14.04.2017

Splitboarden mit Hardboots?! - Ein Erfahrungsbericht

Ein Überblicksartikel für den aufstiegsorientierten Splitboarder

Wer denkt, er könne mit Hartschalenschuhen einfach mal kurz problemlos splitboarden gehen, der irrt. Nach wie vor gehört zu einem funktionierenden AT-Setup, wie es auf Neudeutsch heißt, einiges an Versuch und Irrtum sowie eine gewisse Motivation zum Basteln hinzu, um die individuell funktionalen Einstellungen zu finden. In diesem Artikel wird ein Überblick über das Material gegeben, in einem weiteren Bericht fasse ich meine Erfahrungen zusammen.

Wieso sollte man Umsteigen?

Diese Frage ist definitiv berechtigt, und wird nicht nur kontrovers sondern auch emotional diskutiert (http://splitboard.com/talk/topic/la-sportiva-sideral-boots/#post-658600). Seit Karakoram, Spark und Co den von Voilé dominierten Splitboard (Ver-)Bindungsmarkt revolutioniert haben, kann man mit seinen skifahrenden Kollegen adäquat auf Tour gehen. Nach wie vor kostet ein Softboot-Splitboard-Setup zwar mehr als eine 0815-Skitourenausrüstung, aber man bekommt dafür mittlerweile ein ausgereiftes System. Wer sparen möchte, der findet so langsam gute Gebrauchtangebote auf einschlägigen Internet-Seiten.

Bei einem solchen Softboot-Setup ist ein großes Manko das Aufstiegsgewicht pro Fuß. Von Seiten der Hersteller sind leichtere Splitboards (bspw. durch Verwendung von Carbon) eine Antwort auf dieses Problem.

Teile der Splitboardcommunity setzen dagegen bei Boots und Bindungen an. So nutzen Splitboarder nun leichte Skitourenschuhe, Dynafit Tech Bindung zum Aufsteigen und stecken die Bindung zum Abfahren in den Rucksack. Damit sind enorme Gewichtseinsparungen möglich. Ich persönlich spare mit Hartboot-Setup knapp 1 Kilo pro Fuß. Braucht es noch mehr Gründe? Nicht zwingend, es gibt sie aber und zwar nicht zu knapp.

  • Besserer Kantenhalt im Aufstieg durch die sehr direkte Dynafit-Hardboot Verbindung,
  •  größere Schrittlänge durch besseren Drehpunkt,
  •  mehr Halt auf anspruchsvollen eisigen Gipfelgraten, einfache Steigeisenmontage.


 Kurz: Hartboots sind für aufstiegsorientierte Splitboarder - Der Powderhunter, der prinzipiell nur kurze Aufstiege bewältigt, wird mit einem Softboot-Setup zufrieden sein.

Bindung:

Bis vor ein paar Jahren gab es von der Stange nur die Voile Mountain Plate. Das ist eine einfache Bügelbindung, die auf die Slider aufgeschraubt wurde. Slider? Das sind (waren) diese Aluprofilschienen auf die man damals seine normale Softbootbindung geschraubt hat. Zudem gab es einige Bastelprojekte in denen die alte Raceboard-Bindung verwertet wurde. So sahen vor 8 Jahren auch meine ersten Schritte mit Hardboots aus.

 Sie fanden auf 3500m am Mont-Blanc ein vorzeitiges Ende und haben bewiesen, dass man von dort auch noch einbeinig nach Chamonix fahren kann.

In den letzten Jahren kamen mit der Phantom Alpha und der Spark DynoHD zwei weitere Hebel-Bindungen auf den Markt, um die steigende Nachfrage von Seiten der aufstiegsorientierten Splitboarder zu bedienen. Die Phantom wurde von einem Enthusiast aus Colorado in der Garage entwickelt und stellt das High-End Modell dar ( http://www.powderguide.com/magazin/equipment/artikel/materialtest-phantom-alpha.html). Der Nachteil ist, dass hierfür keinerlei Vertrieb besteht, und eine Bestellung aus Amerika zu recht hohen Versand- und Zollkosten führt.

Phantom Splitboards



Die Spark DynoHD, die auch in den Folgeberichten benutzt wird, kommt in der gewohnten Spark-Qualität mit Hebeln vom Weltcup-Ausrüster Bomber. Zur Abfahrt wird die Bindung einfach über die Pucks geschoben und mit dem pinlosen Tesla-System verriegelt.

Es gibt also schon einige funktionierende Bindungen am Markt, was aber fehlt ist ein spezialisierter Splitboard Hartboot. Man nimmt einen "weichen" Skitourenschuh und dann geht das oben angedeutete „try and error“ los.

Boot:

Es gibt einige geeignete Skitourenschuhmodelle am Markt. Meiner Meinung nach sind aber alle verfügbaren noch immer ein Kompromiss, was sich daran zeigt, dass es für viele Schuhmodelle Anleitung zum Modifizieren im Internet gibt. Ein Skifahrer möchte möglichst keine seitliche Bewegungsfreiheit; für einen Snowboarder ist diese aber von fundamentaler Bedeutung um das Gewicht zu verlagern...

Anselm Köhler die versammelten Kandidaten


Der wohl am weitesten verbreitete Schuh unter Splitboardern ist der Dynafit TLT6 Mountain CRhttp://helveticbackcountry.ch/splitboards/). Andere Schuhe die benutzt werden sind die antiken Frösche (TLT2/3 http://www.erstespur.de/viewtopic.php?t=5589) und der Rest der TLT Serie, Scarpa F1 grünhttp://www.wildschnee.de/know-how-blog/tipps/hardboot-tuning), Scott Orbit IIhttp://www.erstespur.de/viewtopic.php?t=6395), La Sportiva Sideral/Spitfire und seit neuestem der Arxteryx Proclinehttps://www.wildsnow.com/21864/arcteryx-procline-boot-splitboard-snowboard/#more-21864).

Als gemeinsamen Nenner haben alle Schuhe nur zwei Schnallen, sind also eher von der weichen Sorte. Weich bei Skischuhen bedeutet aber immer noch hart im Vergleich zu einem harten Softboot. Einige haben ein kombiniertes System, um den Abfahrtsmodus und gleichzeitig den Schaft zu schließen - meiner Meinung nach eher ein Nachteil, der häufig Anreiz zur Modifikation ist. Weiters ist häufig die untere Schnalle hauptsächlich über den Rist platziert anstatt über das Fußgelenk, so dass der Fersenhalt leidet.

Board:

Natürlich eignet sich jedes Splitboard, um mit Hartboots gefahren zu werden. Es gibt aber ein paar Punkte, die man in der Planung von einem AT-Setup beachten sollte.

  • Da viele Splitboarder mit Hartboots beim hinteren Fuß eher Winkel um 0 Grad fahren, steht der Schuh maximal über. Weil die Sohle, im Gegensatz zu Softboots, gerade ist und nicht zu Ferse und Zehen hochgebogen, empfiehlt sich eher ein Wide- Board. Hier ( http://www.evo.com/ski-boot-sole-length-bsl-size-chart.aspx) gibt es eine umfangreiche Vergleichstabelle der Sohlenlänge.

 

  • Eine eher philosophische Frage ist, ob es ein Carbon-Brett sein sollte. Da Hartboots aus Aufstiegs- und damit auch Gewichtsgründen gefahren werden, sollte das Gewicht natürlich in allen Bereichen gespart werden. Das Optimum für ein aufstiegsorientiertes AT-Setup stellt für mich ein drei- oder vierteiliges Splitboard dar, dabei wird das Mittelteil während dem Aufstieg am Rucksack getragen.



Ist man mit diesem Angebot nicht zufrieden, so muss man entweder selber sägen ( http://www.erstespur.de/viewtopic.php?t=6168) oder eine Spezialanfertigung beim Splitboard-Guru Wildschnee erfragen ( http://www.wildschnee.de/know-how-blog/manufaktur/).

Kleinteile:

Um die Dynafit Toe pieces für den Aufstieg zu montieren, gibt es spezielle Adapter für den Voile-Lochstich von Spark ( https://www.sparkrandd.com/gear/dynafit-adapters/) und ähnliche Adapter von Phantom.

Alternativ könnte man sie mit Ski-Spax oder Quiver-Inserts ( http://www.quiverkiller.com/) anbringen.

Auch muss die Steighilfe etwas nach hinten versetzt werden, damit der Bügel unter der Ferse sitzt. Dazu gibt es ebenfalls Adapter von beiden Bindungsherstellern. Manche Webseiten empfehlen die Dual-Steighilfe von Voile zu benutzen, ich habe aber noch nie den längeren Bügel vermisst.

Obwohl der Kantenhalt und -kontrolle mit Hardboots im Aufstieg um einiges besser ist, dürfen spätestens im Frühjahr Harscheisen nicht im Gepäck fehlen. Diese müssen entsprechend breit sein und zu den Dynafit Toe pieces passen. Bis 130mm gibts von Dynafit, sonst stellt Spark noch breitere her.(http://www.sparkrandd.com/gear/d-rex/)

Von Voile gibt es abgeschrägte Pucks die jeweils 3° nach innen geneigt sind  https://www.sparkrandd.com/gear/voile-splitboard-canted-puck-set/. Ohne drüber nachzudenken hab ich sie mir gleich bestellt. Damit steht es sich deutlich entspannter auf dem Brett. Ab nächster Saison gibt es diese sogenannten canted Pucks auch von Spark R&D.

Mit diesen ganzen Adaptern entstehen noch mehr Metall-zu-Metall Schraubverbindungen auf dem Splitboard. Zum finden seiner Einstellungen werden diese auch mehrfach umgeschraubt. Um zu vermeiden, dass sich die Schrauben lösen, sollte immer Schraubensicherung verwendet werden. Anstatt Locktite wird Vibratite empfohlen, da das nicht den Belag und Epoxi angreift.


Erste Erfahrungen:

 

Aufstieg mit Hardboots


Nach etwa 10 Touren mit verschiedenen Schuhen - ich hab erstmal den Gebrauchtmarkt an Schuhen abgegrast: TLT2, TLT4 und Scarpa F1 - hätte ich fast den Test abgebrochen. Keiner der Schuhe hat mir zugesagt. Im Aufstieg funktionieren natürlich alle Schuhe, zur Abfahrt hab ich aber keine vernünftige Einstellung gefunden. Immer hat es irgendwo gedrückt oder gerieben, oder der Fuß ist in der Schale geschwommen ohne richtig Halt zu finden.

Dann hab ich den Arxteryx Procline ausprobiert. Für mich spielt der Schuh in einer anderen Liga. Beim ersten Reinschlüpfen stellte sich gleich das Gefühl ein in einen Softboot zu steigen, weil das Schaftdesign nicht dem eines Schraubstockes gleicht. Gehen, Aufsteigen, Auto- und Fahrradfahren funktioniert mit dem beweglichen Schaft wirklich gut. An den ersten zwei Touren hat der Schuh an ein paar Stellen gedrückt hat, danach hatte sich der Innenschuh eingelaufen und passt nun perfekt.

 

Es gab lange Zeit nur Gerüchte über den Schuh: Ausgangspunkt der Diskussionen ist die kleine Vorderkante und ob der Bügel der Bindung Halt findet. Relativ schnell gab es Berichte, dass der Schuh mit den Phantom-Bügeln funktioniert. Der Spark-(Bombergear)-Hebel ist jedoch rund anstatt spitz zulaufend. Mit einer Eisenfeile konnte ich die Hebel innerhalb von 30 Minuten passend zurechtfeilen. Wichtig ist, dass man sich dann die Zeit nimmt den Abstand der Bügel und somit die Spannung genau einzustellen.

Modifikationen an Spark Dyno DH

 Seit einer Tour hab ich die Schnalle am Schaft durch PowderGuide Skistraps ersetzt - ich erhoffe mir mehr Bewegungsfreiheit und Flex im Schaft.

Die Spark Bindung funktioniert gut mit dem Procline Schuhen, und ich bin auf den bisher fünf Touren mit Arcteryx Procline und Spark DynoHD diesmal zufrieden unterwegs gewesen. Als Fazit der ersten Test-Touren kann ich zusammenfassend sage: Hartbooten funktioniert, aber nur wenn der Schuh passt und einem taugt.

Abfahrt mit Hardboots2



Weiterführende Informationen:
Wie schön weiter oben häufig verlinkt, ist das Informationsportal über Splitboarden generell und speziell auch bzgl. Splitboarden mit Hardboots das Forum ErsteSpur . Es lohnt sich, sich dort ein Profil anzulegen, da man die meisten Bilder nur in eingeloggtem Zustand in den Posts sehen kann. Das Äquivalent auf Englisch - viele Hartbooter sind in Kanada und USA unterwegs - ist Splitboard.com 

Ähnliche oder weiterführende Artikel:

Materialtest | One Snowboards S-ONE Full Carbon Splitboard
Kurztest | Jones Hovercraft Splitboard
Seven Years on Splitboards / Helvetic Backcountry
Materialtest | Phantom Alpha
Materialtest | Fitwell Backcountry Boot

Links:

www.erstespur.de
www.splitboard.com/talk
www.phantomsnow.com/
www.sparkrandd.com
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Kommentare / Diskussion

Antworten: 2

Letzter Beitrag: 17.04.2017

Bin seit dieser Saison mit Dynafit Superlite/Dynafit TLT 6 Mountain/DynoDH unterwegs auf einem Zweiteiler unterwegs und vollstens zufrieden. Im Aufstieg wesentlich besser, vor allem der Kantendruck macht den entscheidenden Unterschied für mich. Bei Querungen steiler harschiger Flanken können Harscheisen häufig sogar im Rucksack bleiben. Bei der Abfahrt kommt das grundsätzlich steifere Hardbootsetup zwar nicht an die Softbootvariante ran. Auch über den Stylefaktor lässt sich natürlich streiten. Unterm Strich überwiegen aber die Vorteile. Für Aufstiegsorientierte gibt es derzeit keine Alternative.
Danke, ein sehr guter Artikel!
ein paar kleine Anmerkungen: einen 3-Teiler würde ich mir persönlich nicht antun, da mir das zu viel Gebastel jedesmal beim Umbauen wäre. Und ich würde kein zu breites Splitboard wählen, da mit einem breiteren "Ski" wiederum der Vorteil des besseren Kantenhalts vermindert wird... so knapp 260mm waist funktionieren echt gut. Und für die Schrauben bei der Dyno und bei der Phantom kann man längere Gewindestangen nehmen, damit wird der Winkel steiler und der Bügel drückt besser auf den Sohlenrand (https://www.wildsnow.com/21864/arcteryx-procline-boot-splitboard-snowboard/, M12 Nylon Schraube für Phantom).
Ansonsten kann ich nur die Jungs von Helvetic Backcountry zitieren: "I won’t change back to softboots"
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Christian Moll Finkenberg Zillertal in Tirol Uploaddatum: 05.05.2017 An der Bergstation
Das Bild ist an der Bergstation in Finkenberg gemacht worden

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