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La capitale des Alpes | Erasmus in Grenoble

Savoir vivre c'est savoir skier

30.12.2019

Bei vielen Freeridern ist Grenoble noch ein weißer Fleck auf der Karte. Meistens lässt man die 160.000 Einwohner zählende Hauptstadt der Isère trotz seiner hochalpinen Kulisse, an der Autobahn einfach links liegen. Im Zuge von Erasmus habe ich als neben dem Studentenleben auch die Freeride- und Skitourenmöglichkeiten auf Herz und Nieren testen können.

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www.geoportail.gouv.fr

Bei vielen Freeridern ist Grenoble noch ein weißer Fleck auf der Karte. Meistens lässt man die 160.000 Einwohner zählende Hauptstadt der Isère trotz seiner hochalpinen Kulisse, an der Autobahn einfach links liegen. Im Zuge von Erasmus habe ich als neben dem Studentenleben auch die Freeride- und Skitourenmöglichkeiten auf Herz und Nieren testen können.

Nach einem Jahr mit vielen Höhenmetern, rasanten Abfahrten und herzlichen Franzosen kann ich nur dazu raten, der „Hauptstadt der Alpen” einmal einen Besuch abzustatten. 

Es war kurz vor Weihnachten, als wir der TU München unsere Wunschpartnerstädte mitteilen sollten. Für mich gab es diesbezüglich eigentlich vor allem ein Hauptkriterium: nahe an den Bergen sollte es sein. Beim Durchblättern der Auslandsbroschüre fiel mir neben Neuseeland, Chile und Kanada ein Ort auf, dem ich schon einmal begegnet war, und zwar im großen PowderGuide Buch über die besten Freeride Spots der Alpen. Mein Interesse war geweckt. Ich fragte mich warum ich in die Ferne schweifen sollte, wenn ich nicht einmal die Berge unserer nächsten Nachbarn kenne. 

Ich entschied mich letztendlich für eine betongraue Stadt, von der die meisten meiner Kommilitonen noch nie gehört hatten, oder in der Schweiz vermuteten. Das hässliche Entlein der Erasmusdestinationen sozusagen, denn sie geht Jahr für Jahr in der Zuteilung der Restplätze leer aus. Die größte am Hochgebirge liegende Stadt der Alpen scheint auf den ersten Blick keinen guten Ruf zu genießen. Aber warum ist das so? Um das herauszufinden, packte ich alle Sachen, die man für ein Jahr im Ausland benötigt und machte mich auf den Weg in den Westen.

Es war Mitte August und ich nutze die verbleibende Zeit, bis die Uni losgehen sollte, für einem Roadtrip quer durch das Land: Schwer beladen mit Winter- und Wassersportausrüstung aller Art über die Atlantikküste bis nach Südfrankreich und am Ende über verwunschene Bergsträßchen in Richtung Westalpen. Ich folgte der Route Napoleon an uralten Korkeichen und tiefblauen Seen vorbei und staunte, wie die lieblich mediterrane Landschaft immer mehr einer alpinen Kulisse wich. Ich wusste, ich war auf dem richtigen Weg. 

Angekommen in Grenoble, kam ich gerade rechtzeitig zum Bezug meines Wohnheims. Es war im Zuge der Olympischen Winterspiele 1968 erbaut worden und lag etwas südlich in der Stadt in einem ehemals berüchtigten Vorort. In den ersten Wochen entdeckte ich die sehenswerte Altstadt mit vielen Bars und Cafés und stellte hocherfreut fest, dass ich von fast jedem Winkel der Stadt die Berge sehen konnte. 

Die drei markanten Gebirgsketten, die ich von überall aussehen konnte, waren das für seine Kalksteinhöhlen bekannte Vercors im Westen, das für seinen Kräuterschnaps bekannte Chartreuse im Norden und das schneeverwöhnte Belledonne im Osten. Alle 3 Gebiete haben einen ganz eigenen Charakter und bieten in unmittelbarere Umgebung zur Stadt alles, was das Bergsteigerherz höherschlagen lässt. 

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Blick vom Chartreuse bei Nacht add_circle
Mathis Lochner
terrainGrenoble
Blick vom Chartreuse bei Nacht

Aller Anfang ist Schnee 

Beim Skiwachsen und der LVS Suche im Laub sah man in der Ferne die ersten schneebedeckten Berggipfel leuchten. Ein Blick auf die Karte verrät: Es gibt einige hoch gelegene Pässe, wo man auch schon Anfang November auf Skitour gehen kann. Einer davon ist der ganzjährig geöffnete und durch die Tour de France bekannte Col Lautaret auf 2057 m. Erreichbar ist er in gut eineinhalb Stunden über die D1091 in Richtung Briançon. 

Der auch unter Snowkitern beliebte Pass bietet sich als Ausgangspunkt für zahlreiche kurze und teils anspruchsvolle Touren an. Besonders gut gefallen mir die Pics de Combeynot mit ihren vielen Nordhängen und schattigen Rinnen mit teils recht steilen Abfahrten. Aber auch im Süden des Passes kann man bis spät ins Frühjahr direkt vom Parkplatz lostouren.

Als der Winter dann so richtig losging habe ich erfahren, wie so ein richtiger Weststau aussieht. Während es in der Stadt in Sturzbächen regnet, ist das Gebirge am nächsten Tag in ungeheuren Neuschneemengen eingezuckert. Nur wenn der Stau über Tage anhält und wenn dichter Schneefall, wenig Sicht und hohe Lawinenwarnstufe die Möglichkeiten schrumpfen lassen, ist guter Rat teuer, denn viele der bekannten Spots um Grenoble haben ihr bestes Terrain oberhalb der Waldgrenze. Wem an solchen Tagen die Waldabfahrten von Val d’Isère oder Les Arcs zu überlaufen sind, der findet in kleinen Skigebieten wie la Norma, Arêche-Beaufort in der Haute-Maurienne oder Puis-Saint-Vincent in den Hautes-Alpes exzellente Treeruns. Auch im Freeride Mekka la Grave beschränkt sich an solchen trüben Pulvertagen meist alles auf die untere Téléphérique und außer ein paar Locals sind vor allem unter der Woche wenig Leute unterwegs. 

Lange dauert es im Südwesten allerdings nie, bis nach einem Sturm die Sonne wieder durch die Wolken durchbricht. An solchen Tagen verlässt man besser frühzeitig den Hörsaal und stattet den Hausskigebieten Chamrousse und Les Sept Laux einen Besuch ab. Beide liegen im Belledonne Massiv und in gerade mal 40 Minuten Anfahrt steht man hier auf der Skipiste. Chamrousse ist für seinen Snow-Park und sein anfängerfreundliches Terrain bekannt. Les Sept Laux vor allem für sein beachtliches Freeride-Potential. Aufgrund der kurzen Anfahrt und den Ticket-Preisen zwischen 12 und 16 Euro, je nach Tag, ist hier viel los und es staut sich manchmal bis fast ins Tal. Wer Parkplatz und First Lines ergattern will, sollte kein Spätaufsteher sein. Neben den Hausbergen sind auch der nordöstlich gelegene und wunderschöne Vanoise Nationalpark, sowie das im Norden angrenzende Mont Blanc Massiv in gut 2 Stunden erreichbar und einen Besuch wert. Aufgrund der guten Erschließung und der gut ausgestatteten Hütten ist man allerdings auch hier selten allein. 

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Adrian Sauter
terrainPics du Combeynot

Eine Nachtstkitour über dem Lichtermeer 

Auch das direkt im Norden von Genoble angrenzende Chartreuse-Gebirge bietet sich aufgrund seiner Nähe an, um abends noch schnell eine Nachtskitour über dem Lichtermeer der Stadt zu machen. Gipfel wie Chamechaude bieten einen großartigen Blick mit einzigartigen Felsformationen und Abenteuertouren, wie den winterlichen Aufstieg über die Breche de Arnaud. 

Auch im Vercors gibt es schöne, mittelschwere Skitouren, allerdings sind diese aufgrund der schroffen Felswände wie am Mont Aiguille oft kurz und nicht immer leicht zu erreichen. Ein kurioser Klassiker ist hier der Chourum Olympique. Jeder, der mal in einer Höhle Steilwandfahren will, sollte sich diese Tour im Süden des Vercors nicht entgehen lassen. 

Das bekannteste Skitourengebiet um Grenoble ist mit Sicherheit das Belledonne Massiv. Ob mit Liftunterstützung von Les 7 Laux oder einsamer von Osten aus: Man findet direkt neben den Skigebieten vielseitige und teils lange Touren mit alpinem Charakter, steile Couloirs und weite Firnhänge. In schneearmen Wintern sind die Zustiege zu Fuß zwar recht lang, das hält die zahlreichen Franzosen aber nicht von einer Besteigung ihrer Hausberge ab. Die Krönung ist die abwechslungsreiche Skitour zur Croix de Belledonne, welche Einsamkeit und fantastischen Weitblick auf die eingenebelten Täler der Isère bietet. 

Hier sieht man auch, dass Grenoble aufgrund der Kessellage eine der versmogtesten Städte Frankreichs ist. Dieses Phänomen der Inversion kenne ich gut aus meiner Heimat bei Stuttgart. Ein Grund mehr, in die höheren Lagen zu pilgern und auf die Dunstschwaden herabschauen. Wer zu dieser Verschmutzung nicht beitragen möchte, kann mit dem öffentlichen Nahverkehr einige Skigebiete und auch entlegenere Winkel um Grenoble erkunden. Allerdings ist ein Auto vor allem in den Écrins und bei abgelegenen Touren von Vorteil.

 

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Die bunten Gondeln der Téléphérique de la Grave add_circle
Mathis Lochner
terrainLa Grave
Die bunten Gondeln der Téléphérique de la Grave
Das beste Skigebiet der Welt 

Folgt man den Tälern in Richtung Col Lautaret mit seinen verlassenen Dörfern und Staustufen, kommt man zwangsläufig am Freeride-Mekka la Grave vorbei. Dem auf den ersten Blick unscheinbaren, aber urigen Bergdorf eilt zu Recht der Ruf voraus, legendär zu sein, denn es ist mit seinen spektakulären und unzähmbaren Abfahrten einzigartig. Das beste Skigebiet der Welt hat nicht nur oft den besten Powder, sondern auch die besten Fans. Einige übernachten teilweise wochenlang auf dem kleinen Parkplatz vor der Gondel und sorgen neben frischen Spuren im Schnee für gute Stimmung in den umliegenden Bars. Mit entsprechender Ausrüstung und Erfahrung eröffnet sich einem hier eine ganz neue und hochalpine Welt, die man tief einatmen sollte. Nirgends sonst spürt man die Freiheit der Berge, aber auch die von ihr ausgehende Gefahr so intensiv wie hier. 

Neben la Grave sind außerdem auch die die zahlreichen Hochtouren in den Écrins eine eigene Reise wert. Hier gibt fast ausschließlich schwere Touren und neben der Lawinenlage sollte das bergsteigerische Können passen. Steile Couloirs, hängende Gletscher und wilde Seracs und Eisformationen prägen die hochalpine Gletscherlandschaft. Dieser Teil der Westalpen scheint noch sehr ursprünglich geblieben und man meint, in den verwunschenen Tälern des Écrins-Nationalparks herrscht irgendwie eine andere Zeitrechnung. Unverbaute Berge soweit das Auge reicht und spektakulär gelegene und nicht überlaufene Schutzhütten wie das Réfuge de l’Aigle runden diesen Eindruck ab. 

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Nächtlicher Ausblick vom Refuge du Promontoire auf 3092 m add_circle
Geoffrey Genay
terrainLa Meije
Nächtlicher Ausblick vom Refuge du Promontoire auf 3092 m

Verlässt man die Écrins über das Col de Lautaret in Richtung Briançon, hat man zügig Serre Chevalier erreicht. Ein sehr weitläufiges Skigebiet mit lichten Lärchenwäldern, altertümlichen Liften und Südalpenflair. Hier scheint oft die Sonne, wenn in Grenoble der Himmel bedeckt ist. 

Wem das immer noch nicht sonnig genug ist, sollte auf das Frühjahr warten, denn Grenoble liegt so südlich wie Mailand und Venedig. Wenn in den Straßen schon lange Sommer ist, fängt hier die echte Hochtouren- und Steilwandsaison erst an. Spätestens im August wird es aber so heiß und stickig, dass der „Grenoblois“ in die nähere Umgebung flüchtet. Bei einer schier unendlichen Auswahl an Wanderungen, Alpinkletterrouten oder Canyons reicht ein Menschenleben nicht aus, um alles zu erkunden. Die Verdonschlucht oder die Ardèche sind beliebte Ausflugsziele für Naturfreaks. Kulturliebhaber können durch Städtchen wie Aix-en-Provence, Nîmes oder Arles schlendern. Wer die Beine ins Meer baumeln lassen will, fährt bis nach Nizza oder stattet den Calanques bei Marseille einen Besuch ab. 

Der Sturm auf die Bastille 

Die in Grenoble Verbleibenden verlassen am besten in den lauen Abendstunden das Haus in Richtung historische Altstadt. Hier reiht sich eine Bar an die andere und es gibt viele belebte Plätze. Ein echter „Grenoblois” würde dir sagen, man könne 365 Tage im Jahr in einer anderen Kneipe ein Bier trinken. Ein lokales Bier und Grenobles berühmte Tacos sollte man sich beim Nachhauseweg schon genehmigen, denn hier sitzen die Menschen auch in klirrenden Winternächten noch im Freien und tratschen unter funkelnden Heizstrahlern. Der zentral gelegene Parc Paul-Mistral wurde für mich der Inbegriff von südfranzösischer Lebensart. Nachdem ich nebenan in eine WG mit zwei Glaziologen gezogen bin, trafen wir uns oft hier zum Boule Spielen, Slacklinen, oder um ein Feierabendbier zu genießen. Wem das zu träge ist, dem empfehle ich, sich den sportverrückten Grenoblern anzuschließen und auf die Bastille zu sprinten. Der Hausberg wird mithilfe von vielen Treppen und Serpentinen regelrecht erstürmt, ist aber auch mit einer Gondelbahn direkt aus der Stadt erreichbar. 

Rotwein und Couscous dürfen auf keiner Hütte fehlen add_circle
Adrian Sauter
terrainRefuge du Pavé
Rotwein und Couscous dürfen auf keiner Hütte fehlen

Eine weitere gute Möglichkeit, Gleichgesinnte kennenzulernen ist, sich in einem der studentischen Bergsportvereine ESMUG, GUCEM oder dem CAF (ähnlich dem DAV/ÖAV) anzumelden. Hier hat man die Möglichkeit, an zahlreichen Ausflügen und Kursen teilzunehmen oder die Kletterhallen zu nutzen. So preiswert wie hier bekommt man wahrscheinlich selten die Möglichkeit, Eiskletterkurse, Canyoning oder geführte Hochtouren wahrzunehmen. Zu empfehlen ist auch eine Mitgliedschaft bei der École de Glisse. Anfänger finden hier kostenlose Skikurse und mit der Mitgliedskarte bekommen auch Profis starke Vergünstigungen in den Skigebieten Les Sept Laux und Les Deux Alpes sowie bei einigen der vielen Sportgeschäften. 

Savoir vivre c’est savoir skier 

Es ist ein besonderer Ort, an dem so viele bergaffine Menschen aus ganz Frankreich und der Welt zusammenkommen. Grenoble ist ein idealer Ausgangspunkt für eine Vielzahl an alpinen Abenteuern in jeglichen Schwierigkeiten. Die Kombination aus Bergsport bis zum Abwinken, urbanem Studentenleben und die sportlich-sympathische und fast mediterrane Lebensweise der Grenobler macht die Stadt wirklich einzigartig. Für mich ist sie eine neue Heimat geworden und ich hoffe, dass ihr das nächste Mal nicht achtlos vorbeifahrt, sondern aussteigt und womöglich für immer bleibt, denn Achtung: Suchtgefahr! 

Praktische Links zur Tourenplanung: 

Bergwetter und Lawinenlageberricht : Meteofrance.com , Meteoblue.com 

Tourenplanung: skitour.fr (Reports, GPS Tracks), Camptocamp.org (Reports, Topos, Fotos der Abfahrten) 

Karten 

Ipighénie Karten fürs Handy 

Géoportail gute Satelitenbilder, IGN sowie historische Karten. Ebenen zum Einstellen der Hangneigung, Höhenprofil und Wegpunkte 

IGN Karten in Papierform detailiert, robust 

Freeride Maps für Skigebiete 

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