29.12.2016

Materialtest | Dalbello Lupo Carbon T.I.

Aufsteigen wie mit einem Tourenschuh, Abfahren wie mit einem Freerideschuh?

Dalbello entwickelt das dreiteilige Cabrio-Skischuhdesign weiter in Richtung Aufstiegsperformance und präsentiert für die Saison 16/17 einen Tourenschuh, der sowohl mit seinen Abfahrts- als auch Aufstiegseigenschaften punkten soll. Wir hatten den Schuh seit Frühjahr 2016 im Einsatz und wollen ihn mit dem normalen Lupo und Krypton sowie mit ähnlichen Schuhen seiner Klasse vergleichen.

Lupo Carbon T.I, Lupo T.I., Krypton Pro

Mit der Krypton und Lupo Serie hat Dalbello das bewährte, dreiteilige Skischuhkonzept als einziger Skischuhhersteller konsequent weiterentwickelt. Nachdem zunächst dem Krypton Pro eine „Aufstiegsfunktion" hinzugeführt wurde (Lupo SP), wurden im Nachfolger Tech-Inserts in die Schale integriert (Lupo T.I.). Die neueste Entwicklungsstufe, die den Namen Lupo Carbon T.I. trägt, hat einen verbesserten Gehmodus, der seinen Namen nun auch verdient hat und über eine merklich höhere Schaftrotation (67°) verfügt. Beim Gussplastik wurde leichteres Material verwendet und der neue Carbonschaft ersetzt mit nur einer oberen Schnalle auf einer breiteren Auflage den üblichen Powerstrap. Das Gewicht mit Innenschuh ist mit 1860 Gramm pro Stück angegeben, was für einen Tourenschuh nicht unbedingt sehr leicht ist, allerdings ist der Schuh damit auch nicht wahnsinnig viel schwerer als andere Modelle aus der Kategorie der freeridetauglichen Skitourenschuhe. Dalbello wollte eben nicht um jeden Preis auf Leichtigkeit setzten, sondern Stabilität und Fahreigenschaften in den Vordergrund stellen, um alpinschuhartige Abfahrtsperformance zu gewährleisten.

Grundlegendes zum Thema dreiteiligem (Cabrio-) Design und den Fahreigenschaften des Schwestermodells Lupo. T.I. gibt es im Firstlook und Testartikel zu diesem. In diesem Artikel soll es, nach einer Vorstellung der Features, um die spürbaren Unterschiede zum Lupo T.I. gehen. Zusätzlich wird noch ein Vergleich mit „klassischen" Skitourenschuhen, die in einer ähnlichen Kategorie angesiedelt sind, gemacht.

 

Der Schuh kommt normalerweise mit der härteren B-Zunge, den harten Fußbetten und einer Grip-Walk Sohle, die in alle gängigen Tourenbindungen und WTR Bindungen passen sollte. Der Innenschuh hat im Gegensatz zum Overlap Liner der Vorgänger eine Zunge, ist aber auch von Intuition und genauso thermisch anpassbar. Der Schuh lässt sich sehr einfach mit Zubehör modifizieren, so habe ich bei meinem Testmodell nach dem ersten Tag in „Werkseinstellung" die etwas weichere C-Zunge verwendet, mir ein ebenfalls weicheres Fußbett hineingetan und die obere Schnalle nach unten versetzt, um drüber noch einen Booster Strap anzubringen (natürlich wurde nicht durch den Carbonschaft gebohrt). Ausserdem habe ich die Grip-Walk Sohlen gegen die Alpinsohlen getauscht, um den Schuh jederzeit mit allen meinen Ski/Bindungen verwenden zu können.

Tester und Testbedingungen

Getestet wurde während ca. 20 Tagen in den Alpen im Frühjahr und Herbst 2016. Die Bedingungen reichten von eisigen Gletscherpisten auf Alpinski bis zu klassischen Frühjahrstouren mit Marker Kingpin auf einem DOWNSKIS TD 110 und 124, wo auch mal BC Kicker und Cliffs gesprungen wurden. Der ein oder andere kurze Abstecher durch Parks war im Frühjahr auch mal angesagt. Der Schuh wurde genauso verwendet wie der normale Lupo T.I., den ich davor gefahren bin, einfach um zu schauen was er kann und aushält... und weil er einfach überall gut zu fahren war. Ich bin 189cm groß, wiege ohne Ausrüstung 82kg, fahre gerne schnell und springe viel durch die Gegend. Ich fahre seit knapp 10 Jahren Fulltilt/Raichle Skischuhe und bin seit zwei Jahren auf Dalbello umgestiegen und damit sehr glücklich. Andere Skitourenschuhe haben mich wegen dem meist seltsamen Flexverhalten und der Abfahrtsperformance bisher noch nie wirklich interessiert. Ich bin davor relativ viel mit dem Lupo T.I. und Kingpin getourt.

Carbon T.I | Lupo T.I.

Erster Eindruck

Um den besten Vergleich zu haben, habe ich anfangs meinen gut eingefahrenen Overlap Innenschuh aus dem normalen Lupo T.I. verwendet. Trotzdem fällt sofort auf, dass der Schuh spürbar leichter am Fuß ist als die nicht-Carbon Variante. Dass oben nur eine Schnalle ohne Strap angebracht ist, kommt mir zunächst komisch vor, daher habe ich wie erwähnt einen Booster Strap angebracht. Ich hatte zudem den Eindruck, als ob ich im Carbon T.I. noch aufrechter stehe als im normalen Lupo, was mir nicht so zugesagt hat. Nachdem ich die harte B-Zunge, bei der ein Flex von 130 angegeben ist, gegen die moderatere C-Zunge (geschätzter Flex von 110) getauscht hatte, war mir Flex- und Vorlage viel vertrauter. Den Booster-Strap ließ ich nach ein paar Tagen auch weg, da er für mich fast keinen Unterschied gemacht hat und mir die praktische Ein-Schnallen-Lösung gefällt und die Kraftübertragung gut ist.

Passform

Abkleben der bekannten Problemstellen mit zusätzlichem Material vor dem Aufbacken, um an den entsprechenden Stellen mehr Volumen im Innenschuh zu erhalten

Da die Passform der Schale die gleiche wie beim Lupo/Krypton ist, gehe ich nicht weiter drauf ein, sondern verweise auf die Artikel zum Lupo T.I. Lediglich beim Carbon Schaft ist der Wadenbereich etwas enger geschnitten, was mir mit meinen eher dünnen Waden entgegenkommt, und was auch mit ein Grund sein könnte, dass ich hier auf Power- oder Boosterstrap verzichten kann. Dieser engere Wadenbereich könnte jedoch für manche FahrerInnen mit eher ausgeprägter Wadenmuskulatur eventuell etwas eng werden. Der Innenschuh ist wie bereits erwähnt (mehrfach) thermisch anpassbar und falls das nichts hilft, kann auch die Plastikschale thermisch angepasst werden. Eine sog. Zehenkappe empfiehlt sich für den Anpassungsprozess des Innenschuhs. Bisher habe ich mir so etwas immer selber gebastelt, mit der „offiziellen" Variante funktionierte es nochmal besser auch mit Hilfe des eigenen Backofens eine Toebox zu bauen. Sonstige Problemstellen sollte man auch noch mit ein paar Volumenspacern versehen, wenn man den Innenschuh erhitzt und am Fuß abkühlen lässt, da der Innenschuh bei dem Vorgang leicht schrumpft.

Abfahrtseigenschaften

Der Schuh hat in der Werkseinstellung laut Dalbello einen Flex von 130. Das ist mir zu steif und ich fühle mich zu Aufrecht im Schuh, daher bevorzuge ich die mittelharte Zunge, die ich auch im normalen Lupo T.I. verwende. Je nachdem wie fest man die oberste Schnalle schließt, kann man den Flex des Schuhs auch noch etwas beeinflussen. Im Vergleich zum normalen Lupo fährt sich der Schuh relativ ähnlich, lediglich der schon erwähnte engere Schaft ist im Wadenbereich spürbar wenn man mal etwas in Rücklage gerät. Der Hauptunterschied, den man auch beim Fahren bemerkt, ist, dass der Carbon T.I. einfach ein wenig leichter ist. Am Anfang ist dieser Unterschied deutlicher wahrnehmbar und es fühlt sich so an als ob man mit weniger Masse am Fuß auch etwas weniger stabil unterwegs ist. Dieses Phänomen kennt man ja auch von Ski, aber wenn man sich nach ein paar Tagen an das Gewicht gewöhnt hat, ist das eigentlich kein wirklicher Nachteil mehr. Ich fahre auch schon sehr lange keine schweren Alpinschuhe mehr, auch die Fulltilts/Raichles waren immer relativ leicht. Der Flex nach vorne fühlt sich bei der weicheren C-Zunge harmonisch und progressiv an. Mit der B-Zunge komme ich nicht so gut klar, mit ihr erinnert mich der Lupo Carbon eher an andere Skitourenschuhen mit degressivem oder nicht vorhandenem Flex, aber ich denke für etwas schwerere Fahrer, oder nach einer gewissen Eingewöhnungszeit, ist auch die härtere B Zunge für viele sinnvoll. Die Zungen von Dalbello werden erfahrungsgemäß im Laufe der Zeit schon ein wenig weicher, also kann man hier im Verlauf eines Skischuhlebens einiges Verändern oder Nachbessern.


Im Großen und Ganzen hat mir der Schuh beim Fahren so viel Spaß gemacht, dass ich ihn immer und überall verwenden wollte. Im Gegensatz zum normalen Lupo wirkt er jedoch durch den Carbonschaft ein wenig filigraner und wird nach der Testphase nun hauptsächlich als Tourenschuh eingesetzt und für alle Alpin/Park/Freeride Einsätze wieder der normale Lupo verwendet, da er mir schlicht zu schade dafür ist, ihn so schnell zu „verbrauchen".

Aufstiegseigenschaften

Gehmodus aus.

Gehmodus an.

Will man aufsteigen, muss man die Schnallen aufmachen, und dann die Zunge durch das Umlegen des Hebels schnell entfernen, diese im Rucksack verstauen und hinten den Hebel umlegen. Ist die Zunge ausgebaut und damit die Vorwärtsrotation nahezu unbeschränkt, schützt eine Textillasche den Schuh vor eindringendem Schnee. Für kurze Aufstiege muss man die Zunge nicht unbedingt entfernen. Der Rotationswinkel ist vom Hersteller mit 67° angegeben. Das ist für meine Erfahrung, die sich hauptsächlich auf Alpin- und Freerideschuhe beschränkt, sehr viel und im Vergleich zum normalen Lupo eine sehr deutliche Verbesserung beim Gehkomfort. Dieser hatte zwar eine Gehfunktion, diese war aber nur geringfügig besser als keine Gehfunktion. Der Carbon T.I spielt da in einer ganz anderen Liga und es bleibt zu hoffen, dass man das Konzept des neuen, sich weit nach hinten öffnenden Gehmodus in Zukunft auch in anderen Modellen wiederfindet. Der Hebel zur Verriegelung ist etwas weniger massiv gefertigt als beim normalen Lupo, aber vom Prinzip her sollte hier nichts kaputt gehen können oder durch Vereisung an der Funktion gehindert werden. Durch die angebrachte Schnur kann das Umschalten zwischen Geh-und Skimodus auch schnell und unkompliziert mit Handschuhen erfolgen. Zurück in den Fahrmodus kommt man am besten, indem man den Hebel umklappt und sich kurz nach vorne lehnt bis es einrastet.

Im Vergleich mit aufstiegsorientierteren Tourenschuhen wie etwa dem Scarpa Maestrale RS oder auch eher freeridelastigen Modellen wie dem Salomon MNT Explore ist die Schaftrotation beim Lupo auch in der Carbonversion etwas geringer, da sie auch aufgrund des konstruktionsbedingt recht massiv und hochgezogen ausgeführten unteren Teils der Schale nicht komplett genutzt werden kann. Das ist nicht wirklich störend, macht sich aber gerade bei längeren Flachstücken schon bemerkbar. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass der Lupo eben dafür systembedingt einen natürlichen und progressiven Flex bei der Abfahrt bietet.

Fazit

Ich bin vom Lupo Carbon T.I. sehr überzeugt und kann den Schuh jedem, der die Fahreigenschaften von Cabrio-Design Schuhen schätzt, sehr ans Herz legen. Der Gehmodus des normalen Lupo wurde stark verbessert, so dass bei der Beweglichkeit zum Aufsteigen keine Wünsche offenbleiben. Beim Abfahren kann und will man alles damit machen und muss auf nichts verzichten. Ob der Schuh nun „Einer für alles" ist, oder ein zusätzlicher, guter Tourenschuh als Ergänzung zum Alpinsetup, oder ein alpinartiger Tourenschuh als Ergänzung zum leichten Tourensetup, liegt wohl im Auge, an den Vorlieben und an der Kaufkraft des Betrachters. Allroundtauglichkeit ist in jedem Fall gegeben.

Vor- & Nachteile

+sehr leicht im Verhältnis zur Abfahrtsperformance
+sehr gute Abfahrtseigenschaften
+sehr gut auf persönliche Vorlieben modifizierbar
+bisher gute Haltbarkeit
+gutes Handling von Schnallen und Gehmodus
-entfernen der Zunge, offene Schnalle- es hängt viel einfach rum im Gehmodus
-ohne Powerstraps manchmal nervig zu tragen
-relativ teuer

Details

Dalbello Lupo Carbon T.I.
UVP € 999,95
• Schale: PA (GL)
• Schaft: Carbon
• Zunge: PA
• Dynalink
• Grip Walk
• Austauschbare Sohlen
• Tech inserts
• Ski/Hike Modus
• Zentraler Standpunkt
• Kinetic response Zunge
• Niedriger Schaft-Drehpunkt
• Schnell austauschbahre Zunge
• Twin Canting
• Flex 130

Hier geht es zur Website von Dalbello mit weiteren Informationen.


Der Schuh wurde PowderGuide als Testmaterial kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wie wir testen erfahrt ihr in unserem Test-Statement.

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Kommentare / Diskussion

Antworten: 4

Letzter Beitrag: 09.09.2017

Hatte den Lupo etwas über 1 Jahr und damit fast 2 Winter im Dienst. Fahrerisch war es ein super Schuh! Letztes Frühjahr ist mir von der Ferse bei der Tech Aufnahme ein Stück herausgebrochen. Ich musste ein Stück aus einem Tal bergab rausmarschieren und dabei muss es wohl passiert sein. Wenn man die Ferse mit anderen Modellen vergleicht dann sieht man das sich das Material keilförmig verengt. Ziemlich blöde Konstruktion im nachhinein. Bei Dalbello hiess es das ich wohl sehr stark auf einem Fels aufgekommen sein muss (Lustig - woraus sind denn sonst Berge gemacht??) und das sie nichts machen können. Fahren soll ich den Schuh so auf gar keinen Fall mehr. So schlecht...noch nie so eine negative Erfahrung mit einer Bergsportfirma gemacht....
mir kam er hinten an der wade geringfügig enger vor als der normale lupo. ich hab auch eher dünne unterschenkel, das passt gut.
der zungen liner lässt sich genauso thermisch anpassen wie der overlap, der is schon in ordnung. im schlimmsten fall müsste man sich halt einen intuition overlap liner besorgen, falls man mit dem zungen teil gar nicht klarkommt (was ich mir jetzt nicht vorstellen kann, so dramatisch ist der unterschied auch nicht, und die hauptgründe wieso ich den overlap verwendet hab, war zum einen die vergleichbarkeit, zum anderen weil er gut eingefahren und bequem wie ein hausschuh ist ;) )
leider bin ich in der testphase mangels schnee nie dazugekommen eine "richtige" skitour zu gehen (>1000hm), also weiß ich nicht ob sich da bei zunge vs. overlap was bemerkbar gemacht hätte. hatte aber nie probleme bei >1000hm aufstiegen mit dem overlap vorher.
hi,

also ich würde meine füße recht ähnlich beschreiben wie du und ich hatte bisher keine probleme mit zu geringem fersenhalt in den schuhen. falls es problematisch wäre, könnte man noch mit irgendwelchen klammern und einsätzen in dem bereich arbeiten. den zungen liner bin ich ein paar tage gefahren, der geht schon auch ganz gut, aber der overlap liner is mir persönlich schon lieber (wahrscheinlich weil ich seit 10 jahren nur solche liner fahre und sowas wie offene schienbeine eigentlich nicht kenne, auch nicht bei sehr intensivem skifahren).

hallo tobias,

ich hätte ein paar fragen zum schuh und meine gedanken:
- ich habe einen normalen vorfuss, niedrigen rist, schlank um die knöchel und schmale waden, daher sind anprobierte skischuhe oft mit geringem fersenhalt
- du schreibst in den artikeln über lupo das hier diese problemstellen (mit ev. erweiterter zehenbox) vom schuhdesign besser wären
- du hast den lupo carbon als bei der wade enger beschrieben- bist diesen aber nur mit dem overlap innenschuh vom lupo ti gefahren, richtig?
- hast du auch erfahrung mit dem zungen- innenschuh der original mitkommt?
- ich habe, da auch viel park gefahren wird, mit z.b. Cochise 130 - gleich mal eine beinhautentzündung an meinem "scharfen" schienbein- würde hier der overlap innenschuh vorteile bringen?

vielleicht kannst du mir kurzfristig eine antwort zukommen lassen, danke vorab
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