21.11.2016
Kay Helfricht

Safety first – eine Skireise auf den höchsten Berg Aserbaidschans

Reisereport über hohe kaukasische Gipfel und vorsichtige Gastgeber

Sechs Freunde mit einem ehrgeizigen Ziel: sie wollen als Erste den höchsten Berg Aserbaidschans mit Ski befahren - angesichts endloser Bürokratie, viel Neuschnee und einem Bergführer ohne Skiausrüstung scheint das jedoch kein leichtes Vorhaben...

Andreas Aschaber Kay im Aufstieg

Die Steigeisen verstauen wir im Skisack, jetzt ist es gewiss: Unsere Klubreise der HG Karwendler kann beginnen. Nachdem wir das Gepäck am Flughafen aufgegeben haben, stärken wir uns noch im Air-Bräu, dann starten wir auf direktem Weg von München in das Abenteuer nach Aserbaidschan.

In Baku empfängt uns unser Verbindungsmann Arzu mit tiefschwarzem Azercay - der allabendliche Tee sollte uns von nun an auf unserer Reise begleiten. Arzu stellt uns Babek vor: Als junger Bergführer und Mitglied des aserbaidschanischen Extremsportverbandes FAIREX soll er unsere Skiexpedition führen und auf unsere Sicherheit achten. Wie sich bald herausstellt, spricht Babek jedoch weder Englisch noch besitzt er eine Skitourenausrüstung. Offensichtlich glaubt Arzu nicht, dass wir unsere Idee tatsächlich umsetzen wollen: als Erste den höchsten Berg Aserbaidschans, den 4466 Meter hohen Bazardüzü , mit Skiern zu besteigen. Arzu möchte eigentlich nur dafür sorgen, dass wir sein Land wieder heil verlassen. Ständig erklärt er uns: „1st: Safety, 2nd: Safety, 3rd: Safety!"

Kay Helfricht Der Disco Sprinter

Mit unserem Disco-Sprinter fahren wir am nächsten Morgen von Baku entlang der Schwarzmeerküste in Richtung Norden. Durch eine wilde und tiefe Schlucht gelangen wir zu unserer Unterkunft in Xinaliq, dem höchsten und abgelegensten Bergdorf Aserbaidschans. In einem Familienhaus wird ein Zimmer für uns leergeräumt. Wir lernen die muslimischen Sitten kennen, bekommen köstliche Mahlzeiten und stets einen warmen Azercay serviert.

Ohne Ski auf Skitour

Mit Babek, Stift, Notizblock und Basemap machen wir uns auf die Suche nach einer Eingehtour und werden bald fündig. Unser Ziel ist der Xinaliq Dagi – immerhin 3717 Meter hoch. Von dem Dorf Xinaliq aus sind das 1700 Höhenmeter Aufstieg.

Wir starten mit Skiern auf dem Rücken, queren einen Fluss und finden bald ausreichend Schnee in Rinnen und Mulden, um die Ski anschnallen zu können. Babek steigt dagegen zu Fuß auf schneefreien Geländerücken aufwärts. Ab 3000 Meter Höhe folgen wir dem ausgesetzten Grat. Bald lassen auch wir die Ski zurück, da der weitere Weg abgeblasen ist und die steilen Firnflanken aufgrund der hohen Temperaturen bereits durchnässt sind. Ein kräftiger Wind empfängt uns am Gipfel, von wo aus unser Blick auf die wilde Bergkulisse mit den Felsbastionen von Gyzil Gyaya und Shahdag schweift. Babek ist mit unserer Form zufrieden und staunt, wie wir unsere Spuren in den Schnee zaubern. Zuletzt ermöglicht uns eine große Schlucht mit reichlich Lawinenschnee die Abfahrt bis zum Hangfuß.

Babek Orabanli Am Grat zum Xinaliq Dagi

Zurück in der Unterkunft und frisch gestärkt planen wir die weiteren Tage. Der Blick auf das Wetter verheißt allerdings nichts Gutes. Uns bleibt noch ein sonniger Tag, dann sollen drei Tage Schneefall mit bis zu einem Meter Neuschnee folgen. Vor uns liegen weitere 17 Kilometer bis zum eigentlichen Basislager für die Besteigung des Bazardüzü.

Zwischen hohen Bergen und Bürokratie

Wir entscheiden uns, den schönen Tag für den Transfer in den Nationalpark zu opfern, um den Gipfel bald in Angriff nehmen zu können. Als wir jedoch in Baku anrufen, um Freigabe für den Eintritt in den Nationalpark zu erhalten, erfahren wir: Der Weg über den Pass ist nicht passierbar und eventuell erst am folgenden Tag gerichtet - „Safety first" lässt grüßen.

Monika Deisenberger Unterwegs in Xinaliq

Die Sonne am nächsten Morgen tröstet uns jedoch schnell und wir starten eine weitere Skitour von Xinaliq aus. Im Bergdorf beobachten uns die Einheimischen interessiert - sicher sind wir ein kurioser Anblick. Weiter geht's den Hang hinauf zur nordwestlich vom Dorf gelegenen Kaserne. Hier müssen wir vorerst warten, lächeln und unsere Reisepässe zeigen. Für heute dürfen wir gewähren. Allerdings sollen wir den Schießplatz auf unserem Rückweg beachten, und wir dürfen uns nur noch einen Tag in der Region nahe der russischen Grenze aufhalten. Da benötigt es schon unseren Joker in Baku, Arzu, der sich für eine längere Verweildauer einsetzt.

Wie am Vortag legen wir eine Aufstiegsspur durch weiße Flanken und Mulden, während Babek versucht, auf schneefreien Geländerücken mitzuhalten. Auf 3150 Metern Höhe stehen wir am Gipfel und genießen anschließend die Abfahrt durch feinsten Frühjahrsfirn.

Das Essen in unserer Unterkunft hebt zusätzlich die Stimmung, die Zeichen für unsere Weiterreise dagegen weniger. Geschlossene Straßen und schlechtes Wetter gefährden unser großes Vorhaben. Wir bleiben jedoch hartnäckig und nach einigen Telefonaten mit Arzu können wir ihn von unserem Plan überzeugen. Am nächsten Morgen laden wir den Großteil unseres Gepäcks auf Pferde. Die gesamten 17 Kilometer bis zum Basislager - eine meteorologische Station im Shahdag National Park (Şahdağ Milli Parkı) - können wir dank des Neuschnees komplett auf Skiern bewältigen.

Gleich hinter dem Dorf erreichen wir den Eingang zum Nationalpark, wo wir wieder Formalitäten erledigen müssen. Weniger bürokratisch geht es dagegen am nahegelegenen Grenzposten zu. Hier beeindrucken uns dafür Sturmgewehre und die zahlreichen mannsgroßen Hunde. Bei fortwährendem Schneefall steigen wir über einen Pass in ein Hochtal auf, flankiert von den höchsten Bergen des Ostkaukasus. Schon von weitem entdecken wir die meteorologische Station, die Berge bleiben jedoch in Wolken gehüllt.

Auf der Station überrascht uns der hohe Standard im eigenen Bungalow: Hier lässt es sich aushalten! Weniger überraschend ist leider das Wetter am nächsten Morgen. Tiefhängende Wolken und andauernder Schneefall machen ein Aufbrechen in die unbekannten Berghänge unmöglich. Zumindest kundschaften wir eine Schlüsselstelle des Anstieges zum Bazardüzü aus, wo 1000 Meter hohe Felswände das Tal zu einer engen Schlucht werden lassen. Lawinen enden hier zwangsläufig am gegenüberliegenden Hang. Wir taufen diesen Abschnitt deshalb „Mausefalle". Unterwegs verraten uns zahlreiche frische Wolfsspuren, dass wir hier nicht allein sind.

Andreas Aschaber In der Mausefalle

Neben dem Wetter macht uns aber auch die aserbaidschanische Bürokratie einen weiteren Strich durch die Rechnung: Ein Hochlager, das bei einem über 18 Kilometer langen Anstieg bis zum Gipfel üblich ist, wird uns untersagt. Nach kurzer Überlegung erscheint uns der Plan, den Gipfel an einem Tag zu versuchen - also mit wenig Gepäck und einer warmen Unterkunft am Abend - als gar nicht so schlechte Idee.

Kay Helfricht Babek auf Ski

Die Vorhersage empfiehlt, für das perfekte Gipfelwetter noch einen weiteren Tag an der Station zu warten. Wir vertreiben uns die Zeit damit, Babek in Verschüttetensuche zu unterrichten. Dann steigen wir am Hang bei unserer Hütte auf. Steil geht die Spur gegen die Felswand und weiter durch eine Rinne etwa 300 Meter empor, bis wir die Wolkengrenze erreichen. Bei der Abfahrt genießen wir frischen Pulverschnee. Anschließend darf auch Babek ran, er hat sichtlich Spaß.

Voller Vorfreude bereiten wir uns auf den Gipfeltag vor, an dem es gegen fünf Uhr morgens losgehen soll. Doch wieder bringt „Safety first" unseren Plan fast zum Scheitern: Baku meldet, dass von Nationalparkverwaltung und Militär alle Gipfel wegen Lawinengefahr gesperrt seien. Wir stufen die Situation jedoch als weniger dramatisch ein. Stunden der Beratung und ein paar Telefonate später lösen wir das Problem, indem wir schriftlich erklären, sämtliche Warnungen anzuerkennen, die Tour nach bestem Gewissen durchzuführen und alle Konsequenzen auf uns zu nehmen. Kaum von allen unterschrieben, gibt es auch eine Variante auf aserbaidschanisch – was wir da signierten, wissen wir bis heute nicht.

Auf zum Bazardüzü

Pünktlich nach der Tiefschlafphase klingelt am nächsten Morgen der Wecker und wir ziehen in die kalte, kaukasische Nacht. Im Morgenrot durchqueren wir rasch und mit reichlich Abstand die Mausefalle und verweilen erst auf 3100 Meter am Frühstücksplatzl. Von hier aus geht es über weit ausgedehnte Flanken und Hangrücken auf den Bazardüzü. Dann ist er endlich erreicht: Bei Sonne und wenig Wind stehen wir nach 18,5 Kilometern, 2000 Höhenmetern und sieben Stunden auf dem Gipfel und danken insgeheim Babek und Arzu für Ihre Kompromissbereitschaft. Der Blick auf die umliegenden, weiß glänzenden Berge und das dahinter liegende Wolkenmeer ist grandios.

Kay Helfricht Im Aufstieg

Dann fahren wir nahe der Aufstiegsspur ab und genießen dabei das großartige Skigelände. Es gäbe viele weitere Abfahrten zu entdecken, aber ohne Ortskenntnis und bei viel Neuschnee verzichten wir lieber auf Experimente. Als wir das Hochtal erreichen, müssen wir noch 1,5 Stunden wandern, bis wir glücklich an der Station empfangen werden - natürlich wieder mit dampfendem Azercay. Der Chef der meteorologischen Station bittet uns, ins Gästebuch zu schreiben - unser Trip war wohl die erste Skibesteigung des Bazardüzü..

Kay Helfricht A Traum!

Der nächste, sonnige Morgen offenbart nochmals die zahlreichen Möglichkeiten für Skitouren in den umliegenden Bergen. Für uns geht es aber leider schon auf den Rückweg. Noch am Abend desselben Tages erreichen wir erneut Baku. Auch Arzu möchte uns persönlich gratulieren und lädt uns in sein neues Haus ein. Am nächsten Tag bewundern wir neue und alte Paläste, Öl-und Gasindustrie und deren Schattenseiten in Baku und der Umgebung.

Auf dem Heimflug denken wir nochmal zurück an die Reise: an mühsame Bürokratie, die sonnige Abfahrt vom höchsten Berg im Ostkaukasus, die grandiose Landschaft mit seinen abgeschiedenen Bergdörfern und an die hilfsbereiten und vorsichtigen Gastgeber mit ihrem Motto: „Safety first".

Informationen:

Reiseteilnehmer: Carmen Satori (Kiens, Südtriol), Monika Deisenberger (Saalfelden, Salzburg), Andreas Aschaber (Kirchberg in Tirol), Gerhard Ehrenmüller (Innsbruck, Tirol), Robert Wiesner (Innsbruck, Tirol) und Kay Helfricht (Innbruck, Tirol)

Wir bedanken uns für die Unterstützung der Reise bei: SALOMON, LEKI und den unheimlich leckeren Gonat's .

Die Bergfahrt wurde im Rahmen des Klubausfluges der HG Karwendler organisiert und fand vom 25. März bis 4. April 2016 statt. 

Für Bergbesteigungen im Nationalpark nimmt man am besten Kontakt mit dem aserbaidschanischen Extremsportverband FAIREX auf. Arzu Mustafayev war zur Zeit der Reise Vizepräsident des Verbandes, Babek Orabanli ein geselliger, ausdauernder Begleiter und tüchtiger Koch. 

Lufthansa bietet Direktflüge von München nach Baku an.

 

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