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PowderPeople | Stefan Neuhauser im Gespräch

PG-Freeridecamp in La Grave: "Eine gute Line ist dort für viele Rider eine Herausforderung!"

13.02.2017

PowderGuide veranstaltet dieses Jahr zum ersten Mal ein Freeride-Camp in La Grave - zusammen mit dem Bergführer Stefan Neuhauser. Ein Interview über die Einzigartigkeit des Gebiets, ein unvergessliches Erlebnis und eine Lust am Skifahren, die kaum Grenzen kennt.

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Stefan Neuhauser

PowderGuide veranstaltet dieses Jahr zum ersten Mal ein Freeride-Camp in La Grave - zusammen mit dem Bergführer Stefan Neuhauser. Ein Interview über die Einzigartigkeit des Gebiets, ein unvergessliches Erlebnis und eine Lust am Skifahren, die kaum Grenzen kennt.

PG: Stefan, wir freuen uns sehr, gemeinsam mit dir im April unser erstes PowderGuide-Freeride-Camp in La Grave durchzuführen. Wieso ausgerechnet dort?

Stefan: Möglicherweise ist 2017 das letzte Jahr, in dem man in La Grave noch so skifahren kann wie bisher - mit der alten Seilbahn und dem Freeridegebiet in seinem Urzustand. Dann schließt entweder die Bahn oder das Gelände wird stärker kommerzialisiert und zum Pistengebiet mit modernen Gondeln umgebaut. Dabei verfügen La Grave und die angrenzenden Gebiete Les Deux Alpes und Alpe d'Huez über hochalpines Freeride-Gelände.

PG: Was erwartet die Teilnehmer beim Camp?

Stefan: Wer nur powdern gehen will, ist dort am falschen Platz. In La Grave ist universelles Skikönnen gefragt. Das Gelände ist für Fahrer, die lange Sequenzen durchfahren mögen. Die Abfahrten haben 1500 bis 2000 Höhenmeter. Die Bereiche, an denen die Runs zusammenkommen, zeichnen sich durch große Buckel und Wellen aus, gehören aber zum Gebiet. Meist hat man auch richtig Spaß, da durchzufahren. Eine gute Line zu finden, ist dort für viele Rider eine Herausforderung. Ganz bewusst fahren wir in dieser Woche die Klassiker und nicht nur Couloirs. Je nach Verhältnissen werden wir das Camp eventuell mit ein bis zwei Freeridetouren am Col du Lautaret abrunden. 

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Stefan Neuhauser

PG: Ist La Grave dein Homespot?

Stefan: Ich bin sehr viel in La Grave unterwegs, aber ich schaue auch immer, was in der Umgebung passiert. Es gab einmal einen Winter in La Grave mit ausschließlich kalter, windiger und trockener Luft. Das war der Moment, in dem ich verstand, dass es im Alpeninnenbogen richtig schneite. Somit ging ich auf die Suche nach Gebieten, die von Genua- oder Mittelmeertiefs profitieren. Inzwischen biete ich meine Camps dort an, wo man von Genuatiefs, Süd- und Weststaulagen und Nordlagen profitiert. Das Geheimnis ist, sich genau in der Mitte der unterschiedlichen schneebringenden Wetterlagen und ihrer Stauzonen eine Basis zu schaffen. Manche Gebiete haben keine großen Namen und sind weit über die Südalpen verteilt, sodass man sie auch nicht als Freeridemekka wie La Grave oder Alagna kommunizieren kann. Aber diese vielen kleinen, unbekannten Locations, zusammen mit Gebieten wie La Grave, machen es sehr wahrscheinlich, guten Schnee zu erwischen. 

PG: Du bist gelernter Versicherungskaufmann. Wie wurdest du dann Bergführer? 

Stefan:(Lacht). Man muss doch was Ordentliches lernen, oder? Nee, im Ernst: Ich war eigentlich schon immer auf die Berge fixiert. Meine Eltern hatten früher eine Alm gepachtet, sodass ich schon von Kindesbeinen an mit Klettern, Skitouren und Wandern in Berührung gekommen bin. Mir kam aber nicht die Idee, daraus einen Beruf zu machen. Also habe ich erst was Bodenständiges gelernt und mich danach auf Irrwege durch deutsche Unis begeben. Während dieser Zeit war ich immer viel in den Bergen unterwegs und habe eigentlich mehr an meiner Ausbildung zum staatlichen Bergführer gebastelt, statt mir die Inhalte der Massenvorlesungen reinzuziehen. Die Studienphase möchte ich aber nicht missen. Seit 1993 bin ich nun staatlich geprüfter Bergführer, war Ausbilder für DAV-Fachübungsleiter und für den Verband Deutscher Berg- und Skiführer im Bereich Canyoning. Wissen aus dem Studium - wie zum Beispiel Kommunikationspsychologie - kann ich sogar einsetzen, um Menschen in schwierigen Situationen am Berg besser zu verstehen.

PG: Was für Touren hast du bisher gemacht? 

Stefan: Ein besonderes Highlight war sicherlich die Erstbegehung am Nordpfeiler der Freispitze, zusammen mit Herrman Reisach, Alpinhistoriker und Bergführer. Die eingeplante Bohrmaschine haben wir spontan unten gelassen und die Tour mit minimalen Mitteln bewältigt. Entscheidend war für mich dabei die Harmonie in der Seilschaft. Hier stand auch nicht eine mögliche Veröffentlichung im Vordergrund, sondern die Line selbst. Ich habe nie einen festen Seilpartner, das wechselt je nach Tour. Viele Erstbegehungen habe ich „by fair means“ gemacht - also keine Bohrhaken gesetzt, nur Keile, Friends und Normalhaken. Nachteil daran ist, dass die Routen dann keiner wiederholt. Später habe ich mir schon eine Bohrmaschine zugelegt. Inzwischen gehe ich aber viel weniger klettern und bergsteigen. Stattdessen fröne ich meiner Liebe, dem alpinen Endurobiken. Ich betreibe es ein bisschen wie Skitourengehen und Freeriden - immer auf der Suche nach einer feinen Abfahrt.

PG: Wenn du ständig draußen unterwegs bist, hattest du dann schon Vorfälle mit Lawinen? 

Stefan: Als 16-Jähriger habe ich ein Schneebrett an der Nordflanke des Heidenkopfs ausgelöst. Auf knapp 500 Metern Breite ist damals der ganze Hang mit einer Abrisskante von etwa einem Meter abgegangen. Ich konnte mich zum Glück noch in der Altschneedecke festkrallen. Mit welcher Gewalt die Schneemassen in den Wald gedonnert sind, wurde für mich eine Schlüsselerfahrung, das abstrakte Risiko greifbar. Schnee sieht so weiß und unschuldig aus und riecht überhaupt nicht nach Gefahr. Man hat eine Menge Spaß und plötzlich kracht es. Durch so eine persönliche Erfahrung versteht man, welche Kräfte da wirken. Aber dann ist es oft auch schon zu spät.

PG: Wie gehst du nun als Bergführer mit der Gefahr um?

Stefan: Bereits im Vorwinter bin ich viel auf Touren. Dadurch kriege ich die nötige Fitness und die Sinne werden für den Winter geschärft. Das spielt für mich neben den rationalen Methoden des Risikomanagements eine große Rolle. Dann mache ich erst die einfacheren Touren, um wieder richtig reinzukommen, beobachte die Umstände und wie sich die Schneedecke entwickelt. Mein großer Vorteil ist auch, dass ich fast die ganze Zeit über direkt vor Ort bin und dadurch die „Historie“ des Winters direkt miterlebe. Ich versuche also, mir ein eigenes Bild zu machen und die Eigenheiten der Spots zu erkennen. Meine Beobachtungen vergleiche ich dann mit dem Lagebericht. Wenn ich in Gebirgen unterwegs bin, wo es keinen LLB gibt, ist die Devise immer: Zeit lassen, Eindrücke verdauen. Das hat bisher immer gut geklappt. 

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Stefan Neuhauser

PG: Was empfiehlst du, wenn man nicht ständig vor Ort sein kann?

Stefan: Bis sich die Instinkte und Sinne auf das Thema einstellen und man mit den theoretischen Hilfsmitteln wirklich was anfangen kann, braucht es viel Zeit und Erfahrung. Bei den meisten Touren empfinde ich aber den Aufstieg schon als große Hilfe. Ich gehe da hoch, wo ich nachher runter will oder zumindest sehe ich schon einiges von der Abfahrt, bekomme ein Gefühl fürs Gelände und die Schneesituation und habe genug Zeit, Entscheidungen zu fällen. Das ist für mich der Optimalfall. 

PG: Das gilt aber doch nur für Skitouren.

Stefan: Klar, beispielsweise in La Grave steht man nach einem Neuschneefall und der kurzen Seilbahnfahrt schnell in sehr exponiertem Gelände. Da habe ich dann gleich zwei Probleme: Über die große Höhendifferenz gibt es dauernd wechselnde Schneebedingungen in verschiedenen Mikro-Expositionen. In manchen Bereichen kommt ein riesiges Einzugsgebiet hinzu. Natürlich kenne ich den LLB wenn ich hochfahre, aber der gibt auch nicht jede Gefahrenstelle an. Mir fehlen daher Eindrücke und Informationen. Also muss ich auf die technischen Hilfsmittel der statistischen Risiko-Reduktion zurückgreifen und natürlich auf meine Instinkte. Das Gleiche gilt beim Heli-Skiing und auch bei Überschreitungen, wo ich jeweils nur die Abfahrt habe, um die Umstände zu beurteilen. Da hilft lediglich, sehr defensiv heranzugehen und sich Alternativen zurechtzulegen.

PG: Du führst nun unser erstes Freeridecamp in La Grave. Wir kennen dich ja schon länger, aber wie bist du eigentlich zu PowderGuide gestoßen? 

Stefan: Mit den Urvätern von PowderGuide war ich als Fotograf, aber auch als Bergführer immer wieder unterwegs - mit den Skiern oder dem Bike, zum Beispiel in Kashmir, Südamerika, Schottland und der Türkei. Über die Jahre wurden wir Freunde. Die meisten haben sich inzwischen in ihre Berufe verabschiedet. Ich bin also ein Überbleibsel aus der alten PowderGuide-Ära und freue mich, den Kontakt mit der neuen PG-Generation zu halten. Dabei stehen wir alle vor einer neuen Herausforderung: Freeriden und Skitourengehen ist über die Jahre zum Massensport geworden, die Gebiete werden regelrecht zerpflügt. Viele Veranstalter weichen deshalb in exotischere Gebiete aus. Inzwischen hinterlässt die Freeride-Bewegung einen bedenklichen CO2-Abdruck. Die Leute spüren, dass im Alpenraum die Schneesituation auf Grund der Klimaerwärmung immer heikler wird und doch wollen sie ihre Freerideziele verwirklichen. Wir sollten das „Leitbild“ des Riders steuern. Wir müssen nicht blindlings durch die Welt jetten, um den medial aufgebauschten Freeridespots nachzujagen - und können unseren Interessen am Berg dennoch treu bleiben. 

PG: Stefan, vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf die Zeit mit dir in La Grave.

Hier gehts zur Camp Ausschreibung.

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