03.03.2015
Stefan Siegel

Spot-Report | Engelberg

Liegt Engelberg in Schweden?

Wer noch nie in Schweden Schifahren war, der sollte unbedingt mal in die Zentralschweiz nach Engelberg, in den Schweizer Kanton Obwalden. 
Spät abends treffen wir im Titlis Gebiet ein und checken in der Skilodge Engelberg ein. Die Anreise könnte nicht besser sein, per Autobahn gelangt man schnell und unkompliziert in den weltbekannten Freeride-Ort. Bei einer kalten schwedischen Platte empfängt uns das Team der Skilodge, die vor einigen Jahren von Niklas und Eric eröffnet wurde. Die beiden Schweden erfüllten sich damals einen Lebenstraum und schufen mit der Lodge ein kleines Mekka für Freerider aus der ganzen Welt. Von den Outdoor-Whirlpools bis hin zur exquisiten Brasserie, Skikarten-Verkauf an der Rezeption und tägliche Freeride-Tipps auf dem Weg zum Skikeller. Solche Angebote lassen das Herz der Powderjünger höher schlagen.

Johan Axelsson Engelberg, Zentralschweiz

Nicht nur die Lodge, ganz Engelberg wurde in den letzten Jahren zum Lieblingsziel unserer skandinavischen Kollegen. Und prompt saßen wir in der Umlaufbahn, welche seit drei Jahren einen VIP-Pass für Einheimische eingeführt hat, um via Hintereingang in der ersten Gondel sitzen zu können.

Johan Axelsson Engelberg, Zentralschweiz

Scheinbar darf dieser Pass aber nicht an Schweden ausgegeben werden, erzählt uns ein Einheimischer. Es ist ein nebliger Tag mit schlechter Sicht, unsere Führerin, Katerina aus Schweden, arbeitet schon seit einigen Wintern in Engelberg und erzählt, dass es an diesem Tag wohl etwas entspannter sein wird als sonst.

Ihr Tipp so hoch wie möglich aufzusteigen, zahlt sich aus, kurz vor dem Jochstock brechen wir durch das Wolkenmeer und verneigen uns vor dem Panorama des Titlis und des traumhaften Gebirges. Weniger erfreut waren wir als wir auf die Uhr schauten. Ganze 80 Minuten dauert der Transfer, via einer Umlaufbahn, einem Verbindungslift über einen See, einem weiteren Sessellift und noch einer Seilbahn. Die Abfahrt über das Kleine Sulz sollte uns wieder aufwärmen, auf einer wunderschönen 720 Höhenmeter-Abfahrt fuhren wir wieder Richtung Trübsee. Von Powder war leider wenig zu sehen, uns wurde rasch klar, dass Varianten in Engelberg nicht mehr als holprige Skipisten sein werden. 

Wieder im Wolkenmeer angekommen, versuchten wir unser Glück im unteren Teil der bekannten Variante „Laub“. Dort, im lichten Wald, hatten wir einige traumhafte Abfahrten erspäht und konnten unser Glück kaum fassen. Die Ernüchterung kam an der Bergstation des Gerschnialp-Skiliftes, von welchem wir unter die Schneise der Gondelbahn aufsteigen wollten. „Befahren und Betreten ist hier verboten, das ist eine Schweizer Schutzzone“, erklärte uns ein Einheimischer, mit dem man über den Sinn dieser Zone hätte lange diskutieren können.

Nach einem Abendessen in der Brasserie unserer Skilodge, bei schwedischem Essen, schwedischen Kellnerinnen, schwedischen Gästen, schwedischem Knäckebrot und noch viel mehr Schweden, gelang uns die Flucht von Klein-Stockholm in unser Zimmer, um für den nächsten Tag fit zu sein. Wie erwartet, präsentierte sich Engelberg mit Sonne von seiner besten Seite. Johan Axelsson, Manager der Skilodge, war unser Guide des Tages, und hatte ein volles Programm auf Lager.


Ganze zwei Stunden später befanden wir uns weit oben, am Klein Titlis auf 3.028 m. Um der Langeweile am Weg zum Gipfel zu entkommen, versüßten uns rotierende Seilbahngondeln, ein Aufzug und eine Rolltreppe diesen Transport-Marathon. Oben angelangt befassten wir uns mit einer der bekanntesten Freeride-Varianten im Gebiet: die Steinberg-Abfahrt führt direkt über den Gletscher über 1.100 m ins Tal. Sicherheitsabstand, kontrollierte Abfahrt, Respekt vor anderen Freeridern im hochalpinen Gelände? Keine Chance, ein ähnliches Gefühl wie vor einigen Wochen an der Nordkette über Innsbruck überwiegt die Abfahrt an diesem sonnigen Samstagmorgen. „Was soll’s“, dachte ich mir, noch nie hatte ich ein dermaßen verspurtes Gelände in den Alpen gesehen. Das einzige Risiko war wohl, sich nicht in den vereisten Spuren zu verfangen; vom Tiefschneetraum waren wir weit entfernt.

Johan Axelsson Engelberg, Zentralschweiz

Johan zog sein Local-Ass aus dem Ärmel und kurze Zeit später standen wir am Laubersgrat: die Einfahrt zur wahrscheinlich weltbekannten Laub-Abfahrt. Johan führte uns zu einen Drop weit links (rider’s left) des Hanges, wo wir an der spektakulären Felswand Richtung Engelberg endlich ein wenig Freeride-Spaß erleben konnten. Der Nachmittag führte uns zur „geheimen Seilbahn“ vom Untertrübsee zum Obertrübsee, eine 6-Personen Sardinenbüchse welche auch gut in einen James Bond-Film passen würde. Abwärts ging es durch einige Waldvarianten auf der rechten Seite des Trübenbaches, bevor wir uns wieder Richtung Gletscher bewegten und mit Fellen und Hiken unser Glück versuchten, um vielleicht doch noch etwas Unverspurtes zu finden.

Mit einem gemischten Gefühl verließen wir Engelberg. Die Kulisse ist spektakulär, fast alle Varianten sind ohne zusätzliche Aufstiege einfach von den Liftanlagen zu erreichen, und die Abfahrten und Drops einzigartig. Aber da wären wir wieder beim Thema des Volkssports Freeriden; die teure Ausrüstung braucht man in Engelberg bestimmt nicht, um Abends in der Skilodge die jeweiligen Instagram-Bilder der Laub-Abfahrt zu vergleichen. Als Tourengebiet eignet sich das Titlis-Gebiet wenig, die Stimmung ist aufgrund des Sturm und Dranges auf 3.000 m zwischen den Freeridern auch etwas gedämpft, und bei 62 Franken für die Tageskarte und 23 Franken für die Älplermakronen der Schweizer ‚Kulinarik’, fragt man sich ob wir den Spieß nicht umdrehen wollen und ab jetzt in Skandinavien Freeriden gehen?

Ähnliche oder weiterführende Artikel:

Was passiert, wenn Freeriden Volkssport wird?

Links:

skilodgeengelberg.com
www.titlis.ch
www.engelberg.ch
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Kommentare / Diskussion

Antworten: 5

Letzter Beitrag: 04.03.2015

Auch wenn es nicht mehr so wie vor 10 Jahren ist (wie auch in vielen anderen Skigebieten) und das wohl die meisten mittlerweile mitbekommen haben oder nie erfahren haben, kann man das auch ruhig mal so direkt schreiben, finde ich, gerade wenn es so auffällig ist wie in Engelberg (und ja, dazu gehören nun mal die vielen Skandinavier genauso wie die vielen Deutschen Urlauber/Freerider/Touris).

Ich finde, so einen etwas ernüchternden Bericht braucht es auch mal, da so Skitage schon jetzt und in den nächsten Jahren wohl vermehrt eher der Realität entsprechen/entsprechen werden als das ganzen Geschreibsel/Bilder-posten im Netz, das den Freeride hype um first tracks, noch krassere lines und noch tieferen Powder mit kurzen Aufstiegen vom Lieft etc. noch mehr und ständig pushen will (inkl. der Versuche und entsprechenden Werbekampagnen der Skigebiete, speziell Freerider anzulocken).

Kommt für mich einfach authentischer und realistischer rüber, wenn man auch mal die etwas ernüchternden Skitage anspricht, oder einfacht auch bei guten Skitagen das nennt, was einem nicht in sooo toller Erinnerung bleiben wird, als ständig nur von ’best day ever’, ’bottomless powder’, ’Hammer tag’, blablabla zu labern.
Die Ungnade der späten Geburt. hrr hrr Es lebe das goldene Zeitalter 20001 bis 2005. Fette ski und wenig Leute. Deswegen rumzunörgeln ist aber auch zu leicht und wenig Zielführend. Wer nach Engelberg geht weiss seit 10 Jahren worauf er sich einlässt.
Danke, dass man mich auf diese wundervollen digitalen Ergüsse aufmerksam gemacht hat.

Für den geneigten Modefreerider und Nachwuchsautor vielleicht als Tipp zum Mitnehmen: Am Arlberg hats immer den besten Powder! Da sollte man mal hingehen. Arlberg Nordabfahrt so als mein persönlicher Geheimtipp. Bester Powder, immer Sonne und die krassesten Firstlines beim traversieren.
Beim Moserwirt aber aufpassen: Sicherheitshalber würde ich mich zu und an der Theke ab- und anseilen!
Musste schon schmunzeln als ich den Bericht gelesen habe.
Aber beim Spotcheck hat wohl jemand sich vom Eberg zu viel erhofft. Auch in DEM Freeridegebiet gibts mal Schlechtwetter und nicht jeden Tag 30cm frischen Pulver und ja, es ist innerhalb von einem Tag ziemlich alles zerpflügt, aber wo ist das nicht der Fall??? Und Skandinavier hat es schon einige, aber die Mehrzahl sind doch immer noch Einheimische..
Spiess umdrehen? Ist doch schon so. Geh mal nach Norwegen im April, da laufen nur Alpenländische Freeridetourer rum...
Und ja, die Schweiz ist teuer - Find ich gut, den teuer = weniger Dütsche
Hm, gefällt mir nicht - klingt ein wenig nach Schwedenhetze. Man flüchtet vor den Schweden aufs Zimmer. "und noch viel mehr Schweden"? Man könnte das auch als nettes Kuriosum sehen ... oder fahren die alle so viel besser und haben deshalb immer die Firstline? Am Arlberg oder wie angesprochen an der Nordkette ist auch nicht weniger los und ich finde, dass so ein Sport eher ein verbindendes als ein trennendes Element sein sollte, hier klingt es eher nach Abschottung und Überfall in Skandinavien.
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