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Filmrezension | NUMINOUS

Reden ist Silber...

30.12.2017

Der bei den Powder Awards kürzlich zum Movie of the Year gekürte Streifen Numinous von Dendrite Studios ist ein Stummfilm. Die Athleten, allen voran der maßgeblich an der Produktion beteiligte Kye Petersen, erfreuen den Zuschauer mit ihrem Schweigen und ansprechender Skiaction.

Der bei den Powder Awards kürzlich zum Movie of the Year gekürte Streifen Numinous von Dendrite Studios ist ein Stummfilm. Die Athleten, allen voran der maßgeblich an der Produktion beteiligte Kye Petersen, erfreuen den Zuschauer mit ihrem Schweigen und ansprechender Skiaction.

Numinous ist ein englisches Wort. Auf deutsch heißt das numinös. Obwohl ich des Deutschen einigermaßen mächtig bin, hat mir diese ergoogelte Übersetzung hinsichtlich Begriffsverständnis nicht weiter geholfen. Von Wikipedia habe ich gelernt, das numinös auf dem lateinischen Wort Numen basiert. Das wiederum bedeutet laut Wikipedia wahlweise Wink, Geheiß, Wille, oder göttlicher Wille. Offenbar sind Numen und numinös im Deutschen außerdem religionstheoretische Fachbegriffe, welche „die Anwesenheit eines gestaltlos Göttlichen“ bezeichnen. Es gab auch einen altrömischen Kult, der sich mit dem Konzept befasst hat und die gottähnliche Verehrung insbesondere des Kaisers Augustus zum Inhalt hatte. Ob Augustus nun gestaltlos oder göttlich oder beides war, ist mir bei meiner oberflächlichen Internetrecherche nicht auf Anhieb klar geworden.

Nunja. Ich interpretiere Numinous als Titel eines Skifilms als vagen Begriff irgendwo zwischen spiritueller Transzendenz mit Naturbezug und „Boah Alter, Berge sind so geil, ey!“

Letzteres wird in Numinous filmisch sehr schön belegt. Der Film ist eine Liebeserklärung an die Berge von British Columbia, von Pillows zum Dahinschmelzen über in pinkes Abendlicht getauchte Zackenberge und steile Eiswände.

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Die Handlung, sofern man bei Filmen dieses Genres von Handlung sprechen kann, ist: ein bisschen liftnahes Rumshredden in Whistler als Intro, dann viele Pillow Lines, ein paar Skitouren, einmal als Aktion mit großer Gruppe und großem Camp, vom Heli irgendwo abgesetzt, noch mehr Pillows und dazwischen ein Paar unkommentierte Naturszenen (Wasserfall, Vögel, Wald, usw), die vermutlich das gestaltlos Göttliche repräsentieren sollen und an den Stil von Sherpas Cinema erinnern.

Verzichtet hat man, wie schon erwähnt, auf sprechende Protagonisten, wie sie sonst ja gern zwischen die Actionszenen geschnitten werden. Statt Skifahrern, die auf einem Steg stehend von ihrem numinösen Lifestyle, dem gestaltlos Göttlichen an sich und sonstigen tiefgründigen Gedanken berichten, sehen wir die Skifahrer ausschließlich beim Skifahren.

Die Action als solche ist spektakulär, aber nicht völlig abgehoben. Man kann hinschauen, ohne Angst haben zu müssen (ich denke da als Gegenbeispiel an La Liste...) und sich in die Lines hinein träumen. Vielleicht weil das Gelaber fehlt, bleibt Zeit, um fast immer die kompletten Runs vom Einstieg bis zum Auslauf zu zeigen, sowie Sprünge und Tricks inklusive der Landungen. Meiner Ansicht nach ist das ein gelungener Tausch.

Auch das Thema Lawinen wird eleganter und sympathischer behandelt, als es in vielen Filmen der Fall ist, in denen sich jemand explizit dazu äußert: Wir sehen eine Gruppe von Athleten zunächst eingeschneit im sturmumtosten Camp, dann am ersten schönen Tag motiviert ausschwärmen auf der Suche nach epischen Lines. Die Drohne folgt ihnen zum potentiellen Einstieg in eine steile Flanke. Oben angekommen entfernt sie sich weit genug, dass wir den großen, frischen Anriss sehen, der sich in dieser Flanke befindet. Der komplette Hang ist abgegangen. Schulterzuckend wird entlang der ungefährlichen Aufstiegsroute wieder zum Camp abgefahren. Und weil wir immer noch im Expeditionscamp irgendwo im Nirgendwo sind, wird der sonnige Tag dann anders genutzt: Mit der richtigen Einstellung wird auch Isomattensurfen zum Extremsport.

Der Zuschauer nimmt mit, dass es nicht immer die krasseste Line sein muss und auch Blödeleien mit den Campkollegen ein lohnender Zeitvertreib sind, wenn die Bedingungen mal nicht mit spielen.

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Fazit

Schöner Film. Der Soundtrack wird einigen gefallen, anderen nicht, so wie immer. Ich persönlich finde das Gesamtpaket gelungen.

Wenn man sich, wie ich, in jungen Jahren im Forum von TGR die Zeit vertrieben hat, konnte man da verfolgen, wie sich Athan Merrick, einer der zwei Herren hinter Dendrite Studios, vom Skifahrer mit Pro-Ambitionen zum immer ambitionierteren Filmer entwickelt hat. Auch deswegen freue ich mich über diesen Film. 

NUMINOUS gibt es über Vimeo on demand für 8,51€ zu kaufen, für 4,25€ zum "ausleihen". 

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Kommentare
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lea_pg 31.12.2017 | 08:11 Uhr

danke für die weitere Erläuterung. Das könnte man in der Tat. Ob Kye Petersen Kant gelesen hat und so drauf kam? Vielleicht sollte ich meine Vorurteile überdenken ;)

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KarlNickel 30.12.2017 | 20:05 Uhr

man könnte das numinose in einem skifilm auch als immersive form des sublimen etwa bei kant interpretieren. das sublime ist eine ästhetishce kategorie, welche die betrachtung des schlechthin grossen (etwa die tosende see) beschreibt. wesentlich ist dabei, dass der betrachter die tosende see aus sicherer position betrachtet, dabei aber stets ihrer zerstörerischen kraft bewusst ist.
fährt ein skifahrer jetzt in dieses schlechthin grosse ein (unglaubliches spine face etwa), so gibt er die sichere betrachterposition auf und taucht ein ins heilige, aber immer auch am abgrund zum schrecklichen (sturz in no fall zone oder gesamter hang geht mit ihm ab...). er begreift sich somit als teil des göttlichen ganzen. ^^