15.12.2009
Olav Schmid

Informationsauswahl und Saisonvorbereitung

Schneemann fragt nach?

Snowcard, Reduktionsmethode, Schaufelstrategie, Mikrosuchstreifen, 3x3-Filtermethode, Sondierungstechnik, Bierdeckel, Stop-or-Go? Wer sich vor einer Lawinentragödie in den Bergen schützen möchte, wird schon bei der Auswahl an Literatur, Methoden und Studien von einer Informationslawine überrollt. Dabei sind wir Freerider weder bei der Bergrettung, noch bereiten wir uns auf die Bergführerprüfung vor! Alles was wir wollen, ist fett Powder und schöne Sprays und zwar ohne vorher zehn Fachbücher zu wälzen oder jedes Jahr eine Woche Lawinentraining zu absolvieren.

Wer in die Berge geht begibt sich in Gefahr. Statistisch ist Wintersport abseits der Piste ähnlich gefährlich wie Autofahren - nur dass Autofahren nur sehr schwer vermeidbar ist. Fraglos setzen wir uns beim Freeriden freiwillig einem erhöhten Risiko aus. Viel tragischer aber ist die Tatsache, dass es sich dabei nicht nur um unsere eigene Sicherheit handelt, sondern besonders um die der anderen. Meine Fähigkeiten bei der Verschüttetensuche sind die Lebensversicherung meines besten Kumpels; meine Unachtsamkeit und Unerfahrenheit kann im Extremfall mit dazu beitragen, dass Mitmenschen unter Tonnen von Schnee begraben werden.

Auf der Suche nach brauchbaren Informationen und für eine gute Saisonvorbereitung findet man hoch wissenschaftliche (leider auch weniger wissenschaftliche) Studien über das richitge Verhalten am Berg, die optimale Vorbereitung und etliche weitere Methoden und Sicherheitsvorkehrungen. Und das ist auch gut so! Die Beurteilung der Schneedecke ist schliesslich ein weites Feld über das man noch lange nicht alles weiß.

Die Kehrseite ist natürlich, Gefahr zu laufen, bei den Powder-Neulingen oder auch bei erfahrenen Freeridern eine völlige Überforderung und Verwirrung durch die Komplexität der Materie hervorzurufen. Dass hier Kompromisse eingegangen werden ist leider unvermeidbar!

Wie also bereite ich mich optimal auf die Freeridesaison vor?

Und was sollte ich als Freeride-Einsteiger an Wissen und Fertigkeiten mitbringen ohne aus dem Freeriden eine Wissenschaft zu machen oder am Ende bei einem Lawinenabgang vor lauter Input den Überblick zu verlieren?

Der Sicherheitsexperte Flo Hellberg empiehlt zur optimalen Vorbereitung

Flo Hellberg

Das Wichtigste beim Freeriden ist sich selber Gedanken zu machen und nicht einfach blind den Spuren nachzufahren oder voller Firstline-Elan einfach irgendwo einzufahren. Aber genau das macht meiner Meinung nach den Freeride-Gedanken ja aus: Eigene Wege zu gehen und kreative Lines zu fahren! Die wichtigste Grundlage dafür ist der Lawinenlagebericht (LLB). In diesem Bericht ist neben der Gefahrenstufe genau beschrieben, wo die gefährlichen Stellen im Gelände sind und was die Ursache der Gefahr ist. Das heißt in der Früh vor dem Freeriden ist das Lesen des regionalen LLB ein Muss – am besten selber runterladen oder in den meist Skigebieten hängt er am Lift oder an der Kasse aus. Folgende Fragen sollte ich mir dann mit dem aktuellen LLB beantworten:

Wie gefährlich ist es in dem Gebiet in dem ich unterwegs sein werde? – Gefahrenstufe

Wo liegen die Gefahrstellen? – Zusatzinformationen (Höhenlage; Exposition; Geländeform)

Was ist die Ursache der Gefahr? (Windwirkung; Schneeverfrachtung; Temperaturen)

Mit Hilfe dieser Informationen kann ich dann im Gelände gefährliche Stellen wahrnehmen. Das heisst: Beim Planen der Lines und Einschätzen des Geländes sollte ich gleich die im LLB beschriebenen Risikoquellen einfliessen lassen. Schrittweise sieht das wie folgt aus:

1. Je höher die Gefahrenstufe desto großräumiger muss ich das Gelände mit einbeziehen.

2. An der Gefahrenstelle selbst müssen dann anschliessend die Optionen abgewogen werden: Verzichten/ Umgehen/ oder die Gefahrenstelle EINZELN befahren oder bzw. im Aufstieg große Abstände einhalten.

3. Wenn ich wenig Wissen und Erfahrung über das Thema Lawinengefahr habe, sollte ich die Gefahrstellen umgehen!

4. Habe ich schon etwas mehr Erfahrung, kann ich mit der DAV-Snowcard oder durch Einschätzen der Lawinenproblematik entscheiden.

Zusammengefasst bedeutet das für die Saisonvorberetiung:

Die Webseiten mit den LLB?s in die Favoriten/Bookmarks speichern. Alle wichtigen Telefonnummern – Lawinenwarndienste, Bergrettungen, etc. – ins Handy einspeichern. Ebenso solltet ihr euch das Glossar sowie die Gefahrenskala noch mal anschauen um den Lagebericht richtig verstehen zu können!

Ist der Schnee dann da, ist es Zeit mit deinen Freeride-Kollegen den Umgang mit der Lawinennotfallausrüstung zu trainieren und die Ausrüstung zu checken (z.B. Batterien im LVS Gerät erneuern). Als Freerider müssen wir uns bewusst sein, dass wir die Materie Schnee nie vollständig im Griff haben werden. Wenn ich von einem Lawinenabgang betroffen bin, sind die Überlebenschancen in etwa wie beim russischen Roulette! Aber wenn meine Kollegen mich bzw. ich meinen Kollegen mit der Lawinennotfallausrüstung schnell aus den Schneemassen retten können, steigen meine Überlebenschancen drastisch! Eine gute Möglichkeit dafür sind in Deutschland die Akademie und die Freeridecamps von Check your Risk, in Österreich die Lawinencamps von SAAC oder die meisten Bergschulen bieten ebenfalls Lawinensicherheitstrainings an.

Have fun but take care!

Flo Hellberg ist staatl. gepr. Bergführer, staatl. gepr. Skilehrer, Physik Ingenieur und arbeitet für die Sicherheitsforschung des DAV. Aber in erster Linie ist er passionierter Freerider, der seine Schwünge am liebsten im Allgäu zieht

Flo Hellberg

Zur Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenvereins

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