Suche

Equipment
Anzeige

Materialtest | Tecnica Zero G Guide Pro

Gelungene, leichtere Alternative zur Cochise Serie

20.10.2016

Tecnica präsentiert für die Saison 2016/17 einen interessanten neuen Schuh für das “Freetouring” Segment. Der Zero G Guide Pro ist ein solider Vierschnaller, der mit erstaunlich geringem Gewicht und breitem Einsatzbereich punktet. Wir haben den Schuh im Südhemisphärenwinter ausführlich getestet.

add_circle
Lorenzo Rieg
Lea Hartl
terrainEl Bolson, Argentinien

Tecnica präsentiert für die Saison 2016/17 einen interessanten neuen Schuh für das “Freetouring” Segment. Der Zero G Guide Pro ist ein solider Vierschnaller, der mit erstaunlich geringem Gewicht und breitem Einsatzbereich punktet. Wir haben den Schuh im Südhemisphärenwinter ausführlich getestet.

Mit der Zero G Serie, der neben dem Guide Pro noch der etwas weniger steife Guide und der Guide Women angehören, ergänzt Tecnica das Lineup um eine leichtere, aufstiegsorientiertere Alternative zu den bewährten Cochise Modellen. Die Herstellerbeschreibung ist nahezu poetisch: "Was sich nach Weltraumforschung anhört, ist in Wahrheit der Tecnica Zero G Guide Pro: Ein Zusammenspiel aus Alpinboot und Tourenschuh, das mit der Gravitationskraft auf Tuchfühlung geht."

Vom Grundprinzip her handelt es sich beim Zero G Guide Pro um einen klassischen, zweiteiligen Vierschnaller (mit kräftigem Powerstrap), mit Tech-Inserts, Gehmodus und Wechselsohlen. Die Schnallen sind verschraubt, der Strap genietet. Die Schale besteht aus "bi-material TRIAX 3.0", einer Tecnica-eigenen Polyether-Materialmischung. Der untere Teil des Unterbaus und der Knöchel- und hintere Schaftbereich bestehen aus einer massiveren Art von Plastik, der Rest ist aus etwas dünnerem, felxiblerem Material (bi-injection Skischuh), das den Einstieg erleichtert. Gewisse Bereiche der Schale haben eine Art Strukturierung, die den Schuh an möglichen Problemstellen besser anpassbar machen soll ("Custom Adaptive Shape" System).

Die Dynafit-zertifizierten Inserts sind in der Schale verbaut, nicht in der Sohle. Die leicht gerockerte "Skywalk" Gummisohle entspricht der Norm ISO 9523. Die Sohlenstücke am Vorderfuß und im Fersenbereich sind mit der Schale verschraubt (4 Schrauben vorn, 5 hinten) und lassen sich abnehmen. Eine Wechselsohle wird nicht mitgeliefert. Wir vermuten, dass die Wechselsohlen der neuen Cochise Serie kompatibel sind, das müsste bei Bedarf aber beim Hersteller erfragt werden. Der thermo-formbare Innenschuh stammt von Palau. Er verfügt über Schnürsenkel und ist ansonsten ziemlich schnörkellos. Laut Herstellerangaben wiegt ein Schuh mit Liner in Größe 26.5 1540g. Unser Testmodell in Größe 27.5 wiegt nur unwesentlich mehr. In 27.5 beträgt die Sohlenlänge 315mm.

Aufstiegseigenschaften

Auf der Herstellerwebsite ist der Rotationswinkel, bzw. die Bewegungsfreiheit im Gehmodus, mal mit 42°, mal mit 44° angegeben. Praktisch spielt der Unterschied wohl kaum eine Rolle. Die Bewegungsfreiheit nach hinten ist besser als bei einigen schwereren Freerideschuhen mit Aufstiegsmodus, aber nicht so groß wie bei den typischen "reinen" Tourenschuhen. Das spürt man in erster Linie bei langen, sehr flachen Zustiegen. Die Bewegungsfreiheit nach vorn ist ebenfalls nicht rekordverdächtig, aber für mich in allen Situationen ausreichend. Das geringe Gewicht ist sicher der größte Pluspunkt des Schuhs im Aufstieg, vor allem wenn man die guten Abfahrtseigenschaften und das Gewicht von anderen, in der Abfahrt vergleichbaren, Schuhen bedenkt.

Das Umschalten von Geh- auf Skimodus und umgekehrt ist auch mit Handschuhen gut machbar. Der Gehmechanismus besteht aus einer Art Metallclip, der in eine Metallführung einrasten kann und so blockiert. Angeblich passt sich das System selbstständig an, wenn sich die Metallteile abnutzen und verhindert so dauerhaft, dass bei viel Gebrauch Spiel entsteht. Der Gehmechanismus ist zwischen den beiden Teilen der Schale angesiedelt und zwar sichtbar, aber schlecht zu erreichen. In gewissen Situationen (v.a. Stapfen in weichem Schnee) kann Schnee in den Gehmechanismus eindringen und behindert dann das Verriegeln. Um dieses zwar seltene, aber nervige Problem zu beheben, musste ich den Schuh ausziehen und länger darauf herum klopfen, um den Schnee heraus zu bekommen, da es nicht möglich ist, den Schnee irgendwie heraus zu kratzen. Als weitere potentielle Lösung könnte man Tee oder heißes Wasser in den Gehmechanismus schütten, um den blockierenden Schnee zu schmelzen.

Anzeige
Anzeige
add_circle
Lorenzo Rieg
Lea Hartl
terrainLonquimay, Chile

Tester und Testbedingungen

Getestet wurde während insgesamt gut 20 Tagen in den Alpen und in Südamerika, bei Bedingungen von Eis über Sulz bis Powder, großteils bei Skitouren, aber auch an ein-zwei Lifttagen. Die Testerin fuhr davor zuletzt einen Roxa X-Ride und einen Dynafit Titan als Tourenschuh und nutzt Nordica Rennschuhe zum nicht-Tourengehen. Der Schuh wurde in Kombination mit einem DOWNSKIS LowDown in 186cm und einer Dynafit Radical ST getestet.

Erster Eindruck

Der Schuh sieht mit seinen vier Schnallen und dem einfarbig-gelben Design (Hallo, Fischer!) auf den ersten Blick aus wie ein sportlicher Alpinschuh. Nimmt man ihn in die Hand, überrascht das geringe Gewicht, was ganz und gar nicht an einen Alpinschuh erinnert. Der Gehmechanismus ist einfach zu bedienen, hat so gut wie kein Spiel und wirkt solide, wie auch die restliche Verarbeitung. Die verschraubten Schnallen fallen als positives, durchdachtes Detail auf (einfacher zu wechseln als genietete Schnallen).

Passform

Die Leistenbreite ist mit 99mm angegeben. Das Volumen entspricht Tecnicas "Medium Volume Touring (MVT)"-Größe und ist irgendwo im mittleren Bereich anzusiedeln. Die Passform ist anscheinend die gleiche wie bei den neuen Cochise Modellen. Im Vergleich zu den Vorjahresschuhen sind die neuen Modelle vor allem im Bereich des Knöchels enger. Aufgrund meiner Überbeine an den Ballen musste ich den Schuh (wie alle Skischuhe) anpassen lassen, was für den Bootfitter kein Problem darstellte. Im Bereich der Materialübergänge (Toebox vorne, Knöchel, etc.) ist das Anpassen allerdings unter Umständen nicht so einfach.

Abfahrtseigenschaften

Laut Herstellerangaben hat der Schuh einen Flex von 130. Da Flexangaben in keiner Weise genormt sind, kann man diese Zahl gleich wieder vergessen. Rein von der Steifigkeit beim nach vorne Flexen würde ich den Zero G Guide Pro in einer ähnlichen Liga ansiedeln wie beispielsweise den Dynafit Titan. Der Roxa X-Ride ist etwas härter. Das Ganze schwankt wie üblich mit der Temperatur. Im warmen Wohnzimmer ist der Schuh schnell bis zum Anschlag durchgeflext, draußen in der Kälte sieht das dann schon anders aus. Was das Flexverhalten abgesehen von der reinen Härte angeht, kann der Zero G Guide Pro für mein Empfinden nicht ganz mit den besonders angenehmen dreiteiligen Schuhen mithalten (Dalbello Lupo, Roxa X-Ride), macht aber für einen Overlap Schuh einen sehr guten Eindruck. Im Gegensatz zu manch anderen Tourenmodellen, bei denen der Schuh ab einem gewissen Punkt sehr weich wird oder gar nicht mehr flext, verhält sich der Guide Pro angenehm gleichmäßig. Der Powerstrap hat einen starken Einfluss auf den Flex. Wenn man ihn ordentlich zuknallt, lässt sich das Vorwärtsflexen fast komplett blockieren. Die seitliche Steifigkeit lässt für mich nichts zu wünschen übrig. Die Kraftübertragung ist für einen Tourenschuh sehr direkt und präzise, natürlich vorausgesetzt der Schuh passt.

Zusammenfassend: Der Zero G Guide Pro ist nicht bockhart, flext aber sehr angenehm und die Steifigkeit ist auch für sportliches Fahren im Skigebiet und auf hartem Schnee völlig ausreichend.

Anzeige

Sonstiges

Vom ersten Tag an gab es leichten Materialabrieb an Stellen wo der Schaft am unteren Schalenteil scheuert, was aber weder ein Problem darstellt, noch die Fahreigenschaften irgendwie beeinflusst. Eine im Schuh eingestanzte TÜV Nummer habe ich ein wenig mit Schleifpapier behandelt, da sie den Innenschuh aufgescheuert hat. Die Schuhe zeigen nach ca. 20 Tagen relativ hartem Einsatz normale Gebrauchsspuren, aber nichts was die Funktion einschränkt. Die Sohlen sind nicht übermäßig abgelaufen. Ich persönlich würde eine durchgehende Gummisohle anstatt der beiden Pads vorne und hinten bevorzugen.

Fazit

Ich bin mit dem Tecnica Zero G Guide Pro im Allgemeinen sehr zufrieden und halte ihn für eine sehr gute Option für alle, die Wert auf geringes Gewicht und auch sonst brauchbare Aufstiegseigenschaften, sowie solide Abfahrtsperformance legen. Der Aufsprung auf den „Freetouring" Trend ist Tecnica mit dem Zero G auf jeden Fall gelungen. Als störend empfinde ich lediglich das relativ seltene (und übrigens auch bei einigen anderen Schuhen auftretende) Problem des wegen Schnee nicht-verriegelnden Gehmodus.

Vor- & Nachteile

+sehr leicht für die Schuhklasse
+gute Abfahrtseigenschaften
+bisher gute Haltbarkeit
+gutes Handling von Schnallen und Gehmodus
-Gehmechanismus verriegelt unter Umständen nicht wenn Schnee rein kommt

Details und Herstellerinfos

UVP €549,95
C.A.S. SHELL - Die C.A.S. Schale ist anatomisch geformt und passt perfekt zum Inennschuh. Die Vertiefungen an der Schale an möglichen Problemzonen machen den Schuh noch einfacher anpassbar, falls nötig.
MOBILITY CUFF - Mobility Cuff basiert auf einer soliden, starken Metall-auf-Metall Verbindung. Im Hike-Mode bieten 42° Bewegungsfreiheit großartige Mobilität für den Aufstieg. Das neue S.A.S. (Self Adjusting System) eliminiert jegliches Bewegungsspiel bei der Abfahrt.
LIFT LOCK BUCKLES - Hält das Wasser draußen - wo es hingehört. Deine Füße bleiben trockener und wärmer!
LOW TECH INSERT - Dynafit zertifizierte Low Tech Inserts sind voll integriert in die Sohle des Schuhs. Sie bilden die solide Verbindung zur Skibindung.

Hier geht es zur Website von Tecnica mit weiteren Informationen

  • keyboard_arrow_left vorherige
  • nächste keyboard_arrow_right