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Abenteuer/Reisen
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Road Trip to Tatra | Teil 2

Nebel, ein verlorener Rucksack und Powder in Polen

21.12.2017

In Teil 1 seiner Reisereportage hat Jan Imberi von den steilen Rinnen der Tatra berichtet. Grund, um das kleine Gebirge noch weiter zu erkunden. Wenn nur die Sicht besser wäre...!

Štrbské Pleso, und Vysoka add_circle
Jan
Štrbské Pleso, und Vysoka

In Teil 1 seiner Reisereportage hat Jan Imberi von den steilen Rinnen der Tatra berichtet. Grund, um das kleine Gebirge noch weiter zu erkunden. Wenn nur die Sicht besser wäre...!

Noch mehr Skitouren in der Tatra – soweit unser Plan. Wir wollen nun den Berg Vysoka über die Nordwand besteigen und die Südflanke abfahren. Morgens verhüllen allerdings dichte Wolken die Berge. Kein gutes Zeichen.

Miro hatte uns am Tag zuvor die Route beschrieben: Einer der möglichen Zustiege auf den Vysoka erfolgt von Norden über die höchst gelegene Hütte in der Hohen Tatra, die Chata pod Rysmi auf 2250 m. Von dort aus quert man ein Schneefeld bis unter die Nordwand, folgt einem Band unterhalb der Felswand und gelangt so zu einem Kamin. Über diesen erreicht man auf dem Westgrat auf 2400 Metern den Sattel Stribina za Kohitikom. Vom Sattel aus quert man in die Südflanke und steigt weiter zum Vysoka-Gipfel auf 2547 Metern auf. Das Gelände bietet zahlreiche Abfahrtsmöglichkeiten, manche sind felsdurchsetzt. Zwischen den beiden Höckern des Gipfels verläuft zudem eine Rinne in das südlich gelegene Zlomiská Dolina.

Angesichts der schlechten Wetterlage haben wir nun jedoch wenig Hoffnung auf eine erfolgreiche Besteigung. Sicherheitshalber hatten wir uns einen Plan B zurechtgelegt: Die Besteigung des nahe gelegen Rysy, dem höchsten Berg Polens (2503m), direkt an der Grenze zur Slowakei.

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Rysi Gipfel add_circle
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Rysi Gipfel

Propangasflaschen im Wald

Als wir das Menguskovská Dolina hinauf spuren, zeigt sich zeitweise die Sonne und wir schöpfen Hoffnung. An der Abzweigung eines Forstweges erreichen wir das Depot der Chata pod Rysmi-Hütte, Propangasflaschen stehen hier. Auf einem Schild lesen wir, dass jeder, der eine Propangasflasche mit Hilfe der dafür vorgesehenen Kraxe auf die Hütte trägt, dort mit freier Kost entlohnt würde. Die Hütten der slowakischen Tatra werden nicht per Helikopter versorgt. Hüttenteams müssen die Vorräte selbst tragen. Wir stehen nun vor den Propangasflaschen. Jede wiegt elf Kilogramm. Wir verschieben den Lieferservice auf unbestimmte Zeit. Später sollen wir noch selbst erleben, wie die Flaschen hinaufgeschafft werden.

Den Wald lassen wir hinter uns und erreichen das offene Tal. Ein kräftiger Wind weht und die Sicht nimmt rapide ab. Wir steigen steil bergauf, jeder für sich versunken in Gedanken. Wird sich ein Sonnenfenster zeigen? Ist der Kamin zum Westgrat der Vysoka gut eingeschneit, sodass wir leicht mit Pickel und Steigeisen hochkraxeln können?

Der Aufstieg zur Chata pod Rysmi ist mit Stangen markiert. Über einer Kuppe taucht vor uns eine schemenhafte Gestalt auf, die sich behäbig bewegt. Neben ihr erkenne ich einen Hund, der der Gestalt folgt. Es ist ein Mann auf Ski. Auf seinem Rücken trägt er ein beeindruckendes Bündel aus verschieden Kisten, die sich auf einer Kraxe bis hoch über seinen Kopf türmen. Darauf balanciert er quer noch eine Schneeschaufel. Die offenen Schnallen seiner alten Skischuhe klimpern im Takt seiner Schritte und zur Musik des Radios, das er bei sich trägt.

Als wir den Mann mit seinem Hund einholen, bin ich überrascht. Zwar mag er mit seinem zottigen Bart um die 60 Jahre alt sein, strahlt aber solch eine Souveränität und Unnahbarkeit aus, dass wir nicht wagen, ihn zu fragen, ob wir ihm etwas abnehmen können.

An einer Steilstelle, an der wir die Ski schultern und Steigeisen anlegen müssen, holen wir einen jungen Tourengeher ein, der alleine ebenfalls Richtung Rysy unterwegs ist. Wir bieten ihm an, sich uns anzuschließen. Nikolai ist jung, vielleicht 20 Jahre, studiert in Poprad und ist mit der Tatrabahn am frühen Morgen aufgebrochen, um seinen freien Tag in den Bergen zu verbringen.

Chata pod Rysmi Hüttenwirt add_circle
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Chata pod Rysmi Hüttenwirt

Skitouren ohne Sicht

Nach der Steilstufe steigen wir wieder auf die Ski und versuchen, uns im dichten Nebel zu orientieren. Es gibt weder Felsen noch Stangen als Anhaltspunkte. Doch plötzlich taucht vor uns ein grauer, länglicher Klotz aus dem Nichts auf. Es ist das Dach der eingeschneiten Chata pod Rysmi.

Wir wollen eine Pause einlegen, doch die Hüttentür ist verschlossen. Wahrscheinlich war der Mann, den wir vorhin überholt hatten, der Hüttenwirt.

Wir beraten uns, welchen Weg wir nun einschlagen sollen: zur Felswand der Vysoka oder Richtung Rysygipfel. Die Sicht ist miserabel. Wir können kaum die Hände vor unseren Augen sehen. Wir entscheiden uns, weiter hoch in den Kessel zu steigen. Vielleicht bessert sich die Sicht.

Das Gelände wird steiler und der Nebel undurchdringlicher. Schlussendlich entscheiden wir uns für die sichere Variante: den Aufstieg zum Rysy. Wir steigen in Spitzkehren bis zum Gipfelgrat auf. Die 200 Höhenmeter kommen uns vor wie eine Ewigkeit. Die kleine Neuschneeschicht auf einer Altschneedecke schmiert unter unseren Skiern wie Seife ab, sodass wir behutsam und mit viel Kantendruck spuren müssen. Dann endlich wird es flacher. Ich bleibe stehen. Vor mir der Abgrund. Mir wird bewusst, dass ich auf einer Wechte stehe. Vorsichtig bewege ich mich zurück.

Suche nach dem Rucksack add_circle
Jan
Suche nach dem Rucksack

Endlich verbessert sich die Sicht, der Gipfelgrat des Rysy taucht auf. Ein Blick auf die Karte verrät uns, dass wir hier unser Skidepot einrichten sollten. Wir fellen ab, ziehen die Steigeisen an und packen unsere Rucksäcke mit den Skiern in eine flache Mulde im Schnee. Falko aber schnallt seine Ski nicht auf den Rucksack, sondern vergräbt sie gerade, während sein Rucksack neben ihm liegt. Ich höre ein langgezogenes „Sssccchhhh“. Im Augenwinkel sehe ich, wie sein Rucksack zwischen den Felsen verschwindet. Dann ist es still. Wir sehen uns entgeistert an, blicken der Schleifspur nach, die direkt in die Westwand des Rysy führt, und sehen: nichts.

Dann realisieren wir: ABS, Felle, Skibrille, Mütze, Thermoskanne, Essen – alles weg. Zum Glück hatte Falko wenigstens die Steigeisen an den Füssen und den Pickel in der Hand. Das Problem können wir nun aber nicht lösen. Also entschieden wir uns, zuerst zum Gipfel zu steigen, bevor wir nach dem Rucksack suchen. Als wir den Gipfel erreichen, haben wir dennoch Hoffnung, den Rucksack wieder zu finden.

Die Suche im Nebel

Wir steigen ab. Für einen Moment klart es auf und wir blicken in die Westwand. Der Rucksack hat sich nicht wie erhofft im oberen Teil der Wand verfangen. Vielmehr glauben wir, ihn einige hundert Meter tiefer auf einem Schneefeld auszumachen. Falko will direkt durch die Westwand absteigen, um den Rucksack zu finden. Zwar weiß ich von Miro, dass eine Variante existiert, die jedoch sehr steil und ausgesetzt ist und bei den Bedingungen und ohne Seil ein heikles Unternehmen werden könnte.

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Liptovske Múry add_circle
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Liptovske Múry

Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass wir das Schneefeld auch von unten mit einem kurzen Aufstieg erreichen können. Wäre der Rucksack irgendwo in der Wand hängen geblieben, bliebe uns nichts anderes übrig, als auf besseres Wetter zu hoffen. Wir beschließen daher, entlang des Aufstiegsweges Richtung Chata pod Rysmi abzufahren und von dort aus weiter ins Tal hinunter. Keine sonderlich gemütliche Abfahrt - vielmehr ein Tasten nach dem richtigen Weg. Unterhalb des Schneefeldes, auf dem wir den Rucksack vermuten, halten wir an und steigen erneut auf. Falko, sichtlich getrieben von der nahenden Dämmerung, läuft in großen Schritten voraus. Nikolai und ich verteilten uns am Hang, um unsere Trefferchance zu erhöhen. Immer wieder tauchen Umrisse auf – endlich der Rucksack? Aber es sind nur kleine Felsen. Wir wollen schon aufgeben, da endlich ruft Falko: „Ich hab ihn!“.

Wir fahren durch den Wald zur Popradské Pleso Chata, um unseren erfolgreichen Abschluss bei einem Bier zu feiern.

Polen - Dolina Roztoki

Am nächsten Tag scheint die Sonne. Heute wollen wir es ruhiger angehen. Die Anstrengungen der letzten Tage machen sich bemerkbar. Wir brechen zu einer Tour ins benachbarte Mlynická Dolina auf, um die Bergkette rund um den Satangipfel von Westen her zu erkunden. Mittags verschlechtert sich das Wetter. Wir beschließen, weiter nach Polen auf die Nordseite des Gebirges zu fahren.

Am Fuß des Gebirges windet sich eine Bergstraße, welche die alpinen Zentren Štrbské Pleso, Starý Smokovec und Tatranská Lomnica verbindet. Die Straße bietet ein fantastisches Panorama: auf der einen Seite die prominenten Gipfel der slowakischen Tatra, auf der anderen die Ebene Podtatranská kotlina, mit den sich dahinter erhebenden Faltenrücken der Niederen Tatra. Leider ist unsere Woche in der Tatra beinahe zu Ende. Deshalb verzichten wir auf einen Abstecher in die Niedere Tatra.

Wir fahren über Tatranská Javorina nach Lysá Polana. Eine Stichstraße führt direkt nach der polnischen Grenze nach Polania Palencia. Dort stellen wir den Bus auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz ab.

Noch am gleichen Abend wollen wir zu einer Berghütte aufsteigen, die an dem See Przedni Staw Polski auf 1692 m liegt. Die Hütte heißt Schronisko w Dolinie Pieciu Stawow. Unser Parkplatz liegt auf 984 m – wir haben also noch einige Höhenmeter vor uns. Wir schnallen die Ski auf unsere Rücksäcke, denn hier liegt kein Schnee. Mit Stirnlampen folgen wir der Straße, auf der uns noch vereinzelt Touristen entgegen kommen. Nach einer knappen Stunde auf Asphalt erreichen wir die Abzweigung ins Dolina Rotztoki, ein enges und dunkles Tal. Den steilen, felsigen Wanderweg bedeckt Eis. Wir sind kurz davor, die Steigeisen auszupacken, als der Weg vorerst flacher wird. Es ist still – nur unsere Skistiefel knarzen. Der Weg führt uns mal bergauf und dann wieder bergab. Der Wald ist dicht und dunkel, wirklich unheimlich. An vielen Stellen ist der Weg so steil, dass wir nicht mit Fellen aufsteigen. Wir wollen möglichst schnell auf die Hütte. Erleichtert sehen wir schließlich das Licht der Schronisko w Dolinie Pieciu Stawow.

Aufstieg zum Wyżnia Liptowska Ławka add_circle
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Aufstieg zum Wyżnia Liptowska Ławka

Dolinie Pieciu Stawow Polskirch

Die Hütte Schronisko w Dolinie Pieciu Stawow liegt in einem großartigen Hochtal, dem Dolinie Pieciu Stawow Polskirch. Die höchsten Gipfel sind im Süden Miedziane (2233 m) , im Norden Kozi Wierch mit (2291 m) und im Westen Svinica mit (2301 m). Im Südwesten grenzt das Hochtal an den Haupt-Gebirgsrücken Liptovske Múry an, der die Hohe Tatra im Osten mit der Westlichen Tatra verbindet. Auf ihm verläuft auch die Grenze zwischen Polen und der Slowakei.

Am nächsten Morgen wachen wir so früh auf, dass der Mond noch am Himmel scheint. Keine Wolken - ein perfekter Tag liegt vor uns, mit zahlreichen Tourenmöglichkeiten. Wir brechen in Richtung Liptovske Múry auf. Die Hänge lagen dort lange im Schatten. Wir erhoffen uns Pulverschnee.

Als wir die erste Steilstelle hinter uns lassen, entdeckten wir eine Rinne, die in einen Sattel, den 2071 m hohen Wyżnia Liptowska Ławka, führt. Für den Aufstieg muss man die Ski auf den Rücken spannen. Der Sattel kann stark überwechtet sein. Wir haben Glück: ein Teil der Wechte ist bereits abgebrochen.

6000 Höhenmeter in 6 Tagen

Über den Grat gehen wir weiter zum Wyżni Kostur auf 2083 Metern. Wir sind im Herzen der Tatra. Zu unsere Linken erheben sich die schroffen Felswände der Hohen Tatra, zu unserer Rechten die sanfteren Rücken der Westlichen Tatra und vor uns öffnet sich ein weiteres Mal der Blick in das Kôprová Dolina, in das wir bereits vor zwei Tagen bei unsere Tour mit Miro aus anderer Perspektive geblickt hatten. Es ist eben eines der kleinsten Faltengebirge der Welt.

Der Schnee auf der polnischen Seite im Dolinie Pieciu Stawow Polskirch ist weich, trocken und nicht allzu sehr gepresst. Wir steigen wiederholt auf und ab, immer auf der Suche nach unverspurtem Gelände. Nach 6000 Höhenmetern in den letzten sechs Tagen wollen wir den letzten Tag unseres Trips entspannt genießen.

Als wir am Nachmittag zur Hütte kommen, verfinstert sich der Himmel. Wir entscheiden, spontan abzusteigen und die Heimreise anzutreten – wehmütig, haben wir doch ein großartiges Gebirge kennen gelernt.

Was von der Tatra im Gedächtnis bleibt

Die Tatra ist ein kleines und äußerst kompaktes Gebirge – trotzdem recht unerschlossen. Die Westliche und Hohe Tatra unterscheiden sich landschaftlich. Beide besitzen aber teils atemberaubende Schönheit. Die verschiedenen Expositionen der einzelnen Gebirgsteile sorgen für unterschiedliche Wetterbedingungen. An den Hängen der Tatra staut sich Feuchtigkeit, die aus Nordwesten, aber auch von Südwesten her strömt. Trotz der geringen Größe des Gebirges können die Niederschlagsmengen deshalb zonal unterschiedlich ausfallen.

Wir haben die Menschen in der Slowakei und in Polen als sehr gastfreundlich empfunden.

Trotz unserer nicht vorhandenen Sprachkenntnisse war es kein Problem, sich zurechtzufinden. Mit ein paar Brocken polnisch sowie Englisch kamen wir gut durch.

In der Niederen Tatra findet im April 2018 zum wiederholten Mal die Freeride World Qualifier Tour im Ski-Areal Jasná /Chopok, dem größten Skigebiet der Slowakei, statt. Der bekannteste Wintersportort ist das polnische Zakopane auf der Nordseite des Gebirges.

Reisedaten:

Berlin - Rohacska Dolina 731km

Rohacska Dolina - Štrbské Pleso 91km

Štrbské Pleso - Polania Palencia 72,5km

Polania Palencia - Berlin 704km

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Kommentare
chat
Lenka K. 22.12.2017 | 23:10 Uhr

Der Hüttenwirt der Chata pod Rysmi (vulgo Váha), Viktor Beránek, ist ein echter Urgestein, gewissermassen der Charly Wehrly der Tatras (ohne die Schreibader) und die Hütte auch im Sommer einen Besuch wert (interessante Klettermöglichkeiten).

Viele der Hütten in den Tatras werden auch heute traditionell durch Träger versorgt, obwohl der Heli eigentlich günstiger wäre. Auf diesjährigem Bergfilm-Festival Tegernsee lief ein sehenswerter Film von Pavel Barabás ("Sloboda pod nákladom – Freedom under Load"), der diese recht freien und unbeugsamen (wörtlich :) ) Menschen portratierte.

chat
maxfree 22.12.2017 | 15:34 Uhr

Spannend!
Vielen Dank für den Bericht