von Seiten des Militärs und der inzwischen eingetroffenen Werksarbeiter sofort nach dem Unfall eingeleiteten Rettungs- und Bergungsarbeiten mit Rücksicht auf weitere Gefahr vollständig unzulänglich waren. Die Bergbaubetriebsleitung entschloss sich sodann dem Herrn Oberleutnant Loos den Vorschlag zu unterbreiten, die teils sehr erschrockene und daher nahezu arbeitsunfähige Mannschaft zurückzuziehen und die Leitung und Durchführung der erforderlichen Arbeiten uns zu überlassen. Dieselben wurden rein bergmännisch (Einschnitte, Stollen- und Quergänge, Luftlöcher-Aussparung, Zimmerung etc.) durchgeführt.

Innerhalb der ersten 10 Stunden nach Eintritt der Katastrophe wurden 109 zum Teil auch schwer Verletzte, aber Lebende gerettet. Nach 12 Uhr nachts konnte die Verantwortung für die Sicherheit der Bergungsmannschaft in Bezug auf die bisher geübte Art eines Massenangriffes nicht weiter übernommen werden, da neuerliche Lawinen bis auf etwa 20 Meter Entfernung abgestürzt waren. Wir organisierten sodann eine gruppenweise Einteilung der Mannschaften von je vier Mann und einen Aufseher mit stündlicher Ablösung, lautloser Arbeit auf Aufstellung von Avisoposten.

Am 20.Feber, ½ 8 Uhr früh wurde, nachdem es nicht mehr anzunehmen war, noch Lebende bergen zu könne, mit Rücksicht auf die eigene Gefahr der Mannschaft, die Hilfsaktion abgebrochen.
Es war gelungen im Ganzen 188 Lebende (davon 70 vor Ankunft unserer Mannschaft) sowie 40 Tote zu bergen. Die Lebenden, zum Teil leicht und schwer Verletzten, wurden in den Mannschaftsräumen des Josefi-Unterbauberghauses (heute Hochkeilhaus) untergebracht, dortselbst gelabt und gepflegt, die Toten kamen in die Wagenremise beim Josefi-Unterbaustollen."

Bereits vor diesem Ereignis im Jahr 1916 wurden am Mitterberg Schutzbauten gegen Lawinen errichtet, aber leider erwiesen sich diese Maßnahmen als zu gering. Nach der Zerstörung des Arthurhauses im Jahr 1967 durch eine mächtige Staublawine wurden daraufhin im gesamten Einzugsgebiet die Lawinenwälle zum Schutz der Gebäude weiter ausgebaut. Seit 1901 erfolgt am Mitterberg bereits eine eingehende Beobachtung, Dokumentation und Beurteilung der Schnee- und Lawinensituation rund um den Mitterbergsattel durch die Familien Radacher (Arthurhaus, Hochkeilhaus) und Kreuzberger, den ehemaligen Hüttenwirtsleuten von der Mitterfeldalm. Aufgrund deren Erfahrung und der baulichen Schutzmaßnahmen kam es seither zu keinen Personenschäden oder Schäden an bewohnten Gebäuden durch Lawinen in diesem Gebiet.

Schilderung der Lawine

Der heute 86-jährige Peter Radacher analysierte die Lawinen von 1916 aufgrund der Schilderungen und zog daraus folgende Schlüsse:

1.) Handelte es sich weder um eine Grundlawine noch um eine Staublawine, sondern um eine Neuschneelawine und zwar deren drei, die in mehr oder weniger kurzen Zwischenräumen hintereinander, oder besser gesagt, durcheinander, ausgelöst wurden. Ich halte mich diesbezüglich an die Aussage des Jakob Egger, als einzigen Augenzeugen des Absturzes der westlichen, als 1.) bezeichneten Lawine: Aufwirbeln von Schnee im obersten Teil des Lawinengerinnes, Unsichtigwerden des Geländes und schwacher Luftdruck.

2.) Der Lauf der ersten Lawine überschritt den obersten Rand der bestehenden Lawinenverbauung, kam im weiteren Verlauf an den Westrand der Schweizerhütte und bog sodann rechtssinnig im Gelände um, gegen Westen abfallend. Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Kessel vor der Lawinenverbauung vollständig ausgefüllt und deren oberste Schichte verharscht. Eine Ablenkung gegen den östlichen Rücken durch die Lawinenverbauung konnte infolgedessen nicht erfolgen. Diese Lawine hätte für den Fall, dass sie alleine geblieben wäre, keine Menschenleben vernichtet.

Wenn auch der Zeitraum zwischen dieser und der folgenden Lawine ein kurzer war, dürfte doch derselbe die Erhaltung manchen Menschenlebens zu danken sein, zumal es einigen Leuten gelungen sein soll, vor dem Zusammenbruch des östlichen Teiles der Schweizerhütte durch die zweite Lawine noch den stehen gebliebenen westlichen Teil zu erreichen. Immerhin war aber der Abgang der ersten Lawine die Ursache des zweiten Lawinensturzes.

Drittelteile der Schweizerhütte wurden buchstäblich zerfetzt, die Trümmer verschleppt, Dachgebälke wie Streichhölzer gebrochen. In und um das Gebäude herum lagen Tote und Verletzte in den schrecklichsten Zwangslagen, oft bis zu 12 (!) Meter unter der Schneedecke. Die mittlere Stauhöhe der Lawine ringsum den Westteil des Gebäudes betrug 8 Meter. Ort und Lage der eingeschlossenen Soldaten lassen den Schluss zu, dass dieselben auf der Flucht gegen den Westteil des Gebäudes begriffen waren. Leider wählten die Eingeschlossenen den Weg gegen Nordwesten, also gegen die Stossrichtung und mancher von ihnen dürfte von den Felsstücken der eingedrückten, massiv gemauerten Nordwand, erschlagen worden sein. Die meisten Lebenden wurden an der Rückseite unter den gebrochenen Futterkrippen aufgefunden, zumal Reste der einen Dachhälfte in die Mitte des Gebäudeumrisses eingepresst und vornüber gedrückt wurden, sodass eine Art von Hütte gebildet war. Zwischen den gebrochenen Hölzern und den Schneewänden bestanden noch kleine Klüfte, durch welche ein geringer Luftwechsel möglich war. Auch die Schneemassen waren in weniger großer Dichte innerhalb der gedeckten Fläche eingedrungen.

Dennoch bildete dieser Teil der Rettungsaktion die schwierigste und gefährlichste gemeinsame Arbeitsleistung, da nur mit großer Vorsicht, Abpölzung von gebrochenen Hölzern und verhältnismäßig langsamen Arbeitsfortschritt einzelne Soldaten aus schwieriger Lage befreit werden konnten. So konnte in einem Falle ein Mann erst nachdem um seine Lage herum alle Hölzer abgeschnitten, stehende Dachfalzen neu gezimmert wurden, erst nach etwa einstündiger Arbeitsdauer mit gebrochenem Fuß befreit werden. Das Flehen nach Rettung, sowie die Hilflosigkeit der Begrabenen war kurzgesagt derart nervenerschütternd, dass es erspart bleiben möge noch auf weitere Einzelheiten einzugehen.

Der Fußpunkt der zweiten Lawine lässt sich nicht näher bestimmen, das Eine ist aber als sicher anzunehmen, dass die Kraft des Stoßes an der Nordfront der Schweizerhütte gebrochen wurde. Die auf der Flucht befindlichen Menschen wurden sodann, wie einwandfrei festgestellt ist, durch die dritte Lawine auf dem Fluchtweg, oder im Begriffe, sich zu retten, überrascht und begraben.

Die dritte Lawine hat ihren Ausgangspunkt an gleicher Stelle wie die zweite, in ungefähr einer Seehöhe von 2100 m und dürfte durch die Lufterschütterung sowohl als auch infolge des gemeinsamen Ausgangspunktes wegen in Bewegung geraten sein. Ihr Weg erreichte nicht den Rücken (Schnitt Ost-West), um sich dort auszubreiten und im ansteigenden Gelände gegen den Hochkeil aufzuheben, sondern passt sich im Geländefall gegen Westen an, ließ die Götschen- und die Kirchsteinhütte intakt, schleifte das Jägerhäusl, ohne es ernstlich zu beschädigen und rasierte die Stallhälfte zwischen den obgenannten Objekten (Anmerkung: Bei dieser Stallhälfte dürfte es sich vermutlich um die damals noch als Stall genutzte „Triglhütte" gehandelt haben). Schließlich füllte dieselbe die Mulde des Sattels (Schnitt Nord-Süd) aus, hierbei die auf der Flucht befindlichen Menschen begrabend. Einige 1000 m3 Schneemassen mehr hätten unzweifelhaft die Kreuzberghütte, die Studentenherberge (die als Matratzenlager genutzte alte Hohlbichlhütte) und den Gasthof Mitterberg vernichtet. Wie nahe der Vernichtung diese Objekte waren, ergeht weiters aus der Schilderung Jakob Eggers hervor, der die Höhe des linken Lawinenflügels auf nahezu zwei Meter vorfand, die Nordfront der erstgenannten Objekte wurden noch geschlürft, zwischen Gasthof und der Schneemenge war knapp ein Meter freier Raum! Vom Höhepunkt der gestauten Masse aber konnte man leicht in die Fenster des oberen Stockwerkes einsteigen.

Im Vorstehenden habe ich nun versucht, unter Zugrundelegung eigener Eindrücke, als auch fremder Aussagen ein möglichst klares Bild über die Vorgänge der Mitterberger Katastrophe zu formen, damit auch den Zweck verfolgend, allen möglichen, über den Lawinensturz im Umlaufe befindlichen Gerüchten ein Ziel zu setzen. Wir alle haben aber wohl nur den einzigen Wunsch, Gott möge unser Heimatland in Zukunft vor gleicher Gefahr oder ähnlichem Unglück bewahren.

 

Vielen Dank an die Familie Radacher für die Informationen und das historische Bildmaterial!

Dieser Bericht ist ursprünglich im Tourenforum des Salzburger LWD erschienen.