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Abenteuer/Reisen
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Ab nach Hause!

Gipfeltouren in der Hohen Tatra, Polen.

21.03.2019

Manchmal gerät man über Umwege zu seiner Bestimmung. Oder zumindest zu seinem Glück. Diese Umwege nehmen teilweise so absurde Abzweigungen, so unvorhersehbar zufällige Zufälle, dass man fast an so etwas wie Schicksal glauben mag. Ich meine, gibt es wirklich so etwas wie einen roten Faden?

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Olek Pobikrowski
Marek Victor Klimczak
terrainChochołowska

Manchmal gerät man über Umwege zu seiner Bestimmung. Oder zumindest zu seinem Glück. Diese Umwege nehmen teilweise so absurde Abzweigungen, so unvorhersehbar zufällige Zufälle, dass man fast an so etwas wie Schicksal glauben mag. Ich meine, gibt es wirklich so etwas wie einen roten Faden?

Mein Name ist Marek, ich bin 39 Jahre alt und mein Papa war Pole. Ich sage „war“, denn er ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Ich bin meinem Papa für Vieles dankbar und, ja, ich vermisse ihn. Er hat mir eine ganze Menge beigebracht und mitgegeben – am meisten dankbar bin ich ihm dafür, dass er mir seine Leidenschaft fürs Freeriden vererbt hat. Er war nordischer Kombinierer und Skispringer im polnischen Nationalkader, bis er Anfang der 1970er aus Polen nach Deutschland floh. Seinetwegen gehören Ski und Snowboard zu meinem Leben, man kann sogar sagen: konstanter als alles andere.

Und er hat mir einen Auftrag mitgegeben. Denn er wollte sein ganzes Leben mal nach Kanada zum Heliskiing, hat es aber wegen seiner Krankheit nicht mehr geschafft. Aber mein Papa war immer der Überzeugung, dass die Kinder die Träume der Eltern verwirklichen.

Also musste ich nach Kanada. Ohne Frage.

Ich arbeitete lange darauf hin. Und in den Weihnachtsferien 2017/2018 packte ich meine damalige Freundin Janna und ihren Bruder, der gerade ein Jahr auf Vancouver Island zur Schule ging und ein ebenso versierter Freerider ist wie sie, in ein HeavyDuty Womo, und wir fuhren Schnee und Schnauze hinterher. Wir gelangten über Whistler und Sun Peaks nach Revelstoke. Weil Revelstoke all unsere Erwartungen an Schnee und Drumherum übertraf, beschlossen wir, Kicking Horse von unserer Liste zu streichen und einfach in Revelstoke Silvester zu feiern.

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Michał „Misiek“ Ślusarczyk
Agata, Marek
terrainChochołowska

Wir waren also im mystisch schönen Revelstoke, als sich Janna mit unserer gesammelten Schmutzwäsche in den Waschsalon aufmachte, während wir Boys in der Zwischenzeit ordentlich jagen und kochen sollten. Aber Janna kam schneller zurück als gedacht und entschied, dass ich mich um die Wäsche kümmern sollte: ein ziemlich komischer Typ würde dort im Salon hocken und ihr Angst einjagen.

Ich also hin. Der Typ hockte auf einem Stuhl in der Ecke und las ein Buch. Er war ziemlich kräftig und hatte ein derbes Veilchen am Auge. Ich sprach ihn an und fragte, wie das mit dem Waschen hier so funktioniert. Ich bemerkte seinen Akzent und wollte wissen, woher er kam. Es stellte sich heraus, dass Szymon aus Kościelisko bei Zakopane in der Hohen Tatra kommt, polnischer Bergführer ist und bei der Canadian Avalanche Association gerade seine Ausbildung zum professionellen „Avalanche-Guide“ machte. Gefühlte zwei Stunden und acht Biere später stellte sich zudem heraus, dass sein Großvater und mein Vater gemeinsam im polnischen Nationalkader Skispringer gewesen waren. Kann man das glauben? In Revelstoke?

Es folgte natürlich die Einladung in die Hohe Tatra.

Ich besuchte Szymon erstmal im Sommer und die Gastfreundschaft seiner Familie war überwältigend. Ich lernte auch Andrzej Bargiel kennen, der im Juli 2018 es als erster Mensch vom Gipfel des K2 bis ins Basislager abgefahren ist, und natürlich Misiek, Szymons Freund und Partner bei der „Freeride Academy“.

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Marcin Kin
terrainTal „Kondratowa“

Die Freeride Academy haben die beiden gegründet, weil sie ihre Passion für das Freeriden, Tourengehen und die Berge mit anderen teilen, aber auch ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben möchten.

So schön der Sommerbesuch bei den Jungs war, in Gedanken waren wir alle schon im Winter. Denn im Oktober organisierte die Freeride Academy zum Saisonstart eine nette Zusammenkunft von 24 Freeridern im Pitztal, und ich war natürlich mit von der Partie. Ich sage euch: ich war und bin völlig geflasht von der Professionalität und Leidenschaft, mit der die Jungs ihre Begeisterung für Tourengehen und Freeriden vermitteln und es dann auch noch schaffen, die ganze Gruppe stets gut gelaunt zu halten.

Nach diesem ersten Bergschnuppern mit Szymon und Misiek war für mich klar: ich will in die Hohe Tatra und mit den beiden Tourengehen. Ein Jahr später sollte ich mit Szymon nicht mehr in Revelstoke sondern in der Hohen Tatra Silvester feiern, beim „Freetour-Camp“ in der Hohen Tatra.

Die Anreise erfolgte per PKW von Berlin aus über Krakau. Die Autobahn bis Krakau ist sehr gut ausgebaut, (allerdings kostenpflichtig), anschließend geht es über die Bundesstraße Richtung Zakopane. Alternativ kann man mit dem Flugzeug oder mit dem Zug über Krakau anreisen. 

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Szymon Styrczula-Maśniak
Szymon, Misiek

Untergebracht waren wir alle in der in den sehr luxuriösen Appartements der Villa Szymoszkowa in Kościelisko. Die Gruppen wurden nach Leistungsniveau eingeteilt und dementsprechend waren auch die Touren vorbereitet. Jede Gruppe hatte ca. 4-6 Teilnehmer/innen plus professionellen Bergführer.

Am Morgen des 28.01.18 trafen sich alle Gruppen um 8:30 Uhr vor dem Wolf Trail Alpine Center am Kreisverkehr Johannes Paul II in Zakopane. Nach der Gruppeneinteilung und der Organisation des Leihmaterials ging es per Bus weiter nach Kużnice (1000m), wo wir die Felle anlegten. Nach einem kurzen Aufstieg von ca. 200hm kamen wir am Hotel Górski Kalatówki (1195m) an, wo wir alle am dortigen Lawinentrainingsgelände die LVS-Suche durchführen mussten und auf Herz und Nieren getestet wurde, ob wir im Notfall auch richtig reagieren würden. Anschließend ging es hinauf zur Hütte an der „Hali Kondratowej“ (1333m), hinab ins Tal „Kondratowa“, hinauf auf den „Suchy Wierch Kondracki“ (1890m) und wieder hinab über wunderschöne Tiefschneehänge zurück nach Kużnice, wo wir alle zum Après Ski in die Bar „Bufet Harnas“ einkehrten.

Am zweiten Tag mussten wir Steigeisen und Eispickel mitnehmen und trafen uns diesmal direkt an der Gondel zum Gipfel des Kasprowy Wierch (1959m). Das Wetter war an diesem Tag herausfordernd, sehr neblig und immer wieder von leichten Schneefällen durchrieselt. Das trübte unsere Laune aber nicht im Geringsten. Nach einer schönen ersten Abfahrt (ca. 35° Grad-Hänge!) fellten wir auf, um Richtung „Świnica“ (2301m) aufzusteigen. Wir gingen jedoch nur bis zum Grat „Świnicka Przełęcz“ (2051m), weil Szymon entschied, dass die Lawinengefahr zu groß werden würde und wir bereits ab hier wunderschöne Hänge zum Abfahren hatten. Der Schnee war ein Genuss!

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Vor der Schutzhütte im Tal „Chochołowska“ add_circle
Michał „Misiek“ Ślusarczyk
Vor der Schutzhütte im Tal „Chochołowska“

Unten im Tal „Hala Gąsienicowa“ bestiegen wir nach einer Brotzeit einen kleinen Nebengipfel, um unter Szymons Anleitung den Umgang mit Pickel und Steigeisen zu üben. Versierter fellten wir wieder auf und bestiegen den Karb (1853m). Nach kurzer, zufriedener Gipfelpause fuhren wir eine lange Abfahrt über die Schutzhütte „Murowaniec“ (1500m) bis hinunter ins Tal (ca.1000m), wo bereits ein Bus auf uns wartete, um uns zurück nach Zakopane zu bringen, wo unsere Gruppe noch einen ausgelassenen Aprés Ski in der Bar „Kwatera Główna“ hinlegte.

Am nächsten Tag mussten wir früh aufstehen. Der Treffpunkt lag ca. 10 km vor Zakopane, in Siwa Polana, wo wir alle in einen alten russischen UAZ-Bus umstiegen, der uns den langen Weg hoch zur Schutzhütte im Tal „Chochołowska“ (1146m) direkt an der slowakischen Grenze brachte. Von dort aus bestiegen wir den Rakon (1879m). Eine traumhafte, aber auch sehr anstrengende Tour durch die faszinierende Landschaft des Tatra Nationalparks. Aber die Abfahrt zurück zur Schutzhütte war jede Anstrengung wert. Nach dem Mittagessen erkundeten wir die andere Seite des Tals, erreichten unser eigentliches Ziel, die „Siwa Przelęc“ (1812m), aber nicht ganz, da die Mehrzahl der Teilnehmer schon an ihr Limit gekommen war. Also genossen wir einfach die super Abfahrt in sehr tiefem Schnee und fielen erschöpft in unsere weichen Betten.

Am letzten Tag des Jahres schneite es ununterbrochen und viel. Daher entschieden unsere Guides, dass wir nur im Waldbereich des „Chochołowskiej“ fahren und uns von den Lawineneinzugsbereichen fernhalten sollten. Bei 60 cm Neuschnee hatten wir einfach eine geile Zeit!

Und am Abend stieg die Silvesterparty in einer alten Bauernhütte bei Kościelisko, direkt auf dem Feld mit großem Lagerfeuer und fettem Barbecue. Alte und neue Freunde, alles Freeridefreaks – was für ein Abschluss, was für ein Neuanfang! Ich habe mich in diesen vier Tagen wie in einer anderen Welt gefühlt. Und ich sage euch: man muss nicht wie ich einen Umweg über Kanada einlegen, um in Polen (wieder) eine Heimat zu finden. 

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Marcin Kin
Szymon Styrczula-Maśniak

Infos

In der FREERIDE ACADEMY bieten Misiek und Szymon Camps für alle Freeridebegeisterte jeder Niveaustufe an, z. B. „Von der Piste in den Tiefschnee“, „Steep and Deep“, „Das 1x1 des Skitourens“ und weitere. Dabei wird nicht nur Leidenschaft fürs Freeriden vermittelt, sondern immer auch theoretische Inhalte zu Schnee-, Lawinen- und Wetterkunde. Darüber hinaus bieten sie auch verschiedene Ski Expeditionen nach Georgien, Frankreich und Österreich an. Glaubt mir, ihr werdet fündig! In der Saison 2019/2020 wird es auch extra Camps für Splitboarder geben. Sprachliche Barrieren sind nicht zu fürchten, Szymon und Misiek sprechen beide sehr gut Englisch und geben die ein oder andere Anweisung auch auf Deutsch.

Auf der Website der Freeride Academy und den Social Media Accounts der Guides Michał Ślusarczyk und Szymon Styrczula-Maśniak findet ihr alles Weitere.

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Kommentare
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Marek 06.04.2019 | 20:17 Uhr

@brecher: wie heute persönlich besprochen ist das Freeriden/ Tourengehen seit 2 Jahren auf der polnischen Seite erlaubt.

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brecher 27.03.2019 | 09:40 Uhr

"Er war ziemlich kräftig und hatte ein derbes Veilchen am Auge" - Hahaha! Sehr schön geschrieben :D

Und sag ma: In meinem Kopf ist Freeriden auf der polnischen Seite der Tatra nicht erlaubt. Hat sich das geändert, oder ist das was anderes, wenn man mit Bergführer unterwegs ist? Würde grundsätzlich gerne mal hin (angeheiratete polnische Verwandschaft und so), aber ich fand den Gedanken des FR-Verbots immer so ein bisschen unattraktiv...

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powderhousen 21.03.2019 | 14:26 Uhr

...schöner Bericht, super Bilder, macht Lust auf mehr:-)