28.04.2011
Christian Skala, Georg Hattwich

Auf den Spuren von Heini Holzer – Steilwandfahren in den Dolomiten

Steilwandfahren in den Dolomiten

Der Winter in unseren geliebten Nordostalpen neigt sich in schnellen Schritten dem Ende zu, die Wiesen sind vielerorts bereits grün und die sommerlichen Temperaturen lassen die unterdurchschnittliche Schneedecke noch schneller schmelzen. Viele für diese Jahreszeit übliche Steilwandprojekte werden sich in diesem Winter höchstwahrscheinlich nicht mehr realisieren lassen.

Start zu früher Stunde mit dem Ziel Cortina d'Ampezzo. Vom Ortskern des renommierten Olympiaortes ging es in wenigen Minuten Richtung "Passo Tre Croci" zum "Rio Gere", wo unser erstes Projekt stattfinden sollte. Oben angekommen und nach dem hier obligatorischen Registrieren beim Liftpersonal, ging es über das "Rifugio Lorenzi" und dem anschließenden Klettersteig, der sich mit Steigeisen und Eisgeräten sehr gut in gemütlichen ca. 50 Minuten bewältigen ließ, zum Einstieg ins "Canale del Prete-Vallencant".

Ein Bergführer mit Gast gab uns den Vortritt und so machten wir uns sofort fertig für den Einstieg. Die Rinne wirkte sehr anziehend und zu gleich mystisch. Uns bot sich ein genialer Tiefblick. Hoffentlich sind die Schneeverhältnisse passend für eine Befahrung! Nachdem schon einige Rutschspuren im Einstiegsbereich waren, entschlossen wir uns, die ersten Meter in die Rinne abzuseilen. Während des Abseilens machte der Schnee schon einen soliden Eindruck und unsere Vorfreude stieg und stieg.

Befreit vom Seil nahmen wir mit voller Konzentration den ersten Schwung in Angriff: perfekt, der Schnee war gut und die Sicherheit stieg von Schwung zu Schwung. Die ersten ca. 100 Höhenmeter sind über 50° Grad steil. Der Rest der Rinne bewegt sich zwischen 45° und 50° Steilheit. Jeder Meter machte richtig Spaß und so kamen wir recht schnell mit breitem Grinsen aus der Rinne. Kurzer Stopp mit Blick zurück, phantastisch war der Anblick des Cristallo Stocks mit der von uns befahrenen Rinne. Danach ging es über eine Steilstufe mit anschließenden Überquerungen des Bachs aus dem Tal hinaus zur Straße.

Nach intensivem Studium des Dolomiti-Busplans kamen wir zu der Feststellung, dass wir an der falschen Haltestelle sind und folglich heute kein Bus mehr kommen würde. Auf dem Weg zur richtigen Haltestelle lag ein schönes Cafe mit ebensolchen Sitzmöglichkeiten mit perfektem Bergblick, nur der Espresso fehlte aufgrund der Nachmittagsruhe unserer italienischen Freunde. Schade, das hätte die Wartezeit doch deutlich aufgewertet. Nichtsdestotrotz ein genialer Starttag, so kann es weitergehen!

Nach einer herrlichen Fahrt in den Sonnenuntergang über den Falzarego Pass, landeten wir schließlich am Abend in Arabba und bei leckerer Pizza wurden die Pläne für den Folgetag geschmiedet.

 

 

 

 

 

 

Die Marmolada Nordwand

Am Sonntag ging es früh zum Fedaia-See, um die Marmolada- Nordwand zu befahren. Mit dem legendären Tonnenlift ging es zum "Rifugio Pian dei Fiacconi", wo wir den Aufstieg mit den Fellen fortsetzten. Recht schnell hatten wir die Nordwand vor unseren Augen und sie wirkte nach genauer Inspektion in einem sehr guten Zustand. Daraufhin beschlossen wir den Normalweg aufzusteigen und nicht den anstrengenden Weg mit Steigeisen durch die Wand. Am Gipfel angekommen erwartete uns eine herrliche Fernsicht, angenehme Temperaturen und Windstille – traumhaftes Gipfelwetter.

Nach einer ausgiebigen Rast und kurzer Plauderei mit einem Bergführer, der viel lieber mit uns die Nordwand, als mit seinen Gästen die Normalabfahrt gefahren wäre, machten wir uns auf den Weg zum Einstieg in die Wand. Nur wenige Spuren waren zu sehen und wir tasteten uns die ersten Meter in die Wand hinein. Unser Eindruck vom Aufstieg täuschte nicht, die Wand war in einem hervorragenden Zustand. Im obersten steilsten Abschnitt gab es noch gesetzten Pulverschnee.

Das Abfahren war ein wahrer Genuss, die Sicherheit war ab dem ersten Schwung sofort vorhanden und ein Dauergrinsen stellte sich bei uns ein. So ging es im Eiltempo bei vollster Konzentration mit erneuten breitem Grinsen durch die Wand. Wow, besser hätte es nicht laufen können! Die letzten Meter in Richtung Fedaia-See gab es dann noch schöne Firnbedingungen. Nach dieser Klasseabfahrt durch die Nordwand genossen wir bei Cappuccino und Pasta in der Sonne den restlichen Tag.

Nach Prüfung der Wettervorhersage fuhren wir am Montag auf den "Passo Pordoi". Zum Abschluss unseres verlängerten Wochenendes wollten wir das "Canale Joel" fahren. Die ersten Wolken zogen schon langsam auf und mit dem Fernglas konnten wir am Ausgang der Rinne riesige Eiszapfen beobachten, – ob das bei der Bewölkung richtig auffirnt? Nach ausführlicher Beratung mit "Guide" Alex beschlossen wir nicht in diese Rinne einzusteigen und uns in Richtung Heimat zu begeben. Jedoch machten wir noch einen kleinen Zwischenstopp an einem großen Boulder neben der Straße. Alex hatte einen Handbohrer für Bohrhaken dabei und wir wollten diesen noch testen. Nach ca. 15 Minuten war der Bohrhaken im Fels und der Stabilitätstest durch kräftiges Anziehen von uns dreien zeigte ein sehr zufriedenes Ergebnis! Gut zu Wissen, dass das Setzten eines Hakens in einer Notsituation gut funktionieren würde.

So ging es dann endgültig in die Heimat zurück. Wir hatten ein geniales verlängertes Wochenende in den Dolomiten, zwei grandiose Abfahrten in einer wunderschönen Gebirgslandschaft, leckeren Espresso, sehr gutes Essen, viel Sonne und die Gewissheit, dass wir wieder kommen werden, um weitere tolle Lines zu befahren.

Weitere Bilder in der Gallery

Übersicht der Abfahrten

Canale del Prete-Vallencant

- Steilheit: 55°, 45°
- Höhenmeter: 300 m
- Schwierigkeit 5.2

Punta Penia – Parete Nord (Marmolada Nordwand)
- Steilheit: 55°, 45°
- Höhenmeter 300 m
- Schwierigkeit 5.1

Text: Christian Skala & Georg Hattwich | Fotos: Christian Skala 

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