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Materialtest | Faction Prodigy 4.0 186cm

Ein verspielter Allroundski?

02.11.2019

Neben den Candide Thovex Pro Modellen hat Faction noch eine zweite Backcountry/Freeski Linie im Angebot – die Prodigy Serie. Das breiteste Modell daraus, den Prodigy 4.0, haben wir letzten Winter ausgiebig getestet. Was den Ski ausmacht und wozu man einen freestyle-lastigen Twintip mit 112mm Mittelbreite alles gebrauchen kann, erfahrt ihr hier im Test.

Faction Prodigy 4.0 186cm 19/20 add_circle
Faction Prodigy 4.0 186cm 19/20

Neben den Candide Thovex Pro Modellen hat Faction noch eine zweite Backcountry/Freeski Linie im Angebot – die Prodigy Serie. Das breiteste Modell daraus, den Prodigy 4.0, haben wir letzten Winter ausgiebig getestet. Was den Ski ausmacht und wozu man einen freestyle-lastigen Twintip mit 112mm Mittelbreite alles gebrauchen kann, erfahrt ihr hier im Test.

Faction, die Freeski Marke aus Verbier, ist seit Jahren auf dem Vormarsch. Spätestens seit Candide Thovex auf den Brettern der Schweizer unterwegs ist, sollte Faction den meisten Freeskiern bekannt sein. In den vergangenen Jahren nahmen sie außerdem Sam Anthamatten ein hochkarätiges Freeski Team (u.a. Duncan Adams, Adam Delorme, Alex Hall, Antti Ollila, Kelly Sildaru, Johnny Collinson) unter Vertrag und produzierten Webisodes und Skimovies für das Freeski Publikum. Mittlerweile ist Faction auch eine der wenigen Skimarken, die sich ausschließlich auf Freeski und Tourenski fokussieren, ähnlich Armada oder 4FRNT. Hier sind die Freeski Modelle kein Nischenprodukt im Gesamtportfolio, sondern das Kerngeschäft. Candide hat bei Faction schon lange seine Promodels, die CT 1.0 – 4.0 Modelle sind wahrscheinlich die bekanntesten Ski der Marke. Neben diesen hat Faction aber auch noch eine zweite Backcountry/Freeski Linie im Angebot – die Prodigy Serie. Auch hier wird von 1.0 bis 4.0 durch nummeriert. Ich konnte vergangenen Winter das breiteste Modell, den Prodigy 4.0 in 186cmm ausgiebig testen.

Wer testet was genau?

Ich bin 189cm groß und 80kg schwer, fahre gern überall und eher verspielt, springe viel und fahre auch gerne mal schnell. Zerfahrener Schnee im Skigebiet stört mich nicht, weiche Landungen sind mir wichtiger. Mein Setup der vergangenen Jahre war ein Powderski mit 120mm Mittelbreite für die Tage mit frischem Schnee, sowie ein etwas schmälerer Twintip mit gut 100mm Mittelbreite für Piste, Park, Firntour, etc. Ich hatte das Glück, in den letzten 10 Jahren so gut wie jeden Ski der mich interessierte, auch ausprobieren zu können.

Zum Ski:

  • Länge: 186cm (gemessen Tip->Tail: 184cm)
  • Bindung: Salomon STH2 16, ca. -2cm hinter True Center
  • Schuhe: Dalbello Krypton Pro, Lupo 130C & Factory

Erster Eindruck

Ich war eigentlich auf der Suche nach einem Testski, der zu meinem bisherigen Schema passt – ca. 120mm für den Powderski, gute 100mm für den „normalen“ Ski. Als ich bei Faction angefragt habe, hatten sie in den längeren Längen „nur“ einen Prodigy 4.0 verfügbar. Das ist zwar der breiteste Ski der Linie, hat aber lediglich 112mm unter der Bindung. Auch die angegebenen 186cm waren mir auf den ersten Blick für einen Powderski zu kurz. Ist der Ski nun ein etwas schmälerer Powderski oder ein etwas breiterer Allmountain Twintip? Auch mit der Prodigy Linie konnte ich zunächst nichts anfangen – Faction hat mit den CT Modellen ja schon eine Linie mit ähnlichem Einsatzgebiet und ich dachte ursprünglich, die Prodigy Ski wären Low-Budget oder „Consumer“ Modelle.

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Weit gefehlt. Der Prodigy 4.0 liest sich auf dem Papier sehr stimmig, kommt mit viel Early Taper, gar nicht so kleinem, progressivem Radius (24m bei 186cm), ein wenig Camber (3mm) und einem 410 mm langen Rocker vorne, kombiniert mit 400 mm Rocker hinten. Das Shape kommt sehr unspektakulär daher, man könnte bei heutigen Standards schon fast meinen, es wäre langweilig. Außerdem sieht er auch eher symmetrisch aus und man könnte vom ersten Eindruck her denken, dass er bestimmt wie eine Nudel flext. Beim Flex Test per Hand denkt man immer noch, dass der Ski eher zur weicheren Sorte gehört, erst beim Fahren offenbart er seinen wahren Charakter. Die Schaufeln sind zwar gutmütig und eher weich, zur Skimitte hin wird der Prodigy 4.0 jedoch deutlich steifer. Faction gibt den Flex des Skis mit 8/10 an. Das Paar ist mit 4300g mittelschwer, nach heutigen Standards wohl nicht in erster Linie ein Tourenski, fühlt sich beim Fahren aber sehr leichtfüßig an. Die Konstruktion besteht aus einem Kern aus Pappel- und Eschenholz mit zwei Flachsschichten, in Sandwich-Bauweise mit einem Semi-Cap in Richtung Tip-und Tails. Die biaxialen Flachsfasern sollen umweltfreundlicher und strapazierfähiger sein als die Glasfaserschichten, die sie ersetzten.

Es sind zwei empfohlene Montagepunkte auf die Seitenwange gedruckt, der empfohlene Freestyle Punkt ist 3 cm, der Freeride/Allmountain Punkt ist 6 cm hinter der Skimitte. Ich habe mich auf Grund meiner persönlichen Vorliebe und für die Vergleichbarkeit mit meinen anderen Ski für einen Montagepunkt sehr weit in der Skimitte entschieden.

Test

Wie schon erwähnt, wusste ich zunächst mit einem Ski dieser Breite nichts anzufangen. Zu schmal für tiefen Powder, zu breit für einen Allmountain - dachte ich. Ich hatte den Ski ab Ende Februar 2019 zur Verfügung und zwei Wochen lang nur im Auto liegen, bis ich ihn zu ersten Mal benutzt habe. Als ich ihn dann endlich mal verwendet habe, blieb er allerdings bis zum Ende der Saison mein Haupt Ski für alle erdenklichen Bedingungen und Einsatzgebiete. Ich bin den Ski seitdem an über 30 Tagen mit entweder frischem Powder, Frühlingspowder, Slush, Park, Firn, aber auch kompaktem, gewalztem Schnee gefahren und war sehr angetan. Nur für Touren kam er auf Grund der Alpinbindung nicht in Frage, wobei ich ihn mir für mich sehr gut als Tourenski (z.B. mit CAST) vorstellen könnte.

Der Ski deckt sich von den Grundeigenschaften und dem Einsatzgebiet her sehr mit den Ski, die ich in den vergangenen Jahren gefahren bin: Freestylelastiger Twintip mit viel Rocker, viel Taper, nicht zu hart. Der Prodigy 4.0 bringt das Paket mit, nur eben in einer für mich ungewohnten Mittelbreite von 112mm.

Beim ersten Test auf Schnee wurde mir klar, dass sich der Ski deutlich stabiler fährt als zunächst angenommen. Er hat einen sehr guten Kantengriff für einen Ski dieser Breite, was vermutlich an der hohen Torsionssteifigkeit liegt. Hier bin ich schon schmälere Ski mit weniger gutem Kantengriff gefahren. Diese Torsionssteifigkeit macht sich auch positiv im Zerfahrenen bemerkbar, gleichzeitig wirken die Tips auch leicht gedämpft, so dass diese nicht schnell zu flattern beginnen Der für einen Freestyle-Allroundski etwas längere Radius passt gut zu höheren Geschwindigkeiten. Gleichzeitig ist der Ski auf Grund seiner eher schmalen Tips bzw. des Early Tapers und der daraus resultierenden geringen Schwungmasse extrem wendig. Er lässt sich bei Bedarf immer sofort Querstellen, sowohl auf hartem Untergrund und vor allem auch bei Powder, was bei engen Treeruns eine wahre Freude ist. Fährt man durch Verspurtes oder sogar wieder leicht angefrorenes, bleibt man nirgends hängen, denn der Übergang von Camber zu Rocker in Kombination mit dem Beginn des Early Taper beziehungsweise der breitesten Stelle des Skis wirken hervorragend ausgetüftelt und sehr harmonisch abgestimmt.

Den Flex würde ich eher als symmetrisch beschreiben, mit weicheren Schaufeln und einer eher harten Skimitte. Die harte Skimitte bildet nach vorne sowie auch nach hinten eine stabile Plattform, der Rocker beginnt auch nicht gleich vor und nach der Bindung. Obwohl der Ski für meine Verhältnisse eher kurz ist, hatte ich nie das Gefühl, vorne oder hinten zu wenig Support zu haben. Es bleibt immer noch genug Tail übrig, nichts flext durch/knickt weg. Bei wirklich ruppigen Bedingungen und sehr hohen Geschwindigkeiten wird der Prodigy 4.0 natürlich ab einem gewissen Punkt unruhig, aber wer will sowas schon ständig und ausschließlich fahren? Mir ist der Ski jedenfalls für so gut wie alles, was mir an meinen Skitagen an Verhältnissen begegnet, stabil genug. Lediglich für schnelle Lines mit größeren Drops hätte ich den Ski wohl lieber eine Länge größer in 193cm.

Der Ski ist sowohl im Schnee als auch in der Luft gut aufgehoben. add_circle
Joona Kangas
Tobias Huber
terrainTirol
Der Ski ist sowohl im Schnee als auch in der Luft gut aufgehoben.

Der Ski wirkt bis jetzt sehr haltbar, Kante und Belag sind noch top (natürlich hatten wir gute Schneeverhältnisse letzten Winter). Auch das Topsheet schaut noch sehr gut und wenig verkratzt aus - durch das Semi-cap sind die Seitenwangen gut vor der Kante des anderen Ski geschützt! Der ursprüngliche Flex hält sich nach den 30 Tagen auch immer noch sehr gut. Der Ski fährt sich immer noch relativ frisch, hat kaum an Torsionssteifigkeit eingebüßt und noch genug Pop.

Für mich persönlich war das der ideale Ski für die zweite Winterhälfte. Für tiefen, frischen Powder im Januar hatte ich einen breiteren Ski mit ein wenig mehr Auftrieb, aber für die Schneefälle und Schneetiefen ab März ist man mit den 112mm unter der Bindung mehr als ausreichend gerüstet. Gleichzeitig funktioniert der Ski auch den ganzen Tag am Fuß im Skigebiet sehr gut, da wendiger und etwas schmäler also so mancher „Fatski“. Vor allem im Frühjahrsfirn und Slush auf Piste und im Park ist der Ski das reinste Spaßgerät.

Fazit

Der Ski will nichts Besonderes sein, er vereint aber alles, was die Skientwicklung in den letzten Jahren an Fortschritten gemacht hat, extrem gut. Man merkt ihm an, dass sich Zeit genommen wurde, und die Entwickler alle Parameter optimiert und aufeinander abgestimmt haben. Im Powder macht er eine sehr gute Figur und die Allmountain Eigenschaften sind beachtlich, dort kann er auch mit Ski mithalten, die mittig etwas schmäler sind. Wer also einen Allmountain Ski sucht, der auch bei frischem Schnee zu überzeugen weiß, ist mit dem Prodigy 4.0 sicherlich sehr gut aufgestellt. Das Freestyle-typische Aussehen und das aufgebogene Tail verschreckt vielleicht den Einen oder Anderen zunächst, der Charakter des Skis ist auf jeden Fall mehr als nur jener, den man auf den ersten Blick vermuten mag! Der Ski ist eine absolute Empfehlung für alles, außer die ganz kalten und tiefen Tage. Ob man ihn als schmäleren Powder- oder breiteren Allmountainski betrachten möchte, liegt wohl hauptsächlich an bisherigen Vorlieben des Fahrers und auch daran, was einem neben dem Prodigy 4.0 sonst noch für Ski zur Verfügung stehen.

Vor- & Nachteile:

+ Drehfreudigkeit
+ Sehr gute Carving Eigenschaften
+ "Pop"
+ Haltbarkeit
+ Gewicht (für einen robusten Ski)
+ Viele Längen und, wenn man die schmäleren Modelle mitbetrachtet, Mittelbreiten verfügbar
- Schwimmt nicht ganz so gut auf wie ein breiterer Powder Ski
- UVP relativ teuer

Details

Länge(cm): 186 (Verfügbare Längen: 175, 181, 186, 193)
Sidecut: 136/112/128
Radius: 24m (bei 186 cm)
Gewicht pro Ski: 2150g
Vorspannung: 3mm Camber + Tip&Tail Rocker
Konstruktion: Pappel- und Eschenholz, Flachs, ABS Sidewalls mit Semi Cap zu den Skienden
UVP: 649 €

Hier geht es zur Website von Faction mit weiteren Infos.

Dieses Produkt wurde PowderGuide vom Hersteller zum Testen zur Verfügung gestellt. Wie wir testen, steht in unserem Test-Statement.

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